Kino

Ohne Tutu, mit Tamtam

Es hätte die ehrenwerte Dokumentation eines leidlich spannenden Kulturprojekts werden können. Doch Steve Walkers Film über das Ballett-Projekt mit den Kummerbuben ist mehr: dramatisches Kino.

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Es knackt im Unterholz, Vögel zwitschern. Eine Tänzerin gleitet sanft zwischen jungen Bäumen hindurch. Ihre Hand öffnet sich wie ein luftiger Fächer, ihr Mund scheint etwas wegzuhauchen, unsichtbar und doch vorhanden: ein stimmiges Bild für die Vergänglichkeit des Tanzes. Und ein schöner Auftakt für einen Film, der nicht nur das Flüchtige eines künstlerischen Moments festzuhalten versucht, sondern vor allem dessen Entstehung.

Ausverkauft war das Berner Stadttheater im Juni vor zwei Jahren, als das 40-minütige Tanzstück «Am Quai» Premiere hatte. Es war Teil des Abends «Tanz – Made in Bern», an dem Tänzerinnen und Tänzer von Bern Ballett eigene choreografische Arbeiten präsentierten. Izumi Shuto und Martina Langmann hegten ein ambitioniertes Projekt – denn ihnen hatte es die markige Ausdruckskraft der Musik der Berner Kummerbuben angetan. Wie aus der Begeisterung zweier Tänzerinnen für eine Band am Ende ein Stück mit massgeschneidertem Live-Sound wurde, zeigt nun der Berner Filmemacher Steve Walker mit «Buebe gö z’Tanz».

Unterschiedlich getaktete Arbeitsweisen

Diese Buben nämlich, die hatten mit Tanz vorerst gar nichts am Hut: So sagt Sänger Simon Jäggi im Film, dass er immer umschalte, wenn am Fernsehen Ballett komme. Und so staunen die Kummerbuben bei der ersten Begegnung mit den Choreografinnen auch ein wenig, dass da nicht zimperliche Ballerinen im Tutu angetanzt kommen, sondern unkomplizierte junge Frauen, die das Bier auch aus der Dose trinken.Alles andere als unkompliziert wird es dann aber, als es darum geht, die zwei unterschiedlichen künstlerischen Welten in Einklang zu bringen: eine Band, die das Rohe und Ungeschliffene anvisiert, und ein Choreografinnen-Duo, das die Perfektion im Sinn hat.

Völlig unterschiedlich getaktet sind auch die Arbeitsweisen: die Musiker auf der einen Seite, die im rauchgeschwängerten Übungskeller ihre wild-romantischen Interpretationen von helvetischem Liedgut ausbrüten; die Tanztruppe auf der anderen Seite, die im nüchternen Studio konzentriert und diszipliniert die abstrakten Ideen der Choreografinnen in Bewegung verwandelt: «Man weiss nicht genau, was es ist, aber man fühlt es. Das wollen wir ausdrücken», kommentiert Izumi Shuto den choreografischen Prozess.

«Five, six, seven, eight»: Wie Trockenübungen mutet es an, wenn die Tänzer – noch ohne Musik – ihre Emotionen punktgenau zurechtschleifen. «Die proben das Ganze wohl ohne Bier», meint Akkordeonist Mario Batkovic, als er die ersten Video-Ausschnitte der Tanzproben vor sich hat. Da braucht es unzählige Gespräche, Zigaretten, Skizzen und mit Klebstreifen verbundene Blätter-Schlangen, bis jede Seite ungefähr weiss, wovon die andere spricht. Doch der kreative Funke, der zu diesem Zeitpunkt gezündet hat, droht bald zum Flächenbrand zu werden.

Knirschen im Band-Gebälk

Offenbar hat Steve Walker das dramatische Potenzial des ganzen Unterfangens gewittert, denn sein Film hätte auch bloss die ehrenwerte Dokumentation eines künstlerisch leidlich spannenden Projekts werden können. Aber die Wirklichkeit hat ihm ein paar sehr spannende Wendungen zugespielt, die er gekonnt verwertet. Darunter der Zusammenbruch einer der Choreografinnen; ein Kind, das ausgerechnet um den Premierentermin herum auf die Welt kommen sollte; und der Entscheid des Kummerbuben-Akkordeonisten, die Gruppe zu verlassen. Denn auch im Band-Gebälk knirscht es allmählich hörbar, die Tränen sind zuvorderst, die Nerven blank, und das wilde Durcheinander, das die Choreografinnen auf der Bühne inszenieren wollten, scheint das Projekt selber zu ergreifen.

Doch eben, wir wissen es: Die Premiere des Stücks fand statt, das Haus war voll, die Tänzerinnen und Tänzer begeisterten mit Maori-Stampfen, mit einem taumelnden Gockelmann und mit einer Figur im roten Fantasiekostüm, aus dem es Herbstblätter schneite. Das absehbare gute Ende des Filmes wird aber aufgewogen durch Walkers feines Sensorium für die beiden Künste, die er hier porträtiert. Eindrücklich, was er mit Rhythmus, Schnitt und sprechenden Bildern aus dieser kleinen Berner Kultur-Geschichte herausholt – auch mithilfe der Kummerbuben-Musik der blutenden Herzen als wundervoll mitreissendem Soundtrack. (Der Bund)

Erstellt: 29.05.2012, 08:14 Uhr

Trailer

Im Kino

Ab Donnerstag im Kino Kunstmuseum. Am 31. Mai, 20 Uhr, Premiere mit Cast und Crew.

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