Pushen, pushen!

Der Dokumentarfilm «Die vierte Gewalt» macht vor, wie schnell sich auch bei uns die Medien verändern – beim «Bund», dem «Echo der Zeit», «Watson» und der «Republik».

Dilemma zwischen Tempo und Kompetenz: Dokumentarfilm «Die vierte Gewalt» von Dieter Fahrer. Foto: Fair & Ugly

Dilemma zwischen Tempo und Kompetenz: Dokumentarfilm «Die vierte Gewalt» von Dieter Fahrer. Foto: Fair & Ugly

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Welche Haltung Dieter Fahrer zur Entwicklung der Medien einnimmt, macht er schon am Anfang von «Die vierte Gewalt» klar, seinem Dokumentarfilm über ausgesuchte Medien aus Print, Radio und Online. Seine ersten Bilder zeigen, wie die Exemplare des Berner «Bund» in verschlungenen Förderbändern durch die Andruckerpresse rasen. Der Regisseur mag es analog, also alt, und das meint er wörtlich. Die einzigen Leser, die in seinem Film auftreten, sind seine Eltern, die den «Bund» seit sechzig Jahren abonniert haben.

Damals druckte die Zeitung die Wirklichkeit nach. Heute, sagt der «Bund»-Reporter Marc Lettau im Film, seien Wissen und Google Synonyme füreinander geworden und stehe der Konsument im «Dauerregen der Information». Das Abwärtsschicksal seiner Zeitung unter dem permanenten Spardruck von Ta­media, die auch diese Zeitung herausgibt, greift der Regisseur als einen der Stränge auf, die durch seinen Film ­führen und die er immer enger mit­einander verwebt, so geschickt, dass das eine Medium zu einem Kommentar für das andere wird.

Offizieller Trailer zu «Die vierte Gewalt». Kinostart am 8. Februar. Video: Youtube/Fair & Ugly

Zum einen porträtiert er neben dem «Bund» Radioleute vom «Echo der Zeit», deren Arbeit er mit modernen ­Methoden der Internetmedien kontrastiert. Auf der anderen Seite arbeitet «Watson», das ein junges Publikum anvisiert und 2013 online gegangen ist. Gegen Ende des Films reden noch Macherinnen und Macher des kürzlich aufgeschalteten, mit hohen Erwartungen bedachten Projekts «Republik». Mit dem von Constantin Seibt fröhlich verbreiteten Optimismus profitiert der neue Anbieter vom Konjunktiv der Planungsphase: «Wir müssen hektoliterweise Hoffnung verkaufen», sagt er, «und sie dann in kleinsten Flaschen wieder zurückstottern.»

«Katzenbilder sind auch News»

Aber Dieter Fahrer («Thorberg») hat nicht nur eine Haltung, sondern auch die nötige Offenheit. Obwohl er seine Sympathien nicht verhehlt, dokumentiert er die Arbeitsweise von «Watson» mit demselben Interesse, das er dem «Bund» entgegenbringt. Anschaulich zeigt sein Film, wie vielfältig moderner Journalismus funktioniert, wie virtuos seine Vertreter mit mehreren Medien operieren. Er zeigt auch, wie sehr sich bei diesem Medium Information, Unterhaltung und Werbung durchdringen.

Da wird die Redaktion über den Umgang mit bezahlten Inhalten instruiert, da zeigt die Redaktorin Madeleine Sigrist aus dem Ressort «Digital und Spass», was für Cartoons sie über die Menstruation zusammengetragen hat. «Katzenbilder sind auch News», mahnt ein Plakat im Redaktionsbüro.

Das Dilemma zwischen Seriosität und Tempo, Kompetenz und Aufgeregtheit beschäftigt selbst die Redaktion des «Echos der Zeit». Es sei schon interessanter, sagt der Moderator Samuel Wyss, über den Streit im Parlament zur ­Masseneinwanderungsinitiative zu ­berichten als über die Debatte zur Unternehmenssteuerreform III. Nun war das schon immer so, aber nicht mit der­selben Rasanz und Konsequenz, bei der die Themen der Berichterstattung auf die Art der Berichterstattung ­zurückschlagen.

Schneller, aktueller, vielfältiger

Wie sehr sich die journalistische Arbeit auf das journalistische Denken auswirkt, demonstriert «Die vierte ­Gewalt» mit dem Vokabular, das die ­jeweiligen Medienleute verwenden. An ihren Formulierungen erkennt man die journalistischen Mentalitäten. Beim «Bund» und dem «Echo der Zeit» geht es darum, wie Samuel Wyss es ausdrückt, die Deutungshoheit zu bewahren. Bei der «Republik» ergeht man sich in ­Enthusiasmus, Übertreibungen und ­gespielter Selbstabwertung. Bei «Watson» dominieren Ellipsen und Anglizismen als Ausdruck der medialen Hast: ­Finsch es cheesy? Emotionen, hallo? Pushen, pushen!

Das klingt abschätzig, dabei hat «Bund»-Chef Patrick Feuz recht mit seiner Bemerkung, der Journalismus sei schneller, aktueller und vielfältiger geworden. Also auf seine Art anspruchsvoller. Aber Feuz gehört zur Generation von Journalisten, die ihre Dossiers kannten. Das setzt Studienzeit, Erfahrung und intensives Recherchieren voraus. Das tun auch die Leute bei «Watson». Aber auf eine andere Art.

Kulturkritische Kommentare

Indem Fahrer den Kontrast der vier ­Redaktionen zeigt, dokumentiert er die Beschleunigung des Journalismus bei konstantem Abbau des Personals. Wir sehen, wie die «Bund»-Leute ihre Plätze räumen, um Bürokosten zu sparen. Wir sehen, wie die Redaktorin Rafaela Roth, damals noch bei «Watson», einen älteren Kollegen in das iPhone-Videomachen fürs Online einführt. Wir sind dabei, wenn beim «Echo der Zeit» Ansagen ­geprobt, Beiträge geschnitten und besprochen werden.

Der subtilste Kontrast des Films ist der Kamerablick auf die steigenden und fallenden Säulen bei Radio SRF und «Watson». Die einen dokumentieren die Lautstärke der Stimmen, die anderen die Quoten der Artikel.

Leider traut Fahrer seinem filmerischen Talent zu wenig. Statt die Szenen und Sätze für sich sprechen zu lassen und sie in der Montage aufeinander zu beziehen, mischt er sich aus dem Off mit kulturkritischen Kommentaren ein, die, in seinem somnambulen Berndeutsch vorgetragen, etwas Moralisierendes ­bekommen. Da der Film aber so schön gemacht ist, stört sein Regisseur nicht.

Premiere: 27. Januar, 18 Uhr, Landhaus. Wiederholung: 30. Januar, 17.45 Uhr, Reithalle. Ab 8. Februar in den Kinos. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.01.2018, 19:35 Uhr

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