Rocky schlägt noch einmal zu

40 Jahre nach dem ersten Film spielt Sylvester Stallone zum siebten Mal die Paraderolle – sein Weg als Boxer in acht Runden.

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Matthias Lerf@MatthiasLerf

Letzten Sonntag, an der Golden-Globe-Verleihung: Sylvester Stallone (69) hat soeben die Auszeichnung als bester Nebendarsteller gewonnen. Er dankt den Produzenten, die damals «auf einen murmelnden Schauspieler setzten». Und er dankt ganz besonders dem «imaginären Rocky Balboa, weil er der beste Freund ist, den ich je hatte».

Rocky hat also wieder einmal gewonnen. Dabei hatte der Schauspieler und Regisseur eigentlich längst mit seinem Freund abgeschlossen: Zweimal drehte er schon den «allerletzten ‹Rocky›-Film», zuletzt vor zehn Jahren mit «Rocky Balboa». Aber dann kam Ryan Coogler, Regisseur des vielfach preisgekrönten «Fruitvale Station». Und der 29-Jährige, der zur Welt kam, als gerade «Rocky IV» in den Kinos lief, schaffte es, sein Idol noch einmal zurück an den Ring zu holen.

«Creed» heisst der jetzt in der Deutschschweiz anlaufende neue Film, und das lässt natürlich die Fans der Saga aufhorchen. Apollo Creed war in den ersten beiden «Rocky»-Filmen der Gegner des italienischen Hengstes, später dann sein Trainer, bevor er von einem russischen Gegner im Ring tödlich verletzt wurde. Und jetzt...


Regisseur Coogler hat wirklich einen neuen Zugang zur alten Boxergeschichte gefunden. Sein «Creed» ist anders, atmet aber trotzdem den «Rocky»-Geist, enthält vom zu erobernden Girl bis zum väterlichen Trainer alle Elemente, die es im Genre braucht. Und gibt Sylvester Stallone die Würde zurück, die er in dieser Rolle verdient. Denn sein Weg als Rocky war von Höhen und Tiefen geprägt wie ein Boxkampf.

1. Runde. An der Oscarverleihung im März 1977 triumphiert ein Film namens «Rocky» und schlägt dabei so renommierte Konkurrenten wie «Taxi Driver» und «All the President’s Men». Die Geschichte des Underdogs aus Philadelphia, der seine Chance packt, erobert die Filmwelt im Nu. Geschrieben hat sie der damals 30-jährige Hauptdarsteller Sylvester Stallone, der mit einem Schlag weltberühmt wird. Es ist der Beginn einer lebenslangen Freundschaft.


2. Runde. Jetzt will es Sylvester Stallone wirklich wissen. 1979 präsentiert er «Rocky II», in dem er auch noch selber Regie führt. Es geht um den Revanchekampf gegen Apollo Creed, gegen den er im ersten Film noch – äusserst ehrenhaft – verloren hatte. Dieses Mal gewinnt Rocky. Dafür gibts nicht mehr so gute Kritiken wie beim ersten Mal und auch keine Oscars. Aber der Film wird ein Hit.

3. Runde. 1982 ist Rocky Weltmeister im Schwergewicht. Und Sylvester Stallone einer der erfolgreichsten Stars der Welt. Er wird bald eine weitere legendäre Figur ins Kino bringen: Rambo. Aber zuvor dreht er «Rocky III», und sein imaginärer Boxfreund ist wieder Spiegel seines Lebens: Er geniesst den Ruhm, scheffelt Geld mit Werbeauftritten und Schaukämpfen – und verliert deswegen seine Titel an einen jungen, hungrigen Boxer. Erst Apollo Creed als Trainer bringt ihn zurück. Am Ende tragen die beiden Freunde einen geheimen dritten Kampf aus. Wer gewinnt, wird nicht enthüllt: Der Nachspann beginnt mit den ersten Faustschlägen.

4. Runde. Der vierte Teil der Saga wird 1985 zum «Kampf des Jahrhunderts» zwischen den beiden Supermächten stilisiert: Die sowjetische Kampfmaschine Ivan Drago tötet in einem Schaukampf Rockys Freund Apollo, worauf Stallone beim Rückkampf in Moskau selber in den Ring steigt. Am Ende des Fights mit dem gedopten Hünen jubeln ihm gar die russischen Zuschauer zu. Der schon fast lächerlich aufgeblasene Film gewinnt keine Oscars – dafür fünf Goldene Himbeeren, unter anderem für den schlechtesten Hauptdarsteller und Regisseur.


5. Runde. Der Stern des Actionhelden Sylvester Stallone beginnt in den 1990er-Jahren zu sinken, und das thematisiert er in «Rocky V». Der Boxer ist jetzt Opfer von falschen Beratern und muss sich mit Schulden herumschlagen. Zurück in Philadelphia, fördert er ein Boxtalent, bevor er dann doch selber wieder in den Ring steigt. Fast verzweifelt versucht Stallone hier, den Geist des ersten Filmes heraufzubeschwören, und er holt sogar den Originalregisseur John G. Avildsen zurück. Aber eigentlich weiss er selber, dass das nichts nützt. Es sei sein letzter «Rocky»-Film, sagt er, und liebäugelt eine Weile lang gar damit, die Figur am Ende sterben zu lassen. Es ist der einzige Film der ganzen Saga, der kein Geld einspielt.

6. Runde. Stallones Karriere gerät nun vollständig ins Stocken. Er versucht es mit Humor, Action und scheitert an vielen Fronten. Fast verzweifelt erinnert er sich an seinen alten Freund und dreht 16 Jahre nach «Rocky V» einen Film, in dem er als fast 60-Jähriger wieder Boxhandschuhe anzieht. Und siehe da, «Rocky Balboa» (2006) ist nicht so schlecht, wie alle befürchten, im Gegenteil, er ist ein wenig wehmütig, ein wenig nostalgisch, kurz: ein Abgesang. Kommerziell ist der Film kein Knock-out, aber er lanciert Stallones Karriere neu. Er dreht einen weiteren «Rambo» und dann die Erfolgsfilme «The Expendables». Mit Rocky sei aber jetzt wirklich Schluss, sagt er.

7. Runde. Tatsächlich winkt Sylvester Stallone zuerst ab, als Ryan Coogler mit seiner «Creed»-Idee auf ihn zukommt. Er fürchtet um seine eigene Figur in den Händen des ihm unbekannten Regisseurs. Aber nachdem dieser mit «Fruitvale Station» – der Geschichte eines weissen Cops, der einen Schwarzen erschiesst – sein Talent bewiesen hat, ändert er seine Meinung. Zu Recht, denn der Film funktioniert tatsächlich blendend: Michael B. Jordan spielt jetzt den jungen Boxer, der die Chance seines Lebens erhält. Der alte Rocky steht am Ring und coacht ihn. Und zwar so gut, dass er sich jetzt ebendiesen Golden Globe erkämpft hat. Und damit auch im Gespräch für den Nebendarsteller-Oscar ist.

8. Runde. Natürlich wird nach dem Erfolg von «Creed» über eine weitere Fortsetzung gesprochen, der Boss der Produktionsgesellschaft MGM nannte bereits den Herbst 2017 als Startdatum. Regisseur Ryan Coogler dreht allerdings mit «Black Panther» einen anderen Film und ist nicht verfügbar. Gut möglich, dass also Sylvester Stallone auch als Regisseur noch einmal antritt. Zu Fortsetzungsideen hat er sich bereits geäussert – und die sind ambitioniert: Er erwägt, im neuen Film auch den in «Rocky IV» verstorbenen Apollo Creed wieder auftreten zu lassen. Die Zeitebenen sollen in diesem Fall ständig wechseln – wie in «Der Pate 2», der besten Fortsetzung aller Zeiten. Hoffentlich übernimmt sich Rocky damit nicht ein weiteres Mal.

DerBund.ch/Newsnet

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