Im braunen Sumpf

In «Silberwald» ist das Emmental kalt, abweisend und ein Nährboden für braune Heilsversprechen. Ruhig und ästhetisch packend erzählt Christine Repond die Geschichte von Sascha, der in die rechtsextreme Szene abdriftet.

Verletzlicher, beunruhigender Antiheld: Sascha (Saladin Dellers) in «Silberwald».<p class='credit'>(Bild: zvg)</p>

Verletzlicher, beunruhigender Antiheld: Sascha (Saladin Dellers) in «Silberwald».

(Bild: zvg)

Hanna Jordi

Ihre Fremdenfeindlichkeit hat kein System: Im einen Moment treiben sie Schindluder mit dem Plakat einer Partei, die gegen die drohende Überfremdung politisiert. Und im nächsten spucken sie beim Anblick dunkelhäutiger Fussballspieler das N-Wort aus oder setzen vor dem Asylheim im Dorf einen Kinderwagen in Brand. Was als grenzwertige Bubenstreiche beginnt, mündet bald in ein Zeichen unübersehbarer Sympathiebekundung. Der junge Protagonist Sascha rasiert sich nach einer Auseinandersetzung mit der Mutter vor dem Badezimmerspiegel einen Kahlschädel: Trockenrasur, es fliesst Blut, und am Ende betrachtet der frisch Radikalisierte fast verdutzt das Resultat seiner Spontanaktion im Spiegel.

Casting in Schulzimmern

«Silberwald» erzählt die Geschichte des fünfzehnjährigen Sascha, der auf der Suche nach einem Lebenssinn den Rechtsextremismus entdeckt. Zusammen mit seinen Freunden Patrick und Moni tut er, was andere Fünfzehnjährige auch tun: Sie rauchen Joints, hören Wurzel 5 und interessieren sich für Mädchen, wobei die Realität mit der Vorstellung jeweils nicht Schritt zu halten vermag.

Doch die Jugend ist kein Spielplatz, in diesem Dorf im Emmental ebenso wenig wie anderswo: Patrick hat keine Lehrstelle, die Mutter macht sich Sorgen, doch ihre Zuwendung erschöpft sich in Andeutungen und Vorwürfen. Sascha darf seinen Schwarm Sarah zu einem Konzert begleiten, doch der ersehnte Abschiedskuss bleibt aus. Solcherart verunsichert und frustriert entdeckt er bei einem Streifzug durch den Wald eine hell erleuchtete Hütte: Mit unverhohlener Neugier betrachtet er eine Gruppe feiernder Neonazis. In diesem Moment liegt das Gotthelf’sche Emmental-Idyll tief unter der Schneedecke begraben.

Die 29-jährige Regisseurin Christine Repond lebt heute in München, wuchs aber am Rande des Emmentals auf. Nach ihrem Studium an der Akademie für neue Medien in München legte sie die Dokumentarfilme «Freitags um 3» (2007) und «Nicht das Leben» (2009) vor. Die dokumentarische Arbeitsweise ist ihr geblieben: Für die Recherche zu «Silberwald» befragte sie Emmentaler Schüler zu ihren Zukunftsentwürfen und -ängsten. Auch forschte sie in den Biografien von Aussteigern aus der rechtsextremen Szene nach Gemeinsamkeiten. Wer jetzt ein klischiertes Lehrstück erwartet, irrt: Sascha ist zwar das Trennungskind, der Arbeitslose und sexuell Frustrierte der Truppe, doch am Ende ist sein Freund Patrick – aus gutem Haus und in Ausbildung – ebenso anfällig für die Heilsversprechen der Neonazis wie er.

«Silberwald» erzählt die Geschichte des orientierungslosen Sascha ohne Hast, es gibt kein zu viel an Handlung, keinen erzählerischen Übereifer. Ebenso unaufgeregt agiert die Kamera. Wird bei der Forstarbeit im Wald, der Patrick für ein Sackgeld nachgeht, ein Baum gefällt, hält sie die Szenerie fest, bis sich aller Schneestaub wieder gelegt hat. Einen Glücksgriff getan hat Repond mit ihren Schauspielern: Drei junge Laien, gecastet in Berner Schulzimmern, geben die Protagonisten. Saladin Dellers macht aus Sascha einen ebenso verletzlichen wie beunruhigenden Antihelden.

Unvermittelter Fremdenhass

Wie verlockend die braune Kameradschaft auf den völlig unpolitischen, aber um Anerkennung buhlenden Sascha wirken muss, wird im Film erschreckend gut nachvollziehbar. Recht plakativ wirken dagegen die rassistischen Salven, die die Jugendlichen urplötzlich abzufeuern imstande sind: Eben noch harmlos flachsend, outen sie sich unvermittelt als Fremdenfeinde. Sind diese Brüche im Skript Absicht? Laut Pressedossier ist Repond in den Interviews mit den Jugendlichen auf viel «latent fremdenfeindliches Gedankengut» gestossen. Das Bemühen, diese Realität in den fiktiven Dialogen abzubilden, ist spürbar. Glaubwürdig vielfältig sind die angebotenen Erklärungen für den Alltagsrassismus: Sind es etwa die flächendeckend aufgestellten Parteiplakate? Oder doch eher die Eltern von Patrick, die nach einem Diebstahl im Dorf ohne Zögern die Asylanten beschuldigen?

Rechtsextreme Gewalt geriet nach den jüngsten Vorkommnissen um die deutsche Terrorgruppierung wieder in den Fokus der Öffentlichkeit. Umso erstaunlicher also, dass das Interesse am Spielfilm bisher gering blieb: Kein Filmverleih nahm sich seiner an, sodass sich die Zürcher Produktionsfirma Dschoint Ventschr genötigt sah, den mehrfach preisgekrönten Film im Eigenverleih anzubieten. In Bern wird der Film zunächst im Kino Kunstmuseum, später im Kellerkino zu sehen sein.

Bereits haben zahlreiche Schulen ihr Interesse am Film angemeldet. Sensibilisierung der Zielgruppe also. «Silberwald» zeigt Saschas Entwicklung zum Rechtsextremen nämlich nicht als Einbahnstrasse: Im Schein des brennenden Asylheims flackert am Ende so etwas wie Hoffnung auf, vielleicht schafft er ihn noch, den Absprung.

Der Bund

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt

Loading Form...