Schicksale «Under Construction»

Ein Zirkus als Sicherheitsnetz: Im Dokumentarfilm «Glückspilze» der Bernerin Verena Endtner finden russische Strassenkinder einen sicheren Hort.

Der sechsjährige Danja ist einer der glücklichen kleinen Artisten.

Der sechsjährige Danja ist einer der glücklichen kleinen Artisten.

(Bild: zvg)

Regula Fuchs

Es ist kalt in St. Petersburg. Die Schiffe auf dem Fluss pflügen sich durchs Eis. Wer jetzt auf der Strasse lebt, tut das nicht freiwillig. Wie die 22-jährige Nastja, die seit zehn Jahren obdachlos ist und aussieht wie ein Junge. Sie ist die traurige Gestalt im Dokumentarfilm «Glückspilze» der Bernerin Verena Endtner. Denn sie gehört nicht zu jenen Kindern von der Strasse, aus Heimen oder Problemfamilien, die beim Zirkus Upsala eine Beschäftigung für den Körper und ein Zuhause für die Seele gefunden haben.

Einer von den Glückspilzen ist Mischa, der junge Mann, der seit zehn Jahren bei Upsala trainiert. Früher, sagt Larissa, die Direktorin, habe er davon geträumt, möglichst viele leere Flaschen zu sammeln, um sich mit dem bisschen Geld Zigaretten und Wodka zu kaufen. Heute sehen seine Träume anders aus, bunter, zuversichtlicher. Er trainiert nun andere Kinder, übernimmt Verantwortung für sie und sich selber. Oder Danja, der Sechsjährige mit dem breiten Grinsen. Er ist der kleine Star der Truppe. Seine Mutter ist kürzlich gestorben, sein Vater sitzt im Gefängnis, er selber wohnt in einem Kinderheim. Der kleine Kerl ist sozusagen die Jongliermasse der Grösseren, sie heben ihn hoch, werfen ihn durch die Luft und vor allem: fangen ihn sicher wieder auf.

8500 Strassenkinder in St. Petersburg

Verena Endtner macht in ihrem ersten langen Dokfilm kurz vor den Olympischen Spielen in Sotschi auf ein Problem aufmerksam, das in den letzten Jahren in Russland stetig grösser wurde. Man schätzt, dass in St. Petersburg allein mehr als 8500 Kinder auf der Strasse leben – abgehauen aus einem lieblosen, von Alkohol und Drogen verseuchten Zuhause. So wie der kleine Igor, der Sohn einer überforderten alleinerziehenden Mutter von vier Kindern, der übersät ist mit Wunden an Körper und Geist. Immer wieder reisst er von daheim aus, aus dieser heruntergekommenen Wohnung, wo die Tapeten ebenso mitgenommen aussehen wie die herumlungernden Katzen.

Es sind eben nicht nur Erfolgsgeschichten wie jene von Mischa oder Danja, die «Glückspilze» erzählt, denn Igor kann mit dem Zirkus und seinen Regeln nicht viel anfangen und hört schliesslich mit dem Training auf. Dass es stark dem Zufall geschuldet ist, ob ein Kind seinen Weg in die Manege und womöglich in ein sicheres Leben findet oder vielleicht doch wieder auf der Strasse landet – das macht die sorgfältige Auswahl der vier Protagonisten deutlich.

Den Glückspilzen unter ihnen öffnen sich neue Möglichkeiten und Welten – etwa im Training mit der Schweizer Humorfachfrau Gardi Hutter oder auf der Europa-Tournee, auch in der Schweiz, wo die Kinder Freundschaften schliessen und Selbstvertrauen tanken. Auch wenn Upsala nichts mit der üblichen Hochglanz-Artistik im Zirkusgewerbe zu tun hat, sondern mit seiner poetischen Akrobatik eher der Tradition des Nouveau Cirque angelehnt ist, so sind die Ansprüche doch hoch: «Ihr wart am Anfang wie pampige Eiskrem!», schimpft Direktorin Larissa nach einer Tournee-Vorstellung.

Der Film hört auf, das Leben nicht

Endtner begleitete den Zirkus und die Kinder über ein Jahr hinweg – und schafft es, bei allem Mitgefühl für die krummen Schicksale doch eine gewisse Nüchternheit zu bewahren. Der Film hört irgendwann auf, das Leben aber geht weiter – was aus dem Strassenmädchen Nastja, dem Ausreisser Igor, dem Zirkuskind Danja und dem Artisten Mischa werden wird, ist ungewiss. Wie stimmig, dass Danja einmal durchs Bild huscht mit einem Shirt, auf dem steht: «Under Construction».

Ab 16. Januar im Kino. Vorpremiere zum russischen Neujahr und in Anwesenheit von Gardi Hutter, Protagonisten und Filmemachern: heute Montag, 13. Januar, 20.30 Uhr, Kino Bubenberg.

Der Bund

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