«Ich lasse mich nicht einschüchtern»

Siga will in Sri Lanka nach seinen Wurzeln suchen – auch oder gerade jetzt. Ein Filmteam stärkt ihm den Rücken. Denn der Rapper spricht für viele.

Aus dem Krieg in Sri Lanka über die schiefe Bahn zum Rapper. Siga hat es geschafft. Nur eines fehlt ihm: ein Stück Heimat.

Aus dem Krieg in Sri Lanka über die schiefe Bahn zum Rapper. Siga hat es geschafft. Nur eines fehlt ihm: ein Stück Heimat.

(Bild: zvg)

Aleksandra Hiltmann@thisisAleksa

Siva Ganesu ist aufgewühlt. Jeden Tag verfolge er übers Fernsehen, was in seiner alten Heimat Sri Lanka geschieht. Trotzdem: Die Vorbereitungen für die geplante Reise gehen weiter. Er möchte sich nicht einschüchtern lassen. Das Kamerateam stärkt ihm den Rücken. Es wird Siva Ganesu begleiten, wenn er zum ersten Mal seit seiner Flucht mit der Familie vor 30 Jahren nach Sri Lanka reisen wird. Denn seit der Geburt seines Sohnes treibt ihn etwas um: das Verlangen, seine Wurzeln zu finden. «Wo bin ich zu Hause?»

Siva Ganesu – fester Händedruck, grosses Strahlen, Baseballmütze mit Dach nach hinten – arbeitet als Sicherheitsbeauftragter in einer Bank und wohnt in Dietikon. Siga, wie sich Siva Ganesu als Rapper nennt, mag tamilisches Essen, auch wenn es viel zu scharf für ihn ist. Mit seinen Eltern spricht er Tamilisch, auch wenn er mehr versteht, als er sagen kann. Er ist verheiratet – Liebe auf den ersten Blick, die Hochzeit «Bollywood style». Gerade ist sein zweites Kind unterwegs – «Wahnsinn!». Seine Frau stammt wie er aus Sri Lanka. Seit er sie kenne, interessiere er sich für Traditionen und Bräuche, mag Besuche in hinduistischen Tempeln. Doch seit der Geburt seinen Sohnes reicht ihm das nicht mehr. «Wenn du deine Herkunft erforschen kannst, fällt eine Last von dir ab», meint er.

Ihn auf dieser Suche nach seinen Wurzeln zu begleiten, ist Produzentin Alexandra Schild und Regisseur This Lüscher – bekannt für «Hoselupf»-, «Rider Jack»- und «Bestatter»-Folgen – einen Dokumentarfilm wert. Denn nachdem sie Siga zum ersten Mal getroffen hatten, wussten sie, dass mehr hinter seiner Geschichte steckt, als Urlaub im Heimatland der Eltern machen zu wollen.

Vom Flüchtling zum Bodyguard – auf Umwegen

Als Siga vier Jahre alt war, flohen seine Mutter und Schwester mit ihm vor dem Krieg, «zu Fuss, mit dem LKW, durch den Wald». Die Familie landete in Deutschland, Bielefeld. Dort geriet der heute 34-Jährige auf die schiefe Bahn – «falsche Siedlung, falsches Umfeld». Irgendwann der Tiefpunkt. Genauer geht er im Gespräch nicht darauf ein. Eine Zeitung schreibt: Tod eines Freundes.

«Willst du wirklich so enden?», habe er sich gefragt. Nein. Siga wollte raus, «es liegt an dir, was du mit deinem Leben machst», sagt er heute. Vor zehn Jahren nahm er Hals über Kopf einen Job in der Schweiz an. Mit 20 Euro in der Tasche sei er am Hauptbahnhof Zürich angekommen. Die erste Nacht verbrachte er auf einer Parkbank – das Vorstellungsgespräch war erst am nächsten Morgen. «Ich setzte alles auf diese Karte. Und die Schweiz reichte mir die Hand.»

Ein Integrationsmärchen? Wenn, dann eins mit Ecken und Kanten. Siga arbeitete zuerst als Türsteher, dann als Personenschützer – «du bist was, du machst was». Ihm wurden Hollywoodstars – «Samuel L. Jackson hat eine wahnsinnige Aura» – und arabische Scheichs anvertraut. Denzel Washington habe ihn auf einer Autofahrt aufgefordert, ihm etwas vorzusingen. Siga meinte, er könne nur rappen. Also tat er das. Denzel Washington habe respektvoll mit dem Kopf gewackelt. «You have talent, use it and believe in yourself!», habe der Schauspieler gesagt.

«Ich möchte ein Vorbild sein für Flüchtlinge, für Jugendliche», sagt Siga – für die, die mit mehr als einer Welt aufwachsen.

Und so hängte sich Siga rein in die Musik, die bis dahin nebenbei lief, landete bei RTL, Pro 7, Sat 1 und auf Youtube. Dort erreichte sein erfolgreichstes Video fast 70’000 Klicks. In den neuesten Musikclips immer dabei: Vanessa, eine junge Frau, die seine Texte in Gebärdensprache übersetzt. Siga nimmt kurz einen Schluck Kaffee und sprudelt weiter: Das ist Inklusion, habe er gedacht, als er an einem seiner Konzerte Gehörlose und Hörende im Publikum sah. Die tamilische Gemeinschaft und seine Familie seien stolz auf ihn. Die Produzentin und der Regisseur glauben an die Kraft seiner Geschichte auf der Leinwand.

Zum ersten Mal in seinem Leben wird Siga nun in seine alte Heimat reisen. Es sei traurig, dass die Reise in diese Zeit falle. «Genau wegen solcher Anschläge waren meine Eltern mit uns vor 30 Jahren geflüchtet.» Bereits vor dem jüngsten Gewaltausbruch hätten sie es nach all den Jahren nicht mehr gewagt, in ihre alte Heimat zu reisen. Die Erinnerungen seien zu schwer gewesen. Doch sie wollen ihren Sohn nicht enttäuschen. Sie werden fliegen. Andere Verwandte haben ihre Flüge storniert.

Sigas Eltern wollen ihn in der alten Heimat zum jährlichen hinduistischen Tempelfest begleiten, zu ihrem früheren Haus, zum Krankenhaus, in dem Siga geboren wurde, zu Nachbarn von damals. Vor einigen Wochen noch rutschte er voller Vorfreude und Aufregung auf dem Sessel hin und her. Von Freunden habe er gehört, wie schön sein Land sei. Nun hoffe er, dass alle sicher werden reisen können, sagt er einige Wochen nach dem Gespräch am Telefon.

Siga spricht für viele

Kraft tanke er im Kloster Einsiedeln. «Glanz & Gloria» sagte, dass er sich dort innerlich auch mit seiner Vergangenheit versöhne. Seinen Panzer, den er sich zugelegt hat, habe er dank der Geburt seines Sohnes abschütteln können. Der Panzer half ihm gegen den Rassismus, der ihm in seiner Kindheit auf deutschen Schulhöfen physisch und vor Schweizer Clubs verbal entgegenschlug. Seit er selbst Vater sei, habe er andere Prioritäten, könne Dinge hinter sich lassen. Nur nicht seine Wurzeln. Die will er seinen Kindern mitgeben – Sri Lanka soll auch ein Stück ihrer Heimat werden.

«Siga – Vom Flüchtling zum Sieger» soll der Dokumentarfilm heissen. «Ich möchte ein Vorbild sein für Flüchtlinge, für Jugendliche», sagt Siga – für die, die mit mehr als einer Welt aufwachsen. Und von ihnen gibt es in der Schweiz viele.

Auch wenn der Film erst 2020/2021 veröffentlicht werden soll, ist bereits nach einem Gespräch klar, wieso man hinhören und -schauen sollte. Denn Siga erzählt, was für viele, die in der Schweiz geboren wurden, nicht immer nachvollziehbar ist. Nämlich, wo und was Heimat ist, sein kann, sein darf. Nicht einfach hier in der Schweiz oder dort, wo jemand geboren wurde. Heimat kommt mit, verliert sich, drückt an die Oberfläche, gibt Halt, fehlt, bringt durcheinander, heilt und schmerzt plötzlich wieder – wie derzeit nicht nur Siga, sondern auch viele andere Menschen aus der Schweiz mit sri-lankischen Wurzeln erleben.

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