Kleiner Mann kommt gross raus

Ein Kleinwüchsiger auf der Suche nach sich selbst: Begleitet von einem Filmteam reist Samuel Kohler 
nach Portugal, um seine leibliche Mutter zu finden. Dort stösst er auf viel Ernüchterung und Bruderliebe.

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Samuel Kohler ist ein Mensch, der bewegt. Er lacht viel, aus Freude am Leben und ebenso über sich selbst. Damit lässt er seine Körpergrösse von lediglich 135 Zentimeter vergessen. Die Aufmerksamkeit, die er auf sich zieht, nutzt Kohler aber gerne gezielt, als sein Alter Ego «Jimmyjoe, der Partyprinz». An den Wochenenden mutiert der kaufmännische Angestellte zum tanzenden Klubclown. Legt alle Scheu ab und unterhält das Partyvolk. Imponiert als kleinwüchsiger Showtänzer in einer Welt des Glitzers und des Glamours.

So steigt Kohler nun seit rund vier Jahren auf die Bar-Tresen bekannter Schweizer Diskotheken und wird zu seinem zweiten Ich. Dies bemerkte auch der Regisseur Urs Frey: 2013 drehte er den Dokumentarfilm «Jimmyjoe». Kohler ist dem Filmemacher für die Reise nach Portugal dankbar: «Zuerst wollte Frey ein Film über mich als kleinwüchsiger Unterhalter drehen», erklärt er. «Die Tatsache, dass ich aus Portugal adoptiert wurde, inspirierte ihn zu der Spurensuche in Lissabon. Und so wurde mein langjähriges Begehren, meine Wurzeln zu kennen, Wirklichkeit.»

Grenzgänger unter Gehemmten

Samuel Kohler wurde als Neugeborenes aus Lissabons Sozialwohnungsdschungel Almada geborgen und von einer Oberaargauerin adoptiert. In Begleitung des SRF-Filmteams macht er sich ein Vierteljahrhundert später dort auf die Suche nach seiner Identität. «Mein Onkel Fritz, der damals für ein Hilfswerk in Portugal arbeitete, entdeckte mich als Säugling in einer Behausung Almadas. Unterernährt und schreiend inmitten eines Haufens Schmutzwäsche», erzählt Kohler. Fritzs Schwester Eva und ihr damaliger Mann, beide kinderlos, nahmen sich dem etwas anderen Samuel an und adoptieren ihn. Erste ärztliche Konsultationen bestätigten die Annahme – der medizinische Befund lautete Achondroplasie, eine Form der Kleinwüchsigkeit. Auf der Reise in seine Vergangenheit erlebt Samuel erfolglose Behördengänge und glückliche Zufälle.

Kohler ist ein Grenzgänger. Aufgewachsen im ruralen Wynau im Oberaargau, wo man sich mit Namen kennt, erlebte er mit Übertritt ins 10. Schuljahr im urbaneren Langenthal erstmals Stigmatisierung. «Als Kind habe ich mich lange Zeit zu Hause hinter den schützenden vier Wänden versteckt. Im frühen Teen­ageralter ermutigte mich mein Stiefvater, über meinen Schatten zu springen und unter Menschen zu gehen.» Viele der 4000 Kleinwüchsigen in der Schweiz würden sich im Alltag verstecken, so Kohler.

«Mami, schau der kleine Knabe»

«Kleinwüchsige werden von der Gesellschaft oft auch als geistig beeinträchtigt angesehen», sagt der 25-jährige Berner. Er habe seine Intelligenz häufig unter Beweis stellen müssen. «Ich korrigiere noch heute Grossmäuler, die mich hinter meinem Rücken als Liliputaner bezeichnen.» Tagtäglich muss er gegen mancherlei Ignoranz gewappnet sein und genügend Selbstbewusstsein haben, damit er den Alltag als Kleinwüchsiger meistert. «Wenn ich beim Einkaufen ein Produkt im mittleren Regal nicht erreiche, bitte ich um Hilfe», erzählt Kohler. Er habe schon im frühen Kindesalter gelernt, um Hilfe zu bitten und solche auch anzunehmen. Seit über drei Jahren wohnt er mit seinen Katern Jimmy und Joe in einer Dreizimmerwohnung in Brügg bei Biel. Seine Brötchen verdient er im Callcenter eines grossen Energieanbieters in Nidau.

Ursprünglich habe er Kleinkinderzieher werden wollen, sagt Kohler, «doch leider bin ich nicht an eine entsprechende Lehrstelle herangekommen». Stattdessen hat er die KV-Lehre gewählt und dazu die Kaufmännische Berufsschule an der Stiftung Rossfeld in Bern besucht. Kleinkinder reagierten anders auf ihn als Erwachsene. Könnten sein Alter, zumindest auf den ersten Blick, nicht einordnen. Wenn er einen Bart trage, höre er Kinder sagen: «Mami, schau der kleine Mann.» Wenn er das Rasiermesser benutzt habe, heisse es, «Mami, schau der kleine Knabe.»

Eine kleinwüchsige Frau? Lieber nicht.

Trotz Selbstständigkeit und Unabhängigkeit dank einem gesicherten Bürojob möchte Samuel Kohler mehr erreichen. Seine Idole sind Kleinwüchsige wie der Knie-Clown Speedy und der amerikanische Schauspieler Peter Dinklage. «Ich möchte in Zukunft beruflich gerne mehr auf der Bühne stehen, als am Schreibtisch zu sitzen.

Auch in Bezug auf Frauen zeigt Kohler wenig Hemmungen. Soziale Netzwerke benutzt er nicht nur, um seine Auftritte als Jimmyjoe zu bewerben, sondern auch, um Frauen kennen zu lernen. «Ich habe keine Schwierigkeiten, auf Frauen zuzugehen.» Bei der Optik seiner Herzdame erhebt er bedingt Ansprüche. «Die Haarfarbe ist mir egal, aber eine Kleinwüchsige möchte ich lieber nicht zur Freundin. Solche Frauen ziehen mich nicht so an.»

Konflikt mit dem Cousin

Einen Grossteil seines Erfolgs verdankt er seinem prominenten Cousin, dem Rapper, Beatboxer und Moderator Knackeboul. Im Film sieht man die beiden bei Diskussionen im Backstagebereich. Unverblümt wagt sich der Musiker mit Skepsis an Kohlers antagonistisches Ich. Er wirft dem Teilzeit-Unterhalter vor, eine Rolle zu spielen und seine Kleinwüchsigkeit als Pseudo-Talent zu verkaufen. «Ich glaube, dass ich mit normaler Körpergrösse genauso extrovertiert wäre», sagt Kohler. Aber, ob ihn die Leute dann auch würden sehen wollen, weiss er nicht: «Wenn ich in meinem Kostüm auf der Bühne stehe, ist es mir egal, ob man mich an- oder auslacht».

«Dok», SRF 1, Mittwoch, 12. November, 22.55 Uhr.


(Der Bund)

Erstellt: 12.11.2014, 09:34 Uhr

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