Italienische Geschichten

Brillante Schauspieler und filmische Entdeckungen: Eine Reihe mit fünf neueren Produktionen stellt die Vitalität des aktuellen italienischen Kinos unter Beweis.

Wir können auch anders: Der Gewerkschafter Nello (Claudio Bisi) führt in «Si puo fare» die ihm anvertrauten Patienten zurück ins Leben. (zvg)

Wir können auch anders: Der Gewerkschafter Nello (Claudio Bisi) führt in «Si puo fare» die ihm anvertrauten Patienten zurück ins Leben. (zvg)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Tote leben länger. Das gilt nicht nur für den von Toni Servillo phänomenal verkörperten Giulio Andreotti in «Il Divo», das gilt auch für das italienische Kino. Mit Filmen wie Matteo Garrones «Gomorra» oder Paolo Sorrentinos Politgroteske «Il Divo» feierte es 2008 eine erstaunliche Renaissance. Die Produktion war in jenem Jahr auf 140 Filme gestiegen – die Regisseure trotzten erfolgreich dem Konformitätsdruck in dem von Berlusconis TV verwüsteten Land und der kulturfernen Politik des gelifteten Cavaliere.

Die erstaunliche Vitalität des aktuellen Schaffens zeigt nun auch die Filmreihe «Cinema Italiano». Cinélibre, das Netzwerk Schweizer Filmklubs, bringt zusammen mit italienischen Kulturstellen fünf Produktionen aus den letzten drei Jahren ins Kino, die in der Schweiz keinen Verleiher gefunden haben. Die Auswahl ist gut, sie wäre noch besser, würde nicht Marco Bellocchios «Vincere» fehlen, ein formal vom Futurismus befeuertes Drama über die geheime Ehefrau des faschistischen Diktators Benito Mussolini, mit dem Bellocchio letztes Jahr in Cannes für Aufsehen sorgte und das ihm dieses Jahr beim italienischen Filmpreis acht Auszeichnungen eintrug. Mit Pupi Avati ist ein anderer Altmeister in der Reihe vertreten, und auch in dessen Film spielt der Faschismus eine zentrale Rolle. In «Il papa di Giovanna» erzählt der Vielfilmer von der obsessiven Liebe eines Lehrers und verhinderten Künstlers zu seiner pubertierenden Tochter, die sich zu einem Monster entwickelt hat. Was als faszinierende Studie einer erdrückenden, blinden Liebe in einer erdrückenden faschistischen Gesellschaft beginnt, verliert in der zweiten Hälfte an Dringlichkeit. Brillant allerdings sind die schauspielerischen Leistungen von Silvio Orlando als Vater und Alba Rohrwacher («Cosa voglio di piu») als Giovanna.

Toni Servillo als Kommissar

Gute Schauspieler sind, neben der formalen Konsequenz der meisten Filme, generell ein Merkmal der Reihe, die auch ein Wiedersehen mit Toni Servillo bringt, derzeit wohl einer der besten Akteure Europas. Das stellt der Neapolitaner im sehr kühlen, sehr kontrolliert inszenierten «La ragazza del lago» von Andrea Molaioli unter Beweis, der ebenfalls um die schuldhafte Verstrickung zwischen Vätern und ihren Kindern kreist. In der Verfilmung eines Krimis der Norwegerin Karin Fossum spielt Servillo mit melancholischer Grandezza einen Kommissar, der in einer Kleinstadt im Friaul einen Mord an einer jungen Frau aufklären muss. Der Film ist stark geprägt von der Landschaft des Friaul, die romantische Idylle des titelgebenden Sees steht dabei in Kontrast zum diffusen Unbehagen, das die Atmosphäre prägt.

Ganz im Süden Italiens, in Apulien, spielt hingegen «Galantuomini» von Edoardo Winspeare. Auch dieser Film ist perfekt eingebettet in die – in diesem Fall glühende – Landschaft. Mit grosser filmischer Sensibilität und leidenschaftlichem Furor erzählt Winspeare von der unmöglichen Liebe zweier Jugendfreunde, einem Anwalt (Fabrizio Gifuni) und einer Frau (Donatella Finochiaro), die als rechte Hand eines Mafia-Paten zugleich dessen Gegenspielerin ist. Es geht um Liebe, Weiblichkeit, Macht und die Mafia-Organisation Sacra Corona Unita, die in den 1990er-Jahren in Apulien wütete.

Die Kraft des Kollektivs

Das intime Gegenstück zu «Galantuomini» bildet «Giulia non esce la sera». Valerio Mastandrea spielt einen zweifelnden Schriftsteller, der sich in seinen literarischen Fantasien verliert und auch in der Realität ins Schwimmen gerät, als er sich in die Schwimmlehrerin seiner Tochter (Valeria Golino) verliebt, eine Frau mit einem dunklen Geheimnis. Regisseur Giuseppe Piccioni ist ein grosser Stilist, allerdings mit einem Hang zu Manierismen – seine ins Traumhafte tendierende Introspektion kommt deshalb zuweilen zu bedeutungsschwer daher. Fast zu leichtgewichtig hingegen wirkt manchmal «Si puo fare». Mit der Unbeschwertheit und dem Optimismus eines Feelgood-Movies nimmt sich Giulio Manfredonia eines Themas an, bei dem Italien eine Vorreiterrolle spielte. 1978 hatte der Kampf von Franco Basaglia, einem der wichtigsten Vertreter der Antipsychiatrie, dazu geführt, dass in Italien die psychiatrischen Anstalten geschlossen wurden. Manfredonia erzählt, wie ein Gewerkschafter (Claudio Bisio) eine Gruppe von psychisch Kranken aus ihrem sedierten Dasein befreit und ihnen dank Arbeit neue Würde gibt. Als Vorbild diente ihm dabei die Geschichte der Kooperative bei Pordenone. Mit viel Schwung feiert er die Kraft des Kollektivs. Dabei hat er nicht nur die Historie im Blick, sondern ebenso die atomisierte italienische Gesellschaft von heute.

Die Filmreihe ist in Bern im Kino Cinematte zu sehen und läuft u. a. auch in Biel (Filmpodium ab 22. Oktober) Eröffnung: Montag, 27. September, 20 Uhr mit «Si puo fare», in Anwesenheit der Filmschaffenden. www.cinema-italiano.ch (Der Bund)

Erstellt: 26.09.2010, 00:42 Uhr

Wir können auch anders: Der Gewerkschafter Nello (Claudio Bisi) führt in «Si puo fare» die ihm anvertrauten Patienten zurück ins Leben. (zvg)

Blogs

Von Kopf bis Fuss Die Mär von der Low-Carb-Ernährung

Geldblog Schweizer Börsenstars unter Druck

Werbung

Auswärts essen? Die Gastrokolumne.

Per Mausklick zur Gastrokritik: Wo es der Redaktion am besten mundet, kommen vielleicht auch Sie auf den Geschmack.

Die Welt in Bildern

Unter Pausbacken: Eine Verkäuferin bietet an ihrem Stand im spanischen Sevilla Puppen feil. (13. November 2018)
(Bild: Marcelo del Pozo ) Mehr...