Irritierende Gebärden eines Genies

Mit «Phantom Thread» von Paul Thomas Anderson nimmt Daniel Day-Lewis Abschied von der Schauspielerei. Es ist ein letzter glanzvoller Auftritt.

Schmerzhaftes Psychodrama: Vicky Krieps und Daniel Day-Lewis in «Phantom Thread». Foto: 2017 Focus Features

Schmerzhaftes Psychodrama: Vicky Krieps und Daniel Day-Lewis in «Phantom Thread». Foto: 2017 Focus Features

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Adel verpflichtet, auch der schauspielerische. Der vor allem. Und darum hat man vom Schauspieler Daniel Day-Lewis selbstredend einen möglichst noblen Abgang erwartet – wenn es denn endgültig ist, dass der Nobelschneider Reynolds Woodcock in Paul Thomas Andersons Spielfilm «Phantom Threads» seine letzte Rolle gewesen sein soll.

Diese Rolle feiert die Harmonie von Kunstmagie und Handwerk; den Unterschied zwischen modischem Chic und bleibender Schönheit; die Dialektik von Schöpfer und Geschöpf. Es zeigt sich in ihr die quasi alchemistische Mischung, die Kreativität ausmacht, so ein Amalgam aus Genialität, Tyrannei, egozentrischer Rücksichtslosigkeit und tobender, stämpfelnder Infantilität. Denn vom aufgeklärten Gutsein allein hat wahrscheinlich noch kein Genie gelebt, nicht Woodcock, der Schneider, noch Day-Lewis, der Schauspieler, geboren 1957 in London und berühmt geworden dank Filmen wie «My Left Foot», «Gangs of New York» oder «Lincoln».

Nennen wir also diese eigentümliche Parallelität von Schneiderei und Schauspielerei den Subtext von «Phantom Thread», eines Films, der allerdings in seiner stillen, noblen Pracht schon noch mehr ist als ein elegisches Lebewohl. Nämlich ein schmerzhaftes, in die 1950er-Jahre gesetztes Psychodrama: Einem Mann entgleitet die Herrschaft über Schönheit, Liebe und die Geräusche der Welt. Es ist dieser Woodcock, der in seinem Londoner Atelier belgische Prinzessinnen und unglückliche amerikanische Säuferinnen so einkleidet, dass die Menschen der Couture wie angegossen passen. Eine durchaus tragische Figur, eine Art autistischer Pygmalion ist dieser Schneider, der alles, was ist, in eine Kostümierung hineinzwingt, bis das kostümierte Sein sich in eine Ständerpuppe verwandelt.

Unaushaltbares Toastknuspern

Insbesondere in der Liebe gilt das, die auch Woodcock brauchte, die er aber nicht aushält, wenn er sie hat. Er hat kein Talent fürs Aushalten von fremden Lebensregungen. Der Geist seiner toten Mutter – sie webte in Reynolds’ Existenz ein paar der «unsichtbaren Fäden», die der Filmtitel meint – und sein geräuschempfindlicher Charakter stehen ihm im Weg. Beziehungen in seinem bisherigen Leben sind flüchtig geblieben, weil er ein Fluchtwesen ist. Zeigt eine Geliebte mehr Lebendigkeitsehrgeiz als ein Kleiderständer und wird ihm zu laut, beispielsweise beim Beissen in ein knusperiges Stück Toast, macht er die jammervollen Gebärden des bis zur Erschöpfung irritierten Feingeists. Sein Ton wird scharf und quengelig, und dann wirds Zeit für die treue Schwester (Lesley Manville) – sozusagen die tragende Säule der ganzen disziplinierten Vornehmheit –, einen Menschen und ein paar Gefühle diskret zu entsorgen.

Das hat immer funktioniert – bis Alma (Vicky Krieps) erscheint, stark und schön, mit kräftigem Biss und sinnlichem Appetit auf Frühstückstoast. Reynolds Woodcock lernt sie kennen als Servicekraft in einem Restaurant, und gleich sind die beiden einander verfallen: Alma mit der Bereitschaft zur lebenslangen Loyalität; Reynolds solange es halt dauert, bis die schneiderisch inspirierende Macht der Liebe schwindet und die Kaugeräusche lauter werden. Es dauert nicht lang: Mit feinster ironischer Künstlichkeit lässt uns Paul Thomas Anderson in zwei Szenen auf der Tonspur das Bröckeln der Harmonie hören. Und wir behaupten einfach: Nie hat sich der normale, objektive Geräuschpegel der Welt schöner und kratzbürstiger zur akustischen Folter verzerrt.

Almas Verständnis ist tief

Alma allerdings, die wir schon bedauern wollen, als Reynolds’ Sprache schärfer wird und sein Genialitätsgehabe wehleidiger, hat nicht vor, in der Kolonne abgelegter Liebschaften in die Halbvergessenheit zu gehen. Ihre Liebe hat die Energie zum provokanten Widerstand; ihr Verständnis für Woodcock ist nicht oberflächlich. Sondern es radikalisiert sich in Almas Fall zur Überzeugung, so ein in sich selbst versponnener Mann müsse sich quasi die Seele aus dem Leib kotzen, um überhaupt zu erkennen, dass er eine lebensfähige Seele hat. Und das ist nicht nur bildlich gemeint.

Andersons Geschichte beginnt komplex zu schillern zwischen Thriller, Sittenbild und skurriler Brachialität. Die kontrollierte Kunstrealität gerät in einen sehr derangierten Zustand. Da ist dieser Film, der manchmal selbst etwas statisch wirkt und schwebend über aller Zeit wie ein kühles Stück Haute Couture, vital und warm und sozusagen: unmittelbar menschenmöglich.

Das liegt nun wirklich vor allem an Daniel Day-Lewis, der noch einmal den ganzen Fächer seines charakterzeichnerischen Könnens auffaltet. Den Woodcock, gewiss nicht seine bedeutendste Figur bisher, füllt er aus mit viel psychologischer Virtuosität. Nein, man hört es nicht gern, dass dieSache mit dem Abschied tatsächlich ernst gemeint sein soll. Und wenn doch, dann war es allerdings eine glorios und wunderbar gearbeitete letzte Vorstellung. Und ganz für sich allein betrachtet, ist es zudem ein erinnerungswürdiges Monodrama von der Gefahr, die vom Fühlen ausgeht.

In Zürich in den Kinos Arena, Capitol, Riffraff und Alba. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 31.01.2018, 17:33 Uhr

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