«Im Licht der Sterne spürt man die entfernte Vergangenheit»

Der chilenische Regisseur Patricio Guzmán appelliert im Dokumentarfilm «Nostalgia de laluz» an die Fähigkeit zur Erinnerung. Wären da nicht die Politik und das Militär.

Regisseur Patricio Guzmán (r.): «Warum verdrängt man?»

Regisseur Patricio Guzmán (r.): «Warum verdrängt man?» Bild: PD

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Ihr Film ist voller Fragen nach chilenischer Geschichte – und darüber hinaus nach dem Ursprung des Universums. Was hat Sie inspiriert zu Ihrer Kombination von Archäologie und Astronomie?
Und vergessen Sie die Wüste nicht, wo sich die beiden Disziplinen kreuzen. Das geht alles weit zurück. Als ich so zehn Jahre alt war, hatte ich eine Freundin, die Archäologin war, und ich ging oft ins Naturhistorische Museum von Santiago und habe mir steinzeitliche Pfeilspitzen angeschaut. Dort bin ich auch zum ersten Mal in Kontakt gekommen mit den Funden aus der Atacama-Wüste, wo die Überreste von mindestens sechs Kulturen übereinanderliegen. Der absolut trockene Boden hat Mumien in wunderbar gewebten Leichentüchern konserviert.

Und wie kam die Astronomie dazu?
Genauso, zunächst aus einer fast noch älteren Erinnerung, es hat zu tun mit meiner Begeisterung für Science-Fiction-Literatur als Bub. Dann weiss ich noch, wie ich als 16-Jähriger einmal eine Nacht im Observatorium verbrachte und eine Sternenkonstellation betrachtete, die «Diamantenkoffer» hiess. Und nun, sehen Sie: Da ist diese Wüste, eine wahre Vergangenheitslandschaft. Sie bewahrt alles, Meteoritengestein, Fussabdrücke von Dinosauriern, die alten Salpeterminen aus unser industriellen Geschichte, englische Industrieanlagen und Lokomotiven, die aussehen, als müsse man sie nur putzen, und sie würden wieder fahren. Auch die Toten eines Kriegs gegen Peru im 19. Jahrhundert liegen in der Atacama und die Ermordeten, die in der Pinochet-Diktatur verscharrt wurden. Und da stehen jetzt die grössten Observatorien der Welt, weil die Trockenheit den Himmel so klar macht; dort forscht man nach dem Licht längst erloschener Sterne und rekonstruiert also auch aus etwas Totem den Anfang des Lebens; und in 200 Jahren, wenn die Astronomen auf Raumstationen im Weltraum arbeiten, werden diese Observatorien immer noch dort stehen als konservierter Geschichtsschrott unserer Generation.

Sie verwenden im Titel den Begriff Nostalgie . . .
«Nostalgie nach dem Licht» ist der Titel eines Buches von Michel Cassé, einem französischen Astrophysiker und Dichter. Er hat ihn mir geschenkt.

Es ist nicht gerade ein streng historischer Begriff. Er bezeichnet eher die Sehnsucht nach etwas, das man gern wieder hätte. Zum Beispiel Sehnsucht nach Ihrer quasi geschichtslosen Kinderzeit, von der Sie am Anfang des Films erzählen.
Bestimmt, da haben Sie recht. Aber historisch wird der Begriff doch, wenn er die Sehnsucht nach einer exemplarischen Republik meint, der wir vor dem Militärputsch 1973 wenigstens nahe waren. Und historisch ist Nostalgie auch, wenn man nachts in der Wüste im Sand liegt und im Licht der Sterne unmittelbar eine weit, weit entfernte Vergangenheit spürt. Sie ist unsere Vergangenheit, und man möchte diesen Anfang von allem erkennen. Michel Cassé benützt im Untertitel seines Buchs übrigens den Ausdruck «Wunder der Astrophysik», darin ist eine Verbindung von Metaphysik und Wissenschaft angedeutet, und auch mein Film berührt diesen Aspekt.

Ja, wenn man Ihnen zuhört und Ihre Bilder des Sternenhimmels sieht, könnte man schon fragen: Macht Astronomie fromm?
Fromm nicht, an Religion habe ich nicht gedacht. Es ist ein Film über Materie. Aber man muss schon zugeben, und jeder Astronom wird es tun: Die astronomische Frage nach dem Anfang ist auch eine theologische.

Archäologen graben nach menschlicher Geschichte. Die Astronomen schauen sich die kosmische Geschichte an. Und die chilenische Nation vergisst währenddessen ihre jüngste Geschichte. Warum dieses Desinteresse?
Ja, das ist die Frage. Sie geht sogar über die Pinochet-Zeit hinaus. Warum verdrängt man? Warum sind zum Beispiel unsere Nationalhelden Pappfiguren? Vermutlich weil wir ein junges Land sind und Erinnerungsarbeit lange dauert. Und sie greift in die Identität ein, und das bisschen, das man hat, will man nicht verlieren. Was die Diktatur betrifft, wird die Bewegung für die Erinnerung und die Aufklärung stärker. Aber die politische Klasse unterdrückt sie, es gibt da immer noch dieses Schweigeabkommen mit dem Militär.

Sie begleiten in Ihrem Film Frauen, die in der Wüste nach ermordeten Verwandten suchen, und eine sagt: «Wir sind die Lepra von Chile.» Das klingt fürchterlich.
Nicht wahr? Der Satz schüttelt mich heute noch durch. Aber es ist die Wahrheit.

Was, glauben Sie, suchen diese Frauen, wenn sie ihre Toten suchen? Geschichte? Oder das Vergessen von Geschichte?
Sie suchen Konkretheit. Die Wirklichkeit hinter der Schemenfigur, die ihnen die Diktatur hinterlassen hat. Wenn sie sie fänden, dann könnten sie trauern und neu anfangen. Denn hätte die Diktatur wirklich die Fähigkeit gehabt, jemanden spurlos verschwinden zu lassen, dann wäre das ein Erfolg der Unterdrückung noch nach der Zeit der Unterdrückung.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.03.2011, 12:02 Uhr

Der Film

«Nostalgia de la luz» läuft in Zürich im Arthouse Movie.

Patricio Guzmán

Er bewahrt die Geschichte Chiles

Patricio Guzmán, geboren 1941 in Santiago de Chile, ist Chiles bedeutendster Dokumentarfilmer. Der Militärputsch 1973 trieb ihn ins Exil nach Spanien. Heute lebt er in Paris. Seine wichtigsten Filme – die Trilogie «La batalla de Chile» (1975 – 1979) oder «Salvador Allende» (2004) – bewahren die Erinnerung an eine demokratische Hoffnung in seiner Heimat. Sein neuer Film, «Nostalgia de la luz», mit dem er 2010 den Europäischen Filmpreis für den besten Dokumentarfilm gewann, erzählt von Astronomen, die in der klaren Luft der Atacama-Wüste kosmische Forschungen betreiben. Von Archäologen, diesich dort in die Sedimente der chilenischen Geschichte graben. Von Frauen, die – manche seit Jahrzehnten – nach den Leichen der in der Pinochet-Ära ermordeten Angehörigen suchen. Ein Film von berührendem Geschichtsbewusstsein und geradezu himmlischer Poesie. (csr)

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