Dokumentarfilmfestival Nyon

Von Migranten, Schelmen, Ökonomie

Der Hauptpreis für einen knochentrockenen, überlangen Politfilm, der Abräumer ein berührendes Porträt einer 86-jährigen Frau. Auf diese Kürzestformel gebracht, ging gestern Abend in Nyon ein rundum gelungenes Festival zu Ende, das mit rund 30 000 Zuschauern erneut stark zulegte.

Bewegend authentische Darstellung: Swetlana Geier, die 86-jährige Protagonistin im Siegerfilm in Nyon. (zvg)

Bewegend authentische Darstellung: Swetlana Geier, die 86-jährige Protagonistin im Siegerfilm in Nyon. (zvg)

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Es war einer der bewegendsten Momente von Visions du réel 2009, als am frühen Abend des vergangenen Sonntags eine kleine, weisshaarige Frau, stark gebückt und von Regisseur Vadim Jendreyko gestützt, das Podium der stickigen Salle communale betrat. Von Festivaldirektor Jean Perret um das erste Wort gebeten, sagte sie lächelnd: «Spasiba», streckte die Hände zum Publikum im bis auf den letzten Platz besetzten Saal aus, «das heisst ,Vergelts Gott‘.» Jean Perret erwähnte daraufhin, dass sie Geburtstag habe, doch es war klar, mehr wollte Swetlana Geier in jenem Moment nicht sagen.

Fünf literarische Schlüsselwerke

Die Weltpremiere jenes Films, der sich um ihr Leben dreht, hatte sie sichtlich mitgenommen, und in den 90 Minuten davor hatte man in der – mehrmals von spontanem Szenenapplaus begleiteten – Vorführung genug Zeit gehabt, das freundliche und zerfurchte Gesicht der 1923 in Kiew geborenen Frau zu studieren und ihre scharfsinnigen Ausführungen zu bewundern.

«Die Frau mit den 5 Elefanten» heisst der Film von Vadim Jendreyko, der 1965 in Deutschland geboren wurde, heute in Basel lebt und 2002 für «Bashkim» den Schweizer Filmpreis erhalten hatte.

Was es nun mit den «5 Elefanten» auf sich hat, eröffnet Jendreykos neuester Film erst ganz am Schluss. Es sind die fünf grossen Romane von Fjodor Dostojewski, jeder von ihnen über tausend Seiten stark, die aufgestapelt neben Frau Geier auf dem Stubentisch in ihrer Wohnung in Freiburg i.Br. liegen. Seit 1992 hat sie diese fünf Schlüsselwerke der russischen Literatur von Grund auf neu ins Deutsche übersetzt, nachdem sie bereits im Teenageralter in ihrer Heimatstadt Kiew Deutsch gelernt hatte – und seit 1943 lebt sie in Deutschland. «Die Frau mit den fünf Elefanten» erzählt die unglaubliche Geschichte einer hochbegabten Frau, die es schaffte, mit viel Glück den Stalinismus und die Naziherrschaft in ihrer Heimat zu überleben, um dann 1943, mitten im Zweiten Weltkrieg, nach Deutschland zu übersiedeln und dort auch nach Kriegsende zu bleiben und sich ein neues Leben als Sprachwissenschaftlerin und Vermittlerin zwischen russischer und deutscher Kultur aufzubauen.

Suche nach einer neuen Existenz

Als Migrationsgeschichte behandelt «Die Frau mit den 5 Elefanten» – der neben dem «Prix SRG SSR idée suisse» auch noch die Preise von zwei weiteren Jurys erhielt – eines der brennendsten Probleme der Gegenwart, und natürlich fand dies in Nyon seinen Niederschlag in zahlreichen weiteren Filmen über Menschen, die in einem fremden Land nach einer neuen Existenz streben. Einer dieser Filme war «Cash and Marry», der umwerfende Erstling des in Wien lebenden Mazedoniers Georgiev Atanas, der den Preis des Wettbewerbs der «Regards neufs» erhielt (ex aequo mit «Babaji, an Indian Love Story» des Holländers Jiska Rickels). «Cash and Marry» ist eine moderne Schelmengeschichte von zwei jungen Männern aus dem Balkan, die in Wien versuchen, zu überleben. Einer der Männer ist der Filmemacher selber, der seinem Freund aus Bosnien, dessen Visum abgelaufen ist, bei der Suche nach einer österreichischen Frau für eine Scheinehe zwecks Erlangung einer Aufenthaltserlaubnis behilflich ist.

Mit akademischer Strenge

Während dieser Film mit viel Witz und sarkastischem Humor die Absurditäten einer globalisierten Welt angeht, nahm sich ein Film aus dem Hauptwettbewerb mit akademischer Strenge und in knochentrockenen, starren Plansequenzen der Hintergründe jener ökonomischen Mechanismen an, die in das gegenwärtige Desaster auf den Finanzmärkten führten.

Der mit viel Spannung erwartete Schwarzweissfilm «L'encerclement – La démocratie dans les rets du néolibéralisme» des Kanadiers Richard Brouillette erhielt schliesslich – etwas diskussionswürdig für einen Dreistünder, der fast nur mit Talking Heads von Experten arbeitet – den mit 20 000 Franken dotierten Hauptpreis des Festivals.

Wie die Auswirkungen jener von «L'encerclement» angeprangerten neoliberalen Weltwirtschaftsordnung konkret aussehen, führte schliesslich «Les damnés de la mer» eindrücklich vor Augen.

Der mit dem Preis der Publikumsjury ausgezeichnete Film von Jawad Rhalib, einem in Belgien lebenden Marokkaner, zeigt marokkanische Fischer, die mit ihren kleinen Booten zur Untätigkeit verdammt sind, derweil weit draussen europäische Hightech-Kutter die Fanggründe leer fischen – ein ungemein starkes Bild für eine aus den Fugen geratene Welt. (Der Bund)

Erstellt: 30.04.2009, 09:00 Uhr

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