«Kontrolle killt Emotionen»

Juliette Binoche spielt in «Clouds of Sils Maria» eine Schauspielerin. Im Interview erzählt sie, wie viel die Rolle mit ihr selber zu tun hat. Und sie sagt, wann man wirklich alt wird.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Eine Schauspielerin ist natürlich nie die Figur, die sie spielt. Aber da «Clouds of Sils Maria» ein Film über Schauspielerei ist und Sie darin eine Schauspielerin spielen, darf man fragen: Gabs mehr Nähe zwischen der Fiktion und dem eigenen beruflichen Leben als sonst?
Auf der professionellen Ebene sicher. Auf jeden Fall mehr Diskussion und Widerspruch. Das ganze Skript kommt ja aus Olivier Assayas’ Kopf, und ich war nicht immer damit einverstanden. Da sagt diese Schauspielerin doch tatsächlich, sie wolle keine Proben, um sich nicht die Spontaneität des Spiels zu verderben. Ich sagte Olivier, das sei Unsinn, daran glaube ich überhaupt nicht. Schauspielerei ist die Wiedererschaffung der Spontaneität. Im vermeintlichen Nichtspiel steckt die grosse Arbeit des Spielens. Manchmal glaube ich, wir Schauspieler sind ein Mysterium für ­Regisseure, die nie gespielt haben. Sie wissen nicht, wie wir zu der Wirklichkeit kommen, die wir dann auch für wirklich halten. Und das müssen wir, aber das muss erarbeitet werden.

Sie glauben nicht an die «unschuldige» Schauspielerei, von der im Film die Rede ist?
Nein. Ich weiss auch gar nicht recht, was das sein soll. Meine Assistentin im Film sagt so was, Kristen Stewart, die übrigens eine sehr bewusste junge Schauspielerin ist. Es ist damit, glaube ich, vor allem die besondere Unschuld des Anfangs gemeint, und an die glaube ich auch nicht. Man kann sie sich ein ganzes Leben erhalten. Es ist schon wahr, die Arbeit hat etwas Kindliches. Sie besteht im Vergessen, im Nichtwissen, immer wieder von neuem in der gleichen Situation. Darin steckt eine gewisse Unschuld. Und im besonderen Talent zur Einfühlung. Daran muss man glauben. Es gibt diese Methode, und es gibt viel rationalere und distanziertere Ansätze. Aber «unschuldige Schauspielerei», was das wohl sein soll?

Nun ja, der Regisseur Abbas Kiarostami hat einmal gesagt, er habe Sie bei der Arbeit zu «Copie conforme» von Anfang an so unschuldig erlebt: nie als Star, der spielte, sondern nur als Mensch, der war, was er war. Wie die Kinder in Kiarostamis früheren Filmen.
Das ist nun wirklich ein grosses Kompliment. Ich denke, wenn das gelingt, liegt es an der Art, wie man den Dingen und den Menschen zuhört. Daran, dass man sich nicht absondert. Man muss den Zugang freilassen zum Herzen, zur Seele und zu den Eingeweiden. Für die Kontrolle der Emotion sind die Regisseure da. Die schneiden an der richtigen Stelle. Während des Spiels sollte man selbst aber nicht Regisseurin sein wollen, die Kontrolle killt die Emotionen. Und das ist das Interessante an der Beziehung mit einem Regisseur, der etwas weiss von meinem Beruf und von seinem. Sie hat etwas mit Bewegung und Rhythmus und Liebe zu tun.

Entscheiden Sie sich, wenn es um ein Projekt geht, mehr für ein Drehbuch oder für einen Regisseur?
Für mich muss ein Regisseur sein Eigentumsrecht aufs Drehbuch verlangen. Wir drehen ja kein Skript, wir drehen einen Film. Das Buch ist nur das Trampolin, um da reinzuspringen.

Das Altern als Schauspielerin ist in «Sils Maria» ein Thema, wenigstens nebenbei. Ist es auch Ihr Thema?
Ich fühle den Druck meiner Fünfzig nicht, im Beruf nicht und auch sonst nicht. Ich habe mit so vielen Regisseuren aus so vielen Ländern gearbeitet, dass ich nicht Teil einer Gemeinde geworden bin, die mich wegen meines Alters verraten könnte. Ich meine, ich habe meinen eigenen Pfad eingeschlagen. Und die wirkliche Herausforderung ist: Wie erneuere ich mich immer wieder? Man wird alt, wenn man zu sehr an Vergangenheiten klebt. Alte Ideen bringen dich ins Grab.

Aber schauen Sie manchmal auch auf Ihre eigene Arbeit zurück und fällen Urteile über sich selbst?
Selten, eigentlich. Und wenn, dann sehr konkret und schauspieltechnisch. Hier in Locarno haben sie kleine Rollenausschnitte von mir gezeigt, und ich habe mich gefreut und gedacht, ja, das war einmal. Aber die Freude erwuchs aus der Tatsache, dass ich manches tatsächlich vergessen hatte.

In «Sils Maria» wird die alte Theaterdiskussion über Distanz und Identifikation geführt. Gabs schon Rollen, die Ihnen menschlich so nahegegangen sind, dass Sie dachten, Sie könnten sie nicht spielen?
Nein, aber Teile von Rollen. Es gab gewisse Morgen im Make-up-Raum, da dachte ich, wie komme ich in dieser Szene über den Tag. Ich habe Beispiele, John Boormans «In My Country» unter anderem, da gabs diese eine Konfrontation, in der ich im Film meinen Bruder als Vergewaltiger erkennen musste. Ich war blockiert, und Boorman kam immer näher zur Kamera, obwohl er vorher meistens hinter den Monitoren gesessen hatte, und ich sagte immer wieder, ich will einen weiteren Take. Er gab ihn mir und brachte mich als Regisseur zum richtigen Punkt. Aber in letzter Zeit habe ich festgestellt, dass ich nicht mehr so sehr in menschlichen Wunden herumstochern möchte. Auch eine interessante Erkenntnis.

(DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 18.08.2014, 08:35 Uhr

Juliette Binoche

Ein Hang zum Abseitigen

Die 50-jährige Französin entstammt einer Künstlerfamilie. Nach frühen Filmen mit Regisseur Leos Carax kam sie vor allem dank Rollen in «Trois coleurs: Bleu» (1993) und «The English Patient» (1996) zu Ruhm. Ihre Eleganz täuscht nicht über ihre Vorliebe für Abseitiges hinweg – etwa in Filmen von Abel Ferrara oder Bruno Dumont. In Olivier Assayas’ doppelbödigem Drama «Sils Maria» – es wurde in Locarno gezeigt und kommt Ende Jahr ins Kino – gibt sie nun eine Version ihrer selbst: einer nicht mehr ganz jungen Schauspielerin, die im Engadin ein Stück probt, in welchem sie einst die Verführerin gespielt hat – und jetzt den Part der Verführten übernehmen muss. (blu)

Trailer «Clouds of Sils Maria»

Die Preise von Locarno

Ein Leopard für Lav Diaz

Wenig überraschend wurde wieder mal das rigorose Kino geehrt: Der Goldene Leopard ging an Lav Diaz’ «From What Is Before», ein hypnotisches Geschichtsepos über die Installation der Marcos-Tyrannei auf den ländlichen Philippinen, das sich während fünfeinhalb Stunden zu einer grandiosen Lo-Fi-Farce über Schuld und Untergang ausweitet. Der Amerikaner Alex Ross Perry («Listen Up Philip», Spezialpreis der Jury) und der Portugiese Pedro Costa («Cavalo dinheiro», Regiepreis) sind ebenfalls von Festivals geschätzte Formalisten. Die Schauspielerpreise gingen richtigerweise an Ariane Labed («Fidelio») und Artem Bystrov («Durak»). Für die Schweizer Beiträge von Andrea Štaka und Fernand Melgar gabs nichts, dafür gewann Peter Luisis «Schweizer Helden» den Publikumspreis. (blu)

Artikel zum Thema

Filipino gewinnt Goldenen Leoparden

Filmfestival Der fünfeinhalbstündige Film «From What Is Before» gewinnt die begehrte Auszeichnung am Filmfestival Locarno. Die Schweizer Filme gingen leer aus – mit einer Ausnahme. Mehr...

Der Heimatboden schwankt

Am 67. Filmfestival von Locarno schlug sich der Schweizer Film im internationalen Vergleich gar nicht so schlecht. Mehr...

Kristen Stewart dreht in der Schweiz

Ende August beginnen die Dreharbeiten zum Film, der heisst wie sein Drehort: «Sils Maria». Auch dabei: Juliette Binoche, Bruno Ganz, Daniel Brühl und Gilles Tschudi. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Werbung

Kulturell interessiert?

Bizarre Musikgenres, Blick in Bücherkisten und das ganze Theater. Alles damit Sie am Puls der Zeit bleiben.

Kommentare

Blogs

Der Poller Das Verschwinden aller Dinge

Tingler Bin ich fix?

Newsletter

Jeden Morgen. Montag bis Samstag.

Die besten Beiträge aus der «Bund»-Redaktion. Jetzt den neuen kostenlosen Newsletter entdecken!

Die Welt in Bildern

Grossflächig: Der für seine in die Landschaft integrierten Kunstwerke bekannte französische Künstler Saype zeigt im Park La Perle du Lac sein Werk «Message from Future». (16. September 2018)
(Bild: Valentin Flauraud) Mehr...