Parcours durch eine Vita

Regisseur Tobias Wyss marschiert mit Franz Hohler durchs Land – entlang der Biografie des umtriebigen Autors. «Zum Säntis!» ist ein Film unter Freunden: mit wenig Distanz, aber vielsagenden Leerstellen.

Den Gipfel erklimmt er dann alleine: Franz Hohler in «Zum Säntis!».

Den Gipfel erklimmt er dann alleine: Franz Hohler in «Zum Säntis!». Bild: zvg

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Dass Franz Hohler ein Wanderer ist, weiss man – spätestens seit seinem Buch «52 Wanderungen». Der Autor und Kabarettist machte sich dafür anlässlich seines 60. Geburtstages ein Jahr lang Woche für Woche auf die Wandersocken und schrieb das Erlebte auf. Es hat deswegen seine Folgerichtigkeit, dass Hohler nun, wo der 70. Geburtstag gefeiert ist, wieder aufbricht.

Aber diesmal nicht alleine, sondern in Begleitung seines gleichaltrigen, langjährigen Freundes, des Filmemachers Tobias Wyss. Das Ziel ist der Säntis, der in der Ferne grüsst, wenn Hohler vom obersten Stock seines Hauses in Zürich-Oerlikon blickt. Die 70 Kilometer bis dahin zu wandern, sei ein Projekt, das schon lange in ihm gegärt habe, so Hohler im Film.

Männer in langen Unterhosen

Zwei 70-Jährige, die gemeinsam eine Wanderung machen – ein solcher Film sei nicht einfach zu finanzieren gewesen, gestand Regisseur Wyss bei der Premiere an den letzten Solothurner Filmtagen. Die Geldgeber hatten Bedenken, dass Hohlers gesellschaftspolitische Relevanz bei diesem Spaziergang unter Freunden zu kurz komme. Doch, und das beweist «Zum Säntis! Unterwegs mit Franz Hohler»: Wo Hohler draufsteht, ist Haltung und Meinung drin – auch wenn es durchaus Szenen gibt wie jene, in der zwei ältere Männer am Greifensee in langen Unterhosen aus dem Zelt kriechen, aufs Wasser blicken, und alles Politische meilenweit entfernt ist.

Doch durch die geschickt montierten Archivaufnahmen kommt in diesem Roadmovie im Wanderschritt auch er wieder hervor: der Bürgerschreck Hohler, der in den Siebzigern gegen die Atomkraft an- und nach Tschernobyl in der Gestalt des unheimlichen «Restrisikos» auftrat. Oder der bissige Cellist, der Anfang der Achtziger das Schweizer Fernsehen mit der schweizerdeutschen Übersetzung von Boris Vians Dienstverweigererlied erzürnte und zur Zensur trieb.

Am Lagerfeuer nach der ersten Etappe rezitiert Hohler, dieser «literarische Allgemeinpraktiker» (wie er von sich selber sagt), das unvermeidliche «Totemügerli», unterwegs dann einiges aus den «Wegwerfgeschichten», und auch die verregneten Kühe am Fuss des Säntis kommen in den Genuss einer kurzen Lesung. Hohlers poetischer, aber wohltuend geerdeter Witz macht sich gut im Film; in den jüngeren Texten allerdings scheint dem Autor der Optimismus des neugierig Schauenden und Staunenden allmählich doch ein bisschen abhandenzukommen.

Und René sagt nichts

Tobias Wyss, der mit Hohler 1986 die Don-Quijotterie «Dünki Schott» gedreht hat, ist in diesem Parcours durch eine Künstlervita aber nicht nur der demütige Fragesteller, sondern baut Stationen ein, in denen Hohler überrascht und mit Menschen konfrontiert wird, die auf seinem Lebensweg mitmarschiert sind. Da treten etwa seine zwei Söhne aus einem Wohnwagen hervor und fragen ihn nach den ungelebten Träumen; René Quellet («Das Spielhaus») kommt im Heissluftballon herangeschwebt und sagt, dass er nichts sage; und in einem Kirchlein wartet ein Cello darauf, dass Hohler in die Saiten greift. Aber auch verdutzte Wanderer und Bäuerinnen kreuzen seinen Weg: Sie beweisen, dass es Hohler durchaus zu einer Art Schweizer Volksintellektuellem gebracht hat («Das isch jo dr Dings!»).

Drängt sich die Frage auf, ob Hohler auch mit einem allfällig schwindenden Interesse an seiner Person umgehen könnte, mit dem Vergessenwerden? «Das wäre auch nicht schlimm», antwortet er nonchalant, und hier wäre der Moment gewesen, in dem ein hartnäckigeres Gegenüber nachgehakt hätte. Die Eitelkeit des Künstlers, aber auch die Perspektiven des alternden Mannes – gerne hätte man da tiefer geschürft. Dabei hat sich der Film selber einen Steilpass gegeben, beginnt er doch mit dem Besuch des Mannes vom Schweizerischen Literaturarchiv, der bei Hohler jedes Jahr Materialien und Dokumente des literarischen Schaffens abholt und im sechsten Untergeschoss des Berner Archivs sicher verwahrt.

Dort filmt Wyss einen Zettel, auf dem das Wort «Nachlass» durchgestrichen und durch «Archiv» ersetzt worden ist. Ein sprechendes Bild, das die feine, vielleicht allzu feine Art der Andeutung demonstriert, mit der Wyss arbeitet.Nicht nur als Künstler, auch als Wanderer sind die beiden Männer äusserst unterschiedliche Gemüter. Während Wyss, erschöpft von den mehrtägigen Schritt- und Wortwechseln, am Ende die Luftseilbahn auf den Säntis bevorzugt, steigt Hohler zu Fuss auf. Den Gipfel zu erobern, das lässt er sich offensichtlich nicht nehmen. Auch wenn er den Freund dabei zurücklassen muss.

Ab 20. Februar im Kino Kunstmuseum. Am 22. Februar mit einer Lesung von Franz Hohler und in Anwesenheit von Tobias Wyss (20.15 Uhr). (Der Bund)

Erstellt: 18.02.2014, 13:18 Uhr

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