Interview

«Ich möchte nicht als Ameise gelten»

Schauspieler Harrison Ford wurde gestern Abend am Zurich Film Festival mit einem Lifetime Achievement Award geehrt. Ein Mann, kein Wort über «Star Wars», dafür allerlei über Startum und Schauspielerei.

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Ein Preis fürs Lebenswerk ist immer eine Gelegenheit die grossen Fragen zu stellen, zum Beispiel: Welche Faszination und welche künstlerischen Prinzipien treiben Sie an als Schauspieler?
Vielleicht sollte ich es jetzt nicht so abstrakt «Prinzipien» nennen. Aber eine der grossen Chancen der Schauspielerei ist es, anderer Leute Leben leben zu können, Berufe zu erforschen, Emotionen zu üben. Das wirkliche Talent, die Grundbegabung eines Schauspielers muss die Empathie sein. Die Fähigkeit, Menschen in ihren Gefühlen zu erkennen ...

Und die Gefühle zu reproduzieren?
Nachzuspielen, ja schon. Aber vor allem, menschliches Verhalten von einem empfindenden, nicht nur intellektuellen Standpunkt aus zu verstehen. Ich meine damit: Nötig ist eine Disposition zum Mitfühlen und Nachfühlen.

Wenn man die hat, macht Schauspielerei dann weiser?
Na ja, ich hoffe schon, dass man ein wenig gescheiter wird, wenn man wie ich diesen Beruf jahrelang betrieben hat, immer und immer wieder. Was ich jedenfalls weiss, ist, dass einer ohne Neugier auf die Gefühle anderer, vielleicht völlig fremder Menschen, keine natürliche Eignung zum Schauspieler hat. Wahrscheinlich sollte ers lassen. Ein zweites kommt dazu, wenn wir schon von Prizipien und Faszination reden: Ich habe einen grossen Teil meines Leben eigentlich beobachtend verbracht. Ich habe andere beobachtet und auch mich selbst. Und ist es nicht grossartig, wenn einem ein Beruf die Möglichkeit gibt, etwas Beobachtetes quasi von innen und von aussen zu betrachten? Diese zweifache Wahrnehmung ist der Kontext, in dem ich meine Arbeit sehe.

Das Zurich Film Festival hat gestern abend zu Ihren Ehren «Raiders of the Lost Ark», den ersten Indiana-Jones- gezeigt. Finden Sie, Ihr Lebenswerk ist damit gut repräsentiert?
Nicht notwendigerweise. Es ist ein wunderbarer Film, und wenn das die Wahl ist, ok. Nur ist das Ding so alt, und hätte jemand meinen Rat gesucht, hätte ich etwas weniger Bekanntes vorgeschlagen, womöglich diesen neuen Film, «42», der in Europa gar nicht laufen wird, weil es sich da um Baseball dreht. Aber für mich ist das ein Charakterstück in meiner Karriere, das ein wirklich kinointeressiertes Publikum hätte spannend finden können.

Fühlen Sie sich manchmal sozusagen verfolgt vom Geist des Indiana Jones?
Gejagt und gesegnet. Ich meine, das Glück meiner Karriere ist ja schon, einen Film gemacht zu haben, der vom Vater an den Sohn weitergegeben wird. Ein neues Leben in jeder neuen Generation. Ich bin dankbar für den Erfolg. Aber, wie soll ich sagen: Ich betrachte ihn nicht als den inneren Atem meiner Karriere. Nur verstehen Sie mich nicht falsch, beklagen will ich mich nicht. Danke, Zurich Film Festival, für die Einladung!

Die populären Rollen, natürlich, haben Sie zum Star gemacht, Indiana, auch eine frühere, über die Sie ungern reden. Wie schwierig ist das mit der Balance zwischen Star-Sein und Schauspieler-Sein? Hat Ihnen das Startum geholfen, der Schauspieler zu werden, der Sie sein wollen?
Ja, das hat es, und das hat zu tun mit der Natur des Geschäfts. Ich war zur richtigen Zeit im richtigen Hauptrollenalter, so zwischen 35 und 50, denn das waren Jahre, in denen mehr und erfolgreichere und für die amerikanische Filmkultur wichtigere Filme gedreht wurden als je zuvor. Ich war ohne Zäsur Teil dieser sehr lebendigen Industrie. Und heute bin ich so privilegiert, kontinuierlich arbeiten und mir Charakterollen aussuchen zu können, die mir wichtig sind. Berühmtsein hilft.

War das Startum andererseits auch mal ein Hindernis? Weil Sie auf Ihr Image achten mussten zum Beispiel...
Ja, wobei man so ein Image, wenn mans mal hat, ja etwas herausfordern und dehnen kann. Und ich habe es machmal gedehnt zur Irritation mancher Leute und zugunsten eines Filmcharakters. Aber obwohl ichs nicht gerade ein Hindernis nennen würde: Es besteht beim «leading man», beim Star, wenn Sie wollen, halt eben dieser erhöhte Erfolgsdruck, ich nenne es die Verpflichtung mit dem Publikum zu atmen und dafür zu sorgen, dass man das Geld wert ist, das die Leute für ihre Eintrittskarten bezalen. Wenn das gelingt, grossartig. Und manchmal tue ich Dinge, nicht weil ich es unbedingt will, sondern weil sie zum Job gehören. Ich verstehe das dann quasi als Dienst an der Öffentlichkeit.

Eine Frage noch die ganz auf Interpretation gründet. Sie spielen Ihre Rollen handwerklich immer sehr seriös, aber manchmal scheinen Sie die Fiktion, in der Sie sich befinden, nicht ganz ernst zu nehmen, etwa als Indiana oder auch in «Cowboys & Aliens» vor zwei Jahren. Sie werden dann fast parodistisch. Haben Sie Lust an der Ironie oder Parodie?
Das passiert mir, wenn ein Film mehr vom Filmemachen und von Filmen selbst handelt als von einer möglichen Wirklichkeit. In diesen Fällen kann man ein bisschen herumspielen, nicht um sich selbst zu kommentieren oder sich zu ironisieren, nein, es ist ein Spiel mit dem Publikum in der Art: Ich weiss schon, was ihr denkt, das ihr denkt, was ich denke, und schauen wir mal, wohin es uns bringt. Ich schliesse dann das Publikum in mein eigenes Vergnügen ein.

Sie haben selbstverständlich ein Leben ausserhalb des Kinos: auf einer Ranch, als begeisterter Pilot, als sehr engagierter Umwelschützer. Als solcher und als Interviewer in einem Dokumentarfilm haben Sie kürzlich den Forstminister von Indonesien sehr verärgert. Wie kam das?
Erhalten Sie sich doch die Spannung, bis Sie den Dokumentarfilm sehen. Ich war in Indonesien, um über Forstwirtschaft und Abholzung zu reden, aber es wäre jetzt fast unfair gegen den Minister und auch gegen das Publikum, diese eine Situation aus dem Zusammenhang zu reissen.

Weil Sie Umweltschützer, nicht weil Sie Schauspieler sind, wurden eine bestimmte Ameise und eine Spinne nach Ihnen benannt. Könnte es sein, dass das Ihnen wichtiger ist als ein Preis fürs Lebenswerk an einem Filmfestival?
Nein, nein, nein, ganz bestimmt nicht. Ich möchte ja nicht den Rest meines Lebens als Ameise gelten, aber ganz bestimmt werde ich mein restliches Leben lang Schauspieler sein. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 04.10.2013, 20:23 Uhr

Harrison Ford

Natürlich hat der Schauspieler Harrison Ford, geboren 1942 in Chicago, dem Schreinerhandwerk nicht allen Ruhm zu verdanken, aber etwas davon. Denn bevor er 1977 Han Solo in «Star Wars» wurde, hat er tatsächlich für George Lucas als Schreiner gearbeitet (einmal abgesehen von der kleinen Rolle in «American Graffiti», 1973). Und in all seiner schauspielerischen Arbeit erkennt man neben dem Charisma des Stars, der er geworden ist, auch das Ethos des soliden Handwerkers, der fähig ist, ein Haus zu bauen, das dann auch steht und hält (das hat Ford im US-Staat Wisconsin inzwischen getan). Soweit es an ihm liege, wolle er dafür sorgen, dass eben auch seine Filme halten, gab er auf seine wortkarge Art oft zu verstehen.

Richtig berühmt geworden ist er als Steven Spielbergs Indiana Jones, 1981: jener konditionsstarke, ironische Archäologe mit Hut und Lederjacke, die heute beide im Smithonian Institute in Washington ausgestellt sind. Derart ikonisch wurde diese Figur - das (vorläufig) letzte Mal spielte Ford sie 2008 in «Indiana Jones and the Kingdom of the Crystal Skull» -, dass sie in der Erinnerung die Vielfalt der Talente und andere Rollen oft überstrahlt, selbst den Agenten Jack Ryan, dem er in «Patriot Games» (1992) und «Clear and Present Danger» (1994) einen ausgeprägten Charakter gab. Feinsinnigere Arbeit wie in «Regarding Henry» (1991) oder komödiantsche wie in «Sabrina» (1995) treten in den Hintergrund.

Für seine Hauptrolle «Witness» war Harrison Ford allerdings bereits 1986 für einen Oscar nominiert. In der Schweiz war er das letzte Mal 2011, um in Locarno «Cowboys & Aliens» vorzustellen, eine fast surreale Wiederbelebung des alten Western. Zur Zeit ist Ford mit den Dreharbeiten zum Rentner-Actionfilm «The Expendables 3» beschäftigt an der Seite waffenerprobter Kollegen wie Sylvester Stallone und Arnold Schwarzenegger.(csr)

Ford über die Auszeichung. (Video: Keystone )

Harrison Ford über Aliens. (Video: Keystone )

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Die Prominenz auf dem Teppich

Die Prominenz auf dem Teppich Wer 2013 über den grünen Teppich des Zurich Film Festival ging.

Zurich Film Festival: So berichten wir

Neben den Besprechungen der wichtigsten Filme beinhaltet unsere Festival-Berichterstattung nach dem Eröffnungsabend in den nächsten zehn Tagen unter anderem folgende Highlights:

– Hugh Jackman in Text und Bild, Samstag, 28.9. (online), und Montag, 30.9. (Print)

-Interview mit Harvey Weinstein 1.10. (Print)

– Pressekonferenz, eventuell Interview mit Harrison Ford, Freitag, 4.10. (online)

– Live-Blog von der Closing Night, Samstag 5.10. (online)

– Bericht von der Masterclass mit Michael Haneke, Montag, 7.10. (Print)

Diese und alle weiteren Berichte, Interviews, Bilder, Videos, Playlists oder Live-Blogs finden Sie während der nächsten zehn Tage im Dossier.

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