«Ich nehme Partei für die menschliche Mary»

Der Schweizer Regisseur Thomas Imbach schildert im Historienfilm «Mary, Queen of Scots» die Geschichte der unglücklichen Königin Maria Stuart, die aus Konsequenz den Kopf verlor.

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Nach der Premiere Ihres Films in Locarno haben Sie gesagt, Mary Stuart, die Königin von Schottland, habe gewissermassen an Ihre Tür geklopft. Wer stand denn da vor Ihnen, dem ersten Eindruck nach?
Niemand, den ich besonders gut kannte. Ich wusste natürlich, dass sie schön war und unbeugsam, das hat mich gleich angesprochen. Aber meine erste «Logline» war noch recht simpel: Frauen, Pferde, Landschaften. Leider gibt es kein Stück von Shakespeare über Mary, aber bei Stefan Zweig fand ich sie dann beschrieben vor dem Hintergrund von «Macbeth» und «Hamlet». Das hat mein Interesse an den Leidenschaften, an der Innenwelt dieser Frau geweckt. Zweigs Biografie war nicht meine einzige Quelle, aber sie wurde sozusagen zum Reiseführer auf dem psychologischen Gelände. Er porträtiert Mary als eine starke, eigenständige Figur. Im englischen Raum ist das ja anders, dort hat sie einen zweifelhaften Ruf und steht immer im Schatten der Königin Elizabeth I., ihrer grossen Rivalin.

Die beiden treffen sich nie wirklich bei Ihnen . . .
Genau das fand ich spannend: Wie gehe ich um mit einem Zweikampf, der nicht leiblich stattfindet und in dem Elizabeth quasi zu Marys Obsession wird? Das wurde ein entscheidender Erzählstrang von Anfang an. Es umkreisen sich zwei Königinnen jahrzehntelang und kennen einander aus Beschreibungen oder Briefen, aber sie treffen sich nie. Dieses Drama einer Nicht-Begegnung hat mich inspiriert, und in diesem historischen Fall halte ich die Wahrheit für aufregender als einen dramatischen Zickenkrieg.

Da sind wir jetzt aber schon über eine Anfangsinspiration hinaus. Was hat Sie denn ursprünglich berührt an der Mary?
Vielleicht eine Art Seelenverwandtschaft. Sie sucht etwas Bedingungsloses. Und ich spüre eine ideelle Verbindung zu einer meiner früheren Hauptfiguren, zum Lenz. Der geht an seinen Idealen zugrunde und gibt auf. Aber Mary knickt nie ein im Kampf um Würde und Krone, auch nach zwanzigjähriger Gefangenschaft nicht. Sie startet sogar noch einmal durch am Ende auf dem Schafott in ihrem roten Kleid. Damit beginnt ja ihre Legende.

Die Konsequenz hat Sie fasziniert?
Ihre Passion, ihr Mut, ihre Offenheit, die politisch fast naiv war, aber menschlich gross. Da kommt sie einem nahe. Sie steht für archaische Werte, die heute aus der Mode gekommen sind. Wenn sie Leidenschaft investiert, erwartet sie nicht immer gleich Gewinn, auch in ihren Beziehungen nicht. Ich habe dagegen nie die Massenfaszination verstanden, die Elizabeth auslöst. Ja sicher, sie war eine fähige, erfolgreiche Managerkönigin, aber mir ist sie immer vorgekommen wie eine berechnende Zicke und Schreckschraube.

Andererseits war sie wahrscheinlich die modernere Königin in ihrer Zeit.
Und wieder andererseits war Mary die modernere Frau, denke ich.

Modern in welcher Beziehung?
Immerhin hat sie sich – in ihrer Zeit und als Königin – das Recht auf ein selbstbestimmtes Privatleben als Frau genommen. Das Recht, sich zu verlieben, oder das Recht auf Kinder und auf Macht gleichzeitig. Elizabeth hingegen hat zugunsten der Macht auf Privates verzichtet, bis hin zur Bindungslosigkeit. Und in einem Jahrhundert der Glaubenskriege war Mary aussergewöhnlich tolerant in Fragen des Glaubens. Sie hielt ihn für eine persönliche Angelegenheit und war religiös nicht militant. Ich will den Begriff «modern» nicht überstrapazieren, aber es spiegeln sich in Mary doch ein paar Aspekte heutiger Debatten. Im Film gings mir um einen menschlichen, sozusagen universellen inneren Kampf, und weil er universell ist, nenne ich ihn modern.

Die Vergangenheit hat dann aber auch ihr Eigenes und Unmodernes, mit dem man als Filmemacher umgehen muss, stell ich mir vor. Inwiefern ist Mary Stuart Ihnen auch fremd geblieben?
Immer ist nur eine Annäherung möglich. Natürlich habe ich sie von Anfang an interpretiert und mir angeeignet als meine Figur. Und doch gab es laufend Widersprüche: Wie kann sie zum Beispiel so offenherzig sein gegenüber Elizabeth und gleichzeitig deren Legitimität als Königin dauernd infrage stellen? Je mehr ich eintauchte in ihre Beziehungen und Konflikte, desto klarer wurde, dass am Schluss ein Geheimnis bleibt. Auch bei der Frage, ob sie gewusst oder sogar angeregt hat, dass ihr späterer dritter Mann, Lord Bothwell, ihren zweiten Mann, Lord Darnley, in die Luft sprengt.

Hat sie Ihrer Meinung nach?
Gewusst vermutlich, angeregt nicht. Sie wollte dieses Scheusal weghaben, das ihren Vertrauten Rizzio vor ihren Augen hat ermorden lassen. Das hat ihr zum ersten Mal den Boden unter den Füssen weggezogen, deshalb ist Rizzio so wichtig im Film. Also kurz gesagt, wahrscheinlich hat sie die Sache mit Darnley geduldet, aber ich denke, das wirkliche Komplott gehörte nicht zu ihrem königlichen Geschäft.

Rizzio, der lebende und der tote, tritt im Film immer wieder auf als Puppenspieler. Er spielt Szenen mit einer Elizabeth- und einer Mary-Puppe, und nur so kommen die beiden Königinnen dann doch zusammen. Warum haben Sie diesen «theatralischen Kniff» gewählt?
Im Puppenspiel verlassen wir das höfische Protokoll, es ermöglicht eine ungeschminkte und humorvolle Perspektive auf Marys Unheil. Und Rizzio sehe ich als souveräne Figur, nicht nur als weiteren Mann an Marys Seite. Deshalb wird er zu einer Art kreativem Shakespeare-Geist. Und er war wichtig als Auslöser von Marys innerem Erdbeben.

Stefan Zweig schreibt in seiner Biografie, man könne vis-à-vis von Mary eigentlich nicht nicht Partei nehmen, weil eben alle Quellen so parteiisch seien, die protestantischen gegen sie, die katholischen für sie. Ihre historische Sympathie ist auf der katholischen Seite, sehe ich das richtig?
Ich nehme Partei für die menschliche Mary. Das war sogar eine Motivation, schon wegen meiner Distanz zu Elizabeth, über die es so viele Filme gibt. Hier ist die Geschichte einer Frau, die als Königin auf die Welt gekommen ist, nur sechs Tage lang in ihrem Leben war sie es nicht, und das Königstum haftet an ihr als existenzielle Rolle. Ich rede nicht von der Idee des Gottesgnadentums, sondern im Grunde muss es so gewesen sein wie bei allen Kindern bis heute. Wir kommen als Könige auf die Welt und sind allmächtig in unserer Fantasie, und diese kindliche Allmacht verteidigen wir gegen die Wirklichkeit, die sie uns wegnimmt. Deshalb halten uns Königsgeschichten so in Bann, glaube ich. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 01.11.2013, 14:24 Uhr

Trailer

«Mary, Queen of Scots»

Quellentreu und doch frei setzt Thomas Imbach das Drama der Maria Stuart (1542–1587) in Szene. Gedreht wurde bei Naturlicht oder Kerzenschein im Schloss Chillon, im Kloster Romainmôtier, in Frankreich und Schottland. Die Inszenierung ist von ökonomischer Schönheit, fast karg auch in der königlichen Pracht. Das dient dieser Geschichte einer leidenschaftlichen Frau (Camille Rutherford), die nie etwas anderes war als Königin – bis man ihr den Kopf abschlug, weil die Krone ihr nur so genommen werden konnte. (csr)

«Mary, Queen of Scots» läuft ab 7. 11. in den Schweizer Kinos. Vorpremiere im Zürcher Lunchkino: heute Freitag, 12.15 h, Arthouse Le Paris, in Anwesenheit des Regisseurs.

Thomas Imbach, geboren 1962 in Luzern, hat in dokumentarischen Essays die moderne Arbeitswelt in eigenwillige lyrische Bilderrhythmen gebracht («Well Done», 1994) oder die variantenreichen Bewegungen des Immergleichen vom eigenen Fenster aus beobachtet («Day Is Done», 2011). In Spielfilmen drang er vor in den geisterhaften Transitbereich zwischen Leben und Tod («Happiness Is a Warm Gun», 2001), ging mit Büchners Lenz durchs Gebirge («Lenz», 2006) oder liess die Wirklichkeit ins Märchen kippen («I was a Swiss Banker», 2007). (csr)

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