«Nie zuvor hatte Amerika einen Mann sich so benehmen sehen»

Jerry Lewis ist 91-jährig verstorben. Der US-Komiker bestach mit seiner irrwitzigen Körperlichkeit, die ihm sogar die Verehrung Jean-Luc Godards einbrachte.

Jerry Lewis als trotteliger Gelehrter in seinem wohl besten Film «The Nutty Professor» von 1963. Foto: Mondadori Portfolio, Getty Images

Jerry Lewis als trotteliger Gelehrter in seinem wohl besten Film «The Nutty Professor» von 1963. Foto: Mondadori Portfolio, Getty Images

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In einem seiner letzten grossen Auftritte im Kino wurde er nochmals richtig ernst. Vor 22 Jahren war das, der Film hiess «Funny Bones», und Jerry Lewis spielte einen stinkreichen alten Star­komiker, der seinem verzweifelt unlustigen Sohn erklärte, dass es in seinem Gewerbe nur zwei Sorten Künstler gebe: Die einen hätten die Comedy in den Knochen, die andern nicht. Die einen würden das Komische verkörpern, die anderen dagegen würden bloss komische Sachen aufsagen.

Man darf zweifelsohne davon ausgehen, dass Jerry Lewis sich selbst eindeutig als der ersten Gruppe zugehörig ansah; seine Komik war körperbetont, sie war aus schierer physischer Agilität gewonnen und oft von einer geradezu obszönen Kindlichkeit. «Nie zuvor hatte Amerika einen erwachsenen Mann sich so benehmen sehen», notierte sein Biograf Shawn Levy, und es war diese irrwitzige Körperlichkeit, die Jerry Lewis die Verehrung von Leuten wie Jean-Luc Godard, François Truffaut und Rainer Werner Fassbinder eintrug – und ihn gleichzeitig zu einer Institution überdrehter amerikanischer Lustigkeit machte.

Das Showbusiness kannte Jerry Lewis von Haus aus: Geboren wurde er als Joseph Levitch im März 1926 in Newark, New Jersey, und schon seine Eltern waren als Entertainer unterwegs, der Vater unter dem Künstlernamen Danny Lewis. Von diesem heisst es, er habe einen bei ihm unter Vertrag stehenden Komiker umgehend geschasst, nachdem dieser dem Junior zu einigen ersten Auftritten verholfen hatte. Es ist die alte Geschichte vom Papa, der seinen Sohn nicht auch im Showbusiness sehen will, und ein Stück weit durfte Jerry Lewis diese Geschichte in besagtem Film «Funny ­Bones» 1995 dann nochmals spielen, in der Rolle des Vaters.

Bildstrecke: Ein legendärer Comedian ist nicht mehr

Doch der Weg ins Showgeschäft liess sich spätestens dann nicht mehr aufhalten, als Jerry Lewis mit zwanzig auf einen neun Jahre älteren Schnulzier namens Dino Paul Crocetti traf, denn diese Begegnung sollte beide zu Starruhm bringen. Besagter Crooner ist heute besser bekannt als Dean Martin, und zunächst tourten die zwei erfolgreich durch die Clubs zwischen New York und Beverly Hills. Der eigentliche Durchbruch folgte, als das Duo mit «My Friend Irma» (1949) erstmals im Kino landete. Nicht weniger als sechzehn Kinofilme bestritten der kindische Spastiker und der trällernde Beau zusammen, und auch wenn sich die Kritiker rasch einig waren, dass sich der Irrsinn einer Bühnenshow der zwei in diesen harmlosen Hollywood-Komödien nicht recht entfalten mochte, avancierten Jerry Lewis und Dean Martin in der gesamten ersten Hälfte der 1950er-Jahre zu den kassenträchtigsten Leinwandstars weltweit.

Lewis, die Komödienfabrik

Im Jahr 1956 endete dann eine der kommerziell erfolgreichsten Paarungen der Kinogeschichte. Jerry Lewis, der mit seiner zappeligen Komik den smarten Dean Martin immer ein wenig in den Schatten stellte, trennte sich von seinem Bühnen- und Leinwandpartner und begann seine Lehrjahre als Solokomiker, bis er sich vier Jahre später reif genug fühlte, um auch selbst Regie zu führen. Lewis wurde gewissermassen zu einer Komödienfabrik, spielte binnen zehn Jahren in achtzehn Filmen. Als Darsteller liess er sich vor allem von Regisseur Frank Tashlin für Komödien wie «Who’s Minding the Store» (1963) und «The Disorderly Orderly» (1965) verpflichten. Daneben inszenierte er sich immer wieder selbst, so auch in «The Nutty Professor» (1963), seinem wohl besten Film; dem trotteligen Gelehrten, der sich durch einen Zaubertrank in einen Casanova verwandelt, hat Eddie Murphy vor ein paar Jahren mit einem Remake samt Sequel die Reverenz erwiesen.

Seine Komik wurde zusehends schizophrener, was seinen Höhepunkt in einem siebenfachen Rollenspiel in «The Family Jewels» (1965) fand. Gerade damit fand Lewis nun unverhofft auch intellektuelle Verehrer auf der anderen Seite des Atlantiks, wo die französische Filmkritik aus dem Umfeld der «Cahiers du Cinéma» diese Aufspaltung des Komikers als Kommentar zur Zersplitterung des Subjekts im kapitalistischen Amerika verstand. Umgekehrt argwöhnte man in den USA, dass die Franzosen im Kino des Jerry Lewis vor allem ihre eigenen Vorurteile vom lauten, kindischen und ungehobelten Amerikaner bestätigt sehen wollten.

Überhaupt wurde es in Amerika schick, Jerry Lewis bloss als Egomanen zu sehen, der sich immer ein wenig zu sehr anstrengte, um lustig zu sein. Nach einer Reihe von kommerziellen Misserfolgen in den 1960er-Jahren zog sich Jerry Lewis weitgehend aus dem Filmgeschäft zurück, und als er mit «Hardly Working» (1981) endlich zurück ins Kino fand, wurde der Film vom Kritiker Roger Ebert prompt als einer der schlechtesten Filme aller Zeiten gebrandmarkt.

Überraschung mit Scorsese

Doch nur zwei Jahre nach diesem Desaster kam dann die vielleicht grösste Überraschung: Jerry Lewis spielte in Martin Scorseses «The King of Comedy» (1983) zwar nicht sich selber, wohl aber reflektierte er die Ikone, die er selber geworden war. Und weil es kaum eine befremdlichere Figur gibt als den Clown, der keine Spässe mehr reissen mag, brillierte der inzwischen korpulenter gewordene Lewis durch Verbissenheit. Nach diesem Auftritt als gealterter Starkomiker, der partout nicht lustig sein mochte, dünnte sich seine Filmografie langsam aus. «Cracking Up» (1983), sein letzter Film als Regisseur, fand nur in Frankreich ins Kino, in den USA verschwand er gleich in den Videotheken.

Es ist eine bittere Ironie, dass ihm von der physischen Beweglichkeit, die einst das Markenzeichen seiner Comedy war, zuletzt so wenig übrig blieb. Man erinnert sich an seine öffentlichen Auftritte, die im Zeichen seines humanitären Engagements für Patienten von muskulärer Dystrophie standen. Der an einer Lungenkrankheit leidende Jerry Lewis war fast nicht wiederzuerkennen in seinem entstellten Körper; der agile Irrwisch von einst war stillgelegt in einem Leib, der monströs aufgedunsen war von seiner Medikamentensucht. Er, der die Comedy in den Knochen hatte und der das Komische stets als ein Spiel mit vollem Körpereinsatz begriff, hatte seinen Körper an die Krankheit und die Medikamente da schon verloren. 2016 spielte er trotzdem noch seine letzte Hauptrolle, als Jazzpianist Max Rose im gleichnamigen Film.

Gestern ist Jerry Lewis 91-jährig in Las Vegas, Nevada, verstorben.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.08.2017, 22:35 Uhr

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