Interview

«Ich wollte, dass man auch den ersten Schuss hört»

Der deutsche Regisseur Andres Veiel interpretiert im Spielfilm «Wer wenn nicht wir» die Vorgeschichte der RAF. Gudrun Ensslin, Bernward Vesper und Andreas Baader sind die Schlüsselfiguren.

Die Liebe zwischen Gudrun Ensslin und Bernward Vesper fällt letztlich der Radikalisierung zum Opfer: Lena Lauzemis und August Diehl in «Wer wenn nicht wir».

Die Liebe zwischen Gudrun Ensslin und Bernward Vesper fällt letztlich der Radikalisierung zum Opfer: Lena Lauzemis und August Diehl in «Wer wenn nicht wir». Bild: Columbus Film

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Es könnte einem vorkommen, Ihr Film sei eine Geschichte von Kindern, die aus der Familienzelle ausbrechen. Wie wichtig ist das Thema Familie für Sie als Grundmotiv des deutschen Terrorismus?
Wichtig. Allerdings rede ich lieber von einem Ursachendickicht. Man kommt nicht weit mit Thesen, die diese Lebensgeschichten aufs Familiäre reduzieren oder auf Sexualität und Liebe. Aber man kommt auch nicht weiter, wenn man nur das Politische extrahiert, sozusagen die politischen Helden, die aus sich selbst heraus, ohne persönlichen Kontext, zu Guerillas werden. Ich bin erst einmal offen für Motive, und deshalb bin ich natürlich interessiert an der biografischen Frage, auch an der nach meinen eigenen Antrieben – als einer, der Eltern und vor allem Grosseltern hatte, die durch die deutsche Geschichte gewrungen und von ihr beschädigt wurden. Das macht sensibel für jemanden wie Bernward Vesper, der sich so schwer befreien konnte, obwohl er ja etwas begriff von der Rolle seines Vaters als Nazidichter. Warum? Weil er im Vater nicht nur das ewig gestrige, repressive Nazitum sehen wollte, sondern auch den liebenden Mann, der an den Sohn als Schriftsteller glaubte. Er hat am Ende dann ja versucht, den Vater im Roman «Die Reise» literarisch zu vernichten, und es ist ihm nicht gelungen. Also, ich glaube, man muss das Persönliche auf dem Radar behalten, wenn man ans Politische will. Obwohl ich wirklich nicht alles aufs Papa-Mama-Kind-Dreieck schieben möchte.

Der Film ist natürlich mit schuld daran, dass man gleich auf die Familienfrage kommt. Er beginnt mit dem traumatischen Erlebnis von Bernward Vesper, wie der Vater seine Katze erschiesst.
Ja, weil sie eine Nachtigall getötet hat. Und dann erklärt er dem Buben sehr liebevoll, dass er damit die Schönheit der Nacht gerettet hat, die ohne Nachtigall grässlich still und voller Todesangst wäre. Das ist die widersprüchliche Melodie, die ich meine.

Auch bei Gudrun Ensslin, die Sie ebenfalls in Familienszenen zeigen, als eine Art ganz gewöhnlichen Trotzkopf?
Wenn das bei Ihnen so ankommt, dann hat sich der Wunsch erfüllt, sie auf das sehr Menschliche runterzuholen. Es gibt in Deutschland zwei Umgangsformen mit Ensslin oder Baader: das Label «durchgeknallte Kriminelle» und das Etikett, dass da zwei ihr Leben gegeben haben für etwas, an das sie glaubten, auch wenn es falsch war. Das eine oder das andere, immer ganz stringent. Keines von beiden wollte ich aber einfach so bedienen. Nein, es mussten alle Treibsätze in diesem Film sein: die Familie, die von Erwartungen überfrachtete freie Sexualität, natürlich auch die politischen «Taktgeber» der Zeit, der Eichmann-Prozess, die Kubakrise, Vietnam, damit aus der Geschichte kein Kammerspiel wurde.

Vesper, Ensslin, Baader – welche der Biografien hat Ihnen am meisten Schwierigkeiten gemacht?
Baader. Das war zunächst eine Zeitfrage. Ich habe gemerkt, wenn ich ihn mit erzähle von 1961 an, dann wird das Gestrüpp zu unübersichtlich. Also entschied ich, ihn zur Nebenfigur zu machen. Ich hätte ihn gern besser behandelt und auch gern mehr von den biografischen Zufällen erzählt. Und von seinen Verlustängsten oder von seiner Lust am Kick, egal wo er ihn fand. Da bleibt eine gewisse Unzufriedenheit. Dazu kam als Herausforderung, dass bei ihm die Projektionscontainer am meisten gefüllt sind durch andere Filme. Es gibt so viele Baader-Ikonen, an die sich Hass oder auch Liebe hängen. Man findet da nicht leicht einen eigenen Ansatz.

Zufall ist ein interessantes Stichwort. Man denkt in Ihrem Film manchmal, die drei hätten sich auch prächtig gemacht als schwärmerische Jungnazis in ihrer Sehnsucht nach absolutem Engagement. Steckt dieser Gedanke auch in der «widersprüchlichen Melodie»?
Ja, er steckt drin. In der urromantischen Idee, dass Liebe und Lust und Tod einander bedingen. In der Verachtung des Kompromisses. Andererseits gibt es bei Gudrun Ensslin dieses grundsätzliche Gerechtigkeitsempfinden, diese Empörung über das offensichtlich Falsche wie die Rassendiskriminierung in den USA. Sie steigerte sich in einen moralischen Rigorismus hinein bis hin zur Legitimation von Todeslisten und zwar ohne jedes Korrektiv. Aber die Absolutheit hatte ein humanes Ziel: Gerechtigkeit, Antifaschismus. Sie war nicht richtungslos. Das zu sagen, wäre unfair.

Aber politisch unscharf war sie – bis zur Auflösung von Gerechtigkeit.
Darauf lief es allerdings hinaus. Gudruns Vater sagt im Film einmal: «Du wünschst dir den Faschismus ja richtig herbei. Was ist, wenn er nicht kommt?» Ein kluger Satz. Er drückt aus, wie die entstehende RAF ihren geschichtlichen «Auftrag» legitimierte. Sie errichtete auf einer schiefen Ebene ein logisches Gedankengebäude. Eine präzise Zeitanalyse war gar nicht möglich, weil das den Motivationsschub unterbrochen hätte.

Warum haben sie als Dokumentarfilmer in diesem Fall einen Spielfilm machen wollen, mit allen sentimentalen Risiken?
Und auch mit aller Freiheit. Es war für mich gerade das Spannende, zu sehen, wie nah man in dieser dramatischen Form Protagonisten kommt und wie fremd sie einem plötzlich wieder werden können. Ich habe ja nicht um jeden Preis Identifikationsflächen für den Zuschauer schaffen wollen. Im Gegenteil, ich habe mich für eine epische Erzählweise entschieden, für eine Handlungszeit über zehn Jahre hinweg mit vielen unsentimentalen Momenten der Irritation.

Spielfilme, Ihrer auch, erzeugen manchmal eine Sentimentalität wider Willen. Kam es vor, dass Sie sich bei Baader oder Ensslin sagten: Achtung, vielleicht sentimentalisiere ich hier Kriminelle?
Die Frage ist berechtigt. Sie hat sich im Hintergrund gestellt. Ich wollte deshalb sehr bewusst, gegen einige Einwände, dass man am Ende auch den ersten tödlichen Schuss der RAF hört. Und man sieht das Bild vom Tatort und die Kreideumrisse des Universitätsangestellten, der einfach totgeschossen wurde bei der Befreiung von Andreas Baader 1970. Dazu hört man die Botschaft von Ensslin, dass man den Schweinen und den intellektuellen Hosenscheissern gar nichts erklären müsse. Der Film verharmlost da nichts. Und das ist auch eine Ambivalenz, die ich vor allem bei Gudrun Ensslin auszuhalten habe: dass eine Frau, die mir nahe kam, die ich versucht habe nachvollziehbar zu machen, sich so verirrt hat in eine Wirklichkeitssicht, die nie die meine sein wird.

In Zürich ab Donnerstag im Kino.

(DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 29.08.2011, 13:27 Uhr

Andres Veiel: Der 51-jährige studierte Psychologe wurde als Regisseur vor allem mit dem mehrfach ausgezeichneten Doku-Kinofilm «Black Box BRD» (2001) bekannt.

Der Trailer

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