«Ich wollte es so erzählen, dass er ein Kind will und sie Sex»

Regisseurin und Autorin Güzin Kar hat ihre erste Fernsehserie gedreht. «Seitentriebe» handelt von langjährigen Liebesbeziehungen, aus denen die Lust entwichen ist.

«Die Menschen wissen doch sehr genau, wann sie zu weit gehen»: Regisseurin Güzin Kar. Foto: Raisa Durandi

«Die Menschen wissen doch sehr genau, wann sie zu weit gehen»: Regisseurin Güzin Kar. Foto: Raisa Durandi

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Haben Sie den Satz «Jetzt muss die auch noch eine Serie machen!» schon sagen hören?
Selbstverständlich. Aber wo auf der Welt gibt es einen Ort, an dem die Leute begeistert applaudieren, wenn man erzählt, was man gerade tut?

Schweizer sind aber besonders skeptisch.
Ich glaube, es liegt an unserem Wohlstand. Manche Leute sehen gar nicht ein, weshalb jemand überhaupt einen Film drehen muss. Wieso ist das notwendig? Es geht ja auch ohne. Kunst wird überhöht, je weiter weg sie ist, und gering geschätzt, je näher sie bei uns ist.

Dabei sind Fernsehserien doch ein sehr populäres Format?
Sie füllen eine Lücke, die klafft, seit das lineare Fernsehen an Bedeutung verloren hat. Serien und Reihen wie «Tatort» leisten da Ersatz. Heute schaut man «Tatort» und liest gleichzeitig die Twitter-Kommentare von anderen. Serien leisten etwas Ähnliches. Man spricht ja sehr gern über die Dinge, die man gesehen hat. Und sucht sich dann Gesprächspartner, die dasselbe schauen, die zum Beispiel ebenfalls in der ersten Staffel einer Serie stecken und nicht schon weitergeschaut haben.

Es gibt ja Paare um die 30, die nicht mehr ausgehen, weil sie noch «The Deuce» fertigschauen müssen.
Serienschauen ist aber auch ein bisschen wie Ausgang. Oder eine Zwischenform von sozialen Medien und klassischem Fernsehprogramm. Dank Serien wird man Teil einer grösseren Gemeinschaft. Bei der «Tagesschau» hat man ja nicht das Gefühl: «Wow, ich bin Teil der ‹Tagesschau›-Family!».

Ihre eigene Serie «Seitentriebe» handelt von Menschen, die schon lange zusammen sind, aber keine Lust mehr aufeinander haben. Wieso kommen diese Paare alle in die Krise?
Ich habe mich gefragt: Wieso muss die romantische Liebe dermassen geschützt werden? Wovor eigentlich? Es gibt da so viele Verklärungen. Die romantische Beziehung wird noch immer als einzige mögliche Lebensform idealisiert, obschon wir mit allen möglichen Formen von Sex und Liebe konfrontiert sind.

Standpauke: Leonardo Nigro, Nicola Mastroberardino, Carol Schuler (v.l.). Foto: Rot SRF

Hängen wir wirklich noch immer an diesem Ideal?
Die ganze Gesellschaft beruht auf dem romantischen Ideal. Nehmen wir das Eherecht, das es nicht erlaubt, dass drei Leute heiraten. Leider. Wir gehen noch immer davon aus, dass ein Mann und eine Frau sich verlieben, heiraten, Kinder kriegen. Dass die Realität in vielen Fällen anders aussieht, verdrängen wir. Da gibt es eine enorme Verdrängungsleistung. In «Seitentriebe» geht es mir um diese Krise. Um die Krise der heterosexuellen monogamen Beziehung.

Da gehts dann auch darum, wie das Glück zu Alltag vertrocknet.
Ja, und dann beginnt man, sich richtig schlecht zu fühlen. Die Frau nimmt zu, der Mann merkt, dass er kein Superheld ist – oder umgekehrt. Das schlechte Gewissen entsteht dadurch, dass Paare permanent das Bild, das sie jetzt abgeben, mit dem Bild vergleichen, das sie am Anfang ihrer Beziehung von sich hatten. Das deckt sich nie.

In «Seitentriebe» haben Nele und Gianni, ein kinderloses Paar um die 40, seit über zwei Jahren keinen Sex mehr. Ist das realistisch?
Ich kenne Paare, die während noch längerer Zeit nicht miteinander geschlafen haben. In meiner Recherche habe ich gemerkt: Sobald ich erzählte, dass ich eine Serie über Langzeitpaare drehe, die keinen Sex mehr haben, öffneten mir Menschen ihr Innerstes. Sie sagten: «Es ist wahr, wir leben zusammen, begehren uns aber nicht mehr.» Das hat mich sehr gerührt. Wie sich das angestaut hat: das schlechte Gewissen, die Sprachlosigkeit.

Nele und Gianni haben wieder mehr Sex, als sie versuchen, ein Kind zu zeugen. Vor allem möchte Gianni ein Kind. Ist ein Mann mit Kinderwunsch unsexy?
Ich wollte es so erzählen, dass er ein Kind will und sie Sex. So herum ist die Sache nämlich noch schwieriger. Will eine Frau ein Kind, kann sie sich ja noch immer einen Samenspender suchen. Aber was tut ein Mann, der ein Kind möchte? Darüber wird nicht geredet, dabei kenne ich mehrere Männer um die 40, die haben einen fast schon verzweifelten Kinderwunsch.

Ein Tabu?
Es geht um Versagensängste. Wir gelten als Versager, wenn wir keinen Partner finden oder nicht den richtigen. Man wird zum Aussätzigen. Dabei kann man zum Beispiel mit jemandem Kinder haben, aber jemand anderen lieben.

Da stellen sich dann aber logistische Probleme.
Es mag kompliziert werden, aber was ist nicht kompliziert? Es gibt nur zwei unkomplizierte Dinge: Flirten und Sex.

Sex ist doch furchtbar kompliziert!
Ach was, Sex ist überhaupt nicht kompliziert.

Sie haben einmal in einer Kolumne geschrieben: «Ist Sex unschweizerisch?» Natürlich war das ein Witz. Aber ist da nicht auch etwas Wahres dran?
Nun, ganz offensichtlich haben die Schweizer Sex. Man sieht doch: Das Volk vermehrt sich.

Nur steht man dann im Tram und denkt: «Diese Leute haben Sex?!»
Richtig. Ich glaube trotzdem nicht, dass Sex etwas Unschweizerisches ist. Was ich glaube: Schweizer tun sich schwer mit der Betrachtung von Sex. Sexualität ist ja etwas grandios Sinnloses. Wunderbar irrational und ineffizient, das in den seltensten Fällen zu Nachwuchs führt. Das heisst aber auch, dass es dem Schweizer ein bisschen in der Seele wehtut, wenn er sieht, dass die Leute Dinge tun, die reiner Selbstzweck sind.

«Ich glaube, Schweizer tun sich schwer mit der Betrachtung von Sex. Sexualität ist ja etwas grandios Sinnloses.»

Sind Schweizer schlechte Verführer?
Der Schweizer hat Mühe mit der Ineffizienz des Flirts. Man flirtet ja nur in den allerwenigsten Fällen, weil man mit seinem Gegenüber ins Bett will. Man flirtet, weil es gerade lustig ist, weil der Flirt eine Situation verspielter macht.

Sie haben auch einmal geschrieben: «Ich glaube, dass, wenn zwei sich umtanzen, oftmals beide nicht genau wissen, was sie voneinander wollen.»
Richtig! So muss ein Flirt auch sein.

Derzeit wird jedoch vor allem darüber geredet, wann jemand zu weit geht.
Die Menschen wissen doch sehr genau, wo sie stehen und wann sie zu weit gehen. Es gibt zwar keinen Zehnpunkteplan, der klären könnte, wann ein Übergriff stattfindet. Trotzdem glaube ich, dass Grenzüberschreitungen nicht selten sehr gewollt geschehen.

Man kann jemanden zu einer Überschreitung einladen.
Absolut, aber dann ist es ja von beiden gewollt. Und doch finde ich wichtig, dass man sich jederzeit zurückziehen, sagen kann: «Tut mir leid, aber das funktioniert für mich jetzt gerade nicht.» Es heisst ja gern: Wenn eine Frau mit einem Mann ins Bett steigt, soll sie nicht plötzlich saublöd tun und Stopp sagen. Ich finde: Doch, Frauen sollen Stopp sagen, wenn es nicht gut ist, und Männer genauso! Vielleicht passen Geschmack oder Geruch des anderen nicht, oder einem von beiden fällt plötzlich ein: «Moment, ich bin ja verheiratet!»

Trotzdem scheint manchen jetzt nicht mehr klar zu sein, wo der Flirt endet und der Übergriff beginnt.
Aber man weiss es doch selber! Ich sehe ja, wie mich jemand anschaut. Ob er starrt oder ob er einen verspielten Blick hat. Und der, der mich anschaut, kennt den Unterschied doch auch. Ausser er ist wirklich ein Holzpflock. Allgemein denke ich, die Leute stellen sich gerade ein bisschen naiver, als sie eigentlich sind.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.02.2018, 18:16 Uhr

«Seitentriebe»

SRF-Serie

Nach einem Drama der mörderischen Verlogenheit («Wilder») und einer Tragödie der menschlichen Gier («Private Banking») setzt das Schweizer Fernsehen nun aufs Thema Lust. In Güzin Kars achtteiliger Serie «Seitentriebe» geht das etwa so: Nele und Gianni (Vera Bommer, Nicola Mastroberardino) können nicht voneinander lassen, dann fängts aber erst an. Die Leidenschaften ermüden, das Paar schaut über den Hag, um nachzusehen, obs woanders lebendiger zugeht. Es ist die alte, aber immer neue Tragikomödie, wie das Ideal, das man noch im Herzkämmerchen trägt, sich an der mächtigen Routine reibt. Das hat Witz, Schwung und handelt vom Elend, dass zwei nicht dasselbe meinen, wenn sie sagen, man müsse mal etwas Neues probieren. (csr)

Ab Montag, 26. 2., um 20.10 auf SRF 2.

Güzin Kar

Regisseurin

Güzin Kar ist Filmregisseurin und Autorin («Fliegende Fische»). Seit 2010 schreibt sie Kolumnen für diese Zeitung, ab 2014 unter dem Titel «Bonbons & Granaten». Im Mai 2018 feiert ihr erstes Theaterstück «Sweatshop ­– Deadly Fashion» (Regie: Sebastian Nübling) Uraufführung am
Schauspielhaus Zürich. (Red)

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