«Trotzdem sind es Menschen»

Leben auf achteinhalb Quadratmetern und mit einer schweren Schuld: Der Berner Dieter Fahrer hat für seinen neuen Dokumentarfilm hinter die Gitter der Strafanstalt Thorberg geblickt.

«Ich habe eine Affinität zu Menschen, die entgleisen, weil ich selber auch schon entgleist bin»: Filmemacher Dieter Fahrer in seinem Atelier.

«Ich habe eine Affinität zu Menschen, die entgleisen, weil ich selber auch schon entgleist bin»: Filmemacher Dieter Fahrer in seinem Atelier. Bild: Adrian Moser

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Seit Ende 2009 gehen Sie auf dem Thorberg ein und aus. Wie bekommt man den Schlüssel zu einer Strafanstalt?
Der ehemalige Thorberg-Direktor Hans Zoss war ein wichtiger Türöffner. Er hat die Fähigkeit, Vertrauen zu schenken. Das Gefängnis ist ja ein Ort des Misstrauens: Zum Job des Sicherheitspersonals gehört es, misstrauisch zu sein. Von dieser Seite kam auch Wider stand. Doch nach einiger Zeit bekam ich einen Schlüssel, konnte mich frei bewegen und mich mit den Insassen in der Zelle einschliessen lassen. Ausserdem gab es keine Zensur; ich konnte alles, was ich gedreht hatte, mitnehmen.

Und wie schafften Sie es, dass sich die Gefangenen filmen liessen?
Es war ein langer Prozess, in dem es immer wieder Rückschläge gab. Ich investierte viel Zeit, redete auch mit Angehörigen und Anwälten. Und ich nahm es genau mit dem Persönlichkeitsschutz. Wichtig war auch die Videowerkstatt, die ich mit meinem Kollegen Marcel Wyss leitete.

Was passierte da?
Vor dem eigentlichen Dreh konnten Insassen selber an eigenen Filmporträts arbeiten. Ich erklärte ihnen die Kamera, und sie durften sie dann in die Zelle mitnehmen und sich filmen. Manchmal übernahm ich die Kamera und brachte zum Filmen noch einen anderen Insassen mit. Da ergaben sich berührende Momente: als zum Beispiel einer vom Tod seiner Eltern berichtete und ihm dabei die Tränen kamen. Die Gefangenen begegnen sich untereinander sonst kaum auf so persönlicher Ebene. Im Gefängnis muss man stark sein und seine Maske wahren.

Kurz vor Kinostart von «Thorberg» öffnet auch die gleichnamige Ausstellung im Museum für Kommunikation, die Sie mit Filmporträts gestaltet haben. Warum blieb es nicht beim Film?
Schon früh während der Recherche merkte ich, dass die Vielfalt von Geschichten und Themen in einem Film nicht zu bewältigen ist – Männerbilder, Sucht, Asylproblematik und so weiter. Da wollte ich einen weiteren Zugang ermöglichen. Das Publikum soll die Geschichten physisch erfahren – in nachgebauten Gefängniszellen.

Wie begann Ihre Verstrickung mit dem Thema Strafvollzug? Sie waren ja selber schon in Haft.
Ja, aber nur kurz – das war, als ich den Zivilschutz verweigerte. Ich merkte damals, dass es in einem System, das gewisse Normen setzt, auch Formen des Eingeschlossenwerdens gibt, die ich nicht gutheissen konnte. Natürlich ist das Strafrecht eine wichtige Errungenschaft, natürlich ist es unabdingbar, dass man klare Regeln setzt. Aber es gibt vieles zu diskutieren, was den langjährigen Freiheitsentzug in geschlossenen Anstalten betrifft. Der Film soll etwas zu dieser Diskussion beitragen.

Hat sich Ihre Haltung gegenüber dem Vollzugssystem mit «Thorberg» verändert?
Nicht grundsätzlich, aber ich kann vieles, was ich erahnt habe, nun genauer begründen. So finde ich es hochproblematisch, wie die Gefangenen auf dem Thorberg in ihren körperlichen Bewegungsmöglichkeiten eingeschränkt werden. Das Sicherheitsbedürfnis der Gesellschaft ist so gross, dass man alle Aussenarbeitsplätze in den letzten Jahren abgeschafft hat. Ein Fussballfeld oder eine Turnhalle gab es gar nie. Es gibt nur einen kleinen Spazierhof und einen Kraftraum, wo sich die Insassen auspowern und oft den Rücken kaputt machen. Auch die Ausbildungsmöglichkeiten sind ungenügend.

Sind Sie mit Ihrer kritischen Haltung beim Drehen nicht angeeckt?
Gewisse Fragen kristallisierten sich erst beim Schneiden heraus. Nun, im Zusammenhang mit der Lancierung des Films, komme ich aber nicht umhin, auch zu sagen, was ich verändern würde.

Was wäre das?
Wenn wir uns entscheiden, dass es lebenslängliche Verwahrung gibt, müssen wir überlegen, wie Strafvollzug als Altersheim funktioniert. Was, wenn die Leute im Gefängnis pflegebedürftig werden? Oder auch Grundsätzliches: Der Schutz der Gesellschaft kann nicht nur darin bestehen, dass man die Leute wegschliesst. Denn die meisten kommen wieder raus. Den grössten Schutz der Gesellschaft erreichen wir, wenn die «Strafzeit», so wie es der Philosoph Hans Saner schon 1983 formuliert hat, als «Lernzeit» genutzt wird.

Im Film stellt ein Insasse die gängige Praxis mit den Worten infrage: «Man limitiert im Gefängnis die Möglichkeiten und will gleichzeitig, dass sich die Leute ändern – wie denn?» Ist das auch Ihre Haltung?
Nicht nur meine. Hans Zoss etwa äusserte wiederholt, dass Strafe an sich nichts bringt. Und dass man bei jenen, die auf einem guten Weg sind, relativ früh Vollzugslockerungen bewilligen soll: ihnen früh Möglichkeiten bieten, sich in dieser Welt zu bewähren. Aber das ist natürlich völlig unrealistisch, wenn man sieht, wie die Öffentlichkeit tickt, wie Rechtsaussenparteien ticken, wie gewisse Medien Sensationslüsternheit schüren. Natürlich sind das happige Straftaten, die diese Männer begangen haben, aber trotzdem sind es Menschen.

Was wussten Sie vorher über die Männer, die Sie porträtieren?
Ich hätte die Möglichkeit gehabt, in die Dossiers zu schauen, aber ich tat es nicht. Ich wählte meine Protagonisten, weil mich jemand anzog oder, im Gegenteil, auch abstiess. Da waren Energien, die nicht gerade heimelig waren. Angst hatte ich nie, denn auf dem Thorberg geht es nicht zu wie in einem amerikanischen Knastfilm.

Fragten Sie die Männer nach ihren Delikten?
Ich überliess es weitgehend ihnen, wie viel sie preisgeben wollten. Einige Protagonisten sagen im Film nichts Genaueres über die Delikte, aber das ist auch nicht das Thema. Die Frage ist, wie sie damit leben. Andere dagegen schilderten die Straftaten ausführlich. Da musste ich behutsam vorgehen, um sie nicht auszustellen oder eine Sensationslust zu befriedigen, was ich auf keinen Fall möchte.

Das heisst, der Blick in die Abgründe interessierte Sie nicht?
Natürlich wird man davon angezogen. Es sind Halbwelten, Unterwelten, Zwischenwelten und Nebenwelten. Das Entgleisen ist auch immer etwas Dramatisches. Doch ein Filmemacher, der ja Teil der Medienwelt ist, muss sich dieses schmalen Grats stets bewusst sein. Jedes Bild ist eine Wertung.

Straftäter sind keine Sympathieträger. Warum schaut man als Filmemacher trotzdem genauer hin?
Es braucht viel, um sich als Zuschauer in einem Kriminellen zu erkennen, anders als etwa bei meinem letzten Film «Que sera?», in dem es um ein Altersheim ging. Es ist viel einfacher, zu sagen, auf dem Thorberg seien die «Souhüng», und sich dann abzuwenden. Um sich nicht mit seinem eigenen «Souhung» konfrontieren zu müssen. Das ist das, was breite Kreise tun.

Sie schreiben zum Film: «Da, wo die Gesellschaft längst auf Distanz gegangen ist, wird Nähe möglich.» Weshalb verlieren Sie absichtlich die Distanz?
Es ist anders: Ich habe eine Affinität zu Menschen, die entgleisen, weil ich selber auch schon entgleist bin und weil mir das immer wieder passieren könnte. Das Stolpern und Straucheln gehört zu meinem Leben. Ob man kriminell wurde oder nicht, die Frage stellt sich ja in jedem Leben: Wie werde ich ein freier Mensch?

Liessen sich solche Fragen auf dem Thorberg beantworten?
Die Frage nach der Schuld hat mich interessiert, gerade im Zusammenhang mit der Frage nach der Willensfreiheit. Doch für die Insassen auf dem Thorberg war dies kein Thema. Viele bekennen sich klar zu ihrer Schuld. Jemand, der ein Tötungsdelikt begangen hat, kann das nicht wiedergutmachen. Ich glaube, frei werden von Schuld, das kann nur der Täter selber, was immer er auch getan haben mag. Indem er erkennt und bereut, indem sich ein Wandel vollzieht, indem er freier und damit auch freiheitsfähig wird, wie man sagt. Ich werde manchmal gefragt, warum ich nicht auch auf die Opfer oder die Vollzugsbeamten fokussiert habe – aber man kann in einem Film nicht alles mit einbeziehen. So sind ja auch die Angehörigen der Täter, die ebenfalls unter der Situation leiden, im Film kaum ein Thema.

In der Zelle sei man nicht Körper, sondern nur Gedanke, sagt ein Insasse. Wie lange durften Sie mit den Gefangenen in der Zelle sein?
Die längstmöglichen Einschlussphasen waren zwei, drei Stunden am Stück. Ich kann mich gut erinnern an einen Sonntag, als ich spürte, wie diese drei Stunden lang wurden. Und dann stellt man sich vor, wie sich das für Jahre anfühlt.

Zeit wird zu einer Art Währung im Gefängnis.
Ja, und sie ist paradox. Einerseits gibt es den streng getakteten, immer gleichen Tagesrhythmus, andererseits die Zeit, die sich im Nichts verliert, die man einfach totschlagen muss. Es ist ein Glück, wenn es jemandem gelingt, sozusagen etwas Mönchisches zu entwickeln: im Alleinsein mit sich selbst einen Weg zu finden, die Jahre zu überstehen.

Kann man als Filmer, der am Abend wieder heimfährt, wirklich nachvollziehbar machen, wie sich das Eingesperrtsein anfühlt?
Das war die grosse Herausforderung: Wie kann ich etwas vermitteln, das ich nicht kenne und nur erahne, und das filmisch schwer darstellbar ist? Wir mussten auch eine Dramaturgie finden in einem Umfeld, wo eigentlich dramaturgisch nur wenig geschieht. Die Männer sitzen ihre Strafe ab – und Sitzen ist ja nichts Dynamisches. Handwerklich ist es natürlich spannend, Ödnis zu vermitteln, ohne dass es langweilig wird.

Was auffällt, ist die Lichtgestaltung. Das Licht von draussen wird im Film häufig durch die Gitter gesiebt und wirft Schatten. Ist das ein Effekt, den Sie bewusst gesucht haben?
Ich sehe immer wieder Bilder, die über sich hinausweisen. Natürlich wusste ich, zu welcher Zeit die Abendsonne in den Kraftraum scheint und dass es dann diese Schatten gibt. Solche Dinge gehören ja auch zur Recherche. Es war mir wichtig, dass das Publikum die Präsenz der Gitter spürt. Aber ich habe ganz ohne künstliches Licht gearbeitet. Das Einzige, was ich mitgenommen habe, waren gewöhnliche Glühbirnen. Denn in den Zellen hängen nur schwache Sparlampen, die zum Filmen nichts taugen – zum Leben eigentlich auch nicht.

Sind Sie noch in Kontakt mit Ihren Protagonisten?
Ja, zum Teil sind das nahe Kontakte. Ein Teil der Männer ist mittlerweile ausgeschafft oder in anderen Gefängnissen. Einen Mann konnte ich vor kurzem in Genf auf seinem letzten Freigang vor der Ausschaffung treffen. Diese Begegnung wühlte mich auf, weil ich merkte, was es heisst, nach elf Jahren freizukommen.

Konkret?
Er zuckt immer noch jedes Mal zusammen, wenn er einen Schlüsselbund hört, erschrickt, wenn ein Bus an ihm vorbeifährt. In einem Laden liess ihn eine Schaufensterpuppe zusammenfahren. Seine Verbindung zur realen Welt war für Jahre völlig gekappt und existierte nur noch über den Fernseher und das Telefon.

Was hat der Film bei den Gefangenen ausgelöst?
Die Reaktionen bei der Vorpremiere auf dem Thorberg waren eindrücklich: Ich hatte noch nie eine so konzentrierte Stimmung erlebt, es war mucksmäuschenstill im Saal. Viele gratulierten mir anschliessend. Es gab natürlich ein paar, die fanden, ich hätte das Vollzugssystem härter anklagen sollen. Ich wollte aber nicht einen Film machen, der sich auf eine simple Aussage reduzieren und instrumentalisieren lässt. Die Welt ist komplex, der Thorberg auch. (Der Bund)

Erstellt: 25.08.2012, 20:41 Uhr

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Drei Jahre hat der Berner Regisseur, Kameramann und Produzent Dieter Fahrer («Que sera?», «SMS from Shangri-La») an seinem Film gearbeitet. Darin porträtiert er sieben Insassen der Strafanstalt Thorberg – Männer mit Delikten wie Mord oder schwerer Körperverletzung. Sie erzählen von ihren Straftaten, ihren Möglichkeiten und ihren Strategien, die Zeit und das Eingeschlossensein zu überdauern. Der Film betont das Menschliche, macht die räumliche Enge und die monotonen Rhythmen des Gefängnisalltags sicht- und spürbar (Schnitt: Maya Schmid, Ton: Balthasar Jucker). «Thorberg» wird am Samstag, 1. September, in einer «Bund»-Filmmatinee (Kino Movie) gezeigt und läuft ab 6. September in den Schweizer Kinos.

Daneben hat Dieter Fahrer eine «Kammerausstellung» mit 18 kurzen Filmporträts für das Museum für Kommunikation in Bern gestaltet. In sechs Gefängniszellen in Originalgrösse wird die isolierte Welt des Strafvollzugs für das Publikum nachvollziehbar. Die Ausstellung «Thorberg. Hinter Gittern» dauert von 30. August bis 28. Oktober.

Zeitgleich zeigt der Berner Fotograf Hansueli Trachsel im Museum Krauchthal seine Fotoporträts von Thorberg-Gefangenen: «Menschen vom Hoger – Leben in der Strafanstalt Thorberg» dauert von 24. August bis 2. Dezember. (reg)

Informationen: www.thorberg.ch, www.mfk.ch, www.krauchthal.ch.

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