Hymnen an das Leben

Visions du Réel

In den ersten Tagen am Festival Visions du réel bescheren die radikalen Schweizer Filme «Geburt» und «The Sound of Insects» dem Wettbewerb zwei Glanzlichter.

«Das Starsystem hat auch bei ,Visions du réel 2009‘ Fuss gefasst, denn im Vorfeld haben die Medien über zwei Personen berichtet: über Catherine Deneuve und über Jean Perret.» Mit dieser kleinen Provokation versuchte der Journalist Christian Jungen am samstäglichen Podiumsgespräch «Festivalitis – Geht es noch um die Filme?» den Festivaldirektor aus der Reserve zu locken. Doch Jean Perret, der mit dem libanesischen Regieduo Joana Hadjithomas und Khalil Joreige auch den Film «Je veux voir» mit der französischen Diva auf Besuch im zerstörten Südlibanon zeigt, konnte gelassen entgegnen, dass er Nyon in erster Linie als Ort einer Art Résistance sieht, wo es Filme gibt, die sich einer fortschreitenden Industrialisierung der Bilder widersetzen.

Austreibungsphase in Echtzeit

Was er damit meinte, zeigten unter anderen zwei Filme von Schweizer Regisseuren, die trotz ihrer langen Filmgeschichte alles andere als Stars sind, und die bei aller Kontinuität immer wieder zu überraschen vermögen. Die Rede ist vom Innerschweizer Erich Langjahr und vom Ostschweizer Peter Liechti, die mit «Geburt» und «The Sound of Insects» zwei Filme präsentierten, die gegensätzlicher nicht sein könnten – ein klassischer Dokumentarfilm der eine, ein auf einem literarischen Text beruhender, radikaler Filmessay der andere. Und doch verbindet inhaltlich beide Filme, dass hier mit grosser Einfachheit vom Leben erzählt wird, von seinem Anfang und von seinem Ende.

Dabei ist «Geburt» nicht einfach ein weiterer Film aus der mittlerweile fast vierzigjährigen Filmografie von Erich Langjahr. Vielmehr zeigt er Silvia Haselbecks Handschrift, der Frau an Langjahrs Seite, die seit über zwanzig Jahren nicht nur Lebenspartnerin, sondern auch die Hälfte eines filmischen Tandems ist, bei dem sie als Ton- und Kamerafrau, Cutterin und Beraterin in allen filmischen Belangen fungiert, und die hier ihren ersten Film unter eigenem Namen präsentiert.

Man merkt «Geburt» an, dass Silvia Haselbeck ihre beruflichen Wurzeln im medizinischen Bereich hat. Die Sorgfalt, mit der sie am Anfang des Films, nach unaufdringlich metaphorischen Grotten- und Höhlenansichten zum Auftakt, auf Geburtsvorbereitungen mit eingehender Fussmassage und Atmungsübungen eingeht – sie mögen für den medizinischen Laien in etwas gar epischer Breite ausgefallen sein, doch sie stimmen ein auf einen Rhythmus, der trägt und durch exakte Bildgestaltung noch akzentuiert wird. Und die beiden Austreibungsphasen der Geburten werden dann in Echtzeit gezeigt, so kompromiss- und kommentarlos, dass die Irritationen über den begangenen Tabubruch sich zwar nicht auflösen, aber ganz selbstverständlich dazu gehören.

«Der Film heisst ,Geburt‘, also war klar, dass wir sie auch zeigen würden», erklärte Silvia Haselbeck an der Premiere die selbstverständliche Offenheit ihres Films, der «alles» zeigt und dabei in jedem Moment von Respekt und Empathie gekennzeichnet ist. So wird «Geburt» zu einer eigentlichen Hymne an das Leben und stellt damit auf den ersten Blick das genaue Gegenteil dar von Peter Liechtis «The Sound of Insects». Der Untertitel lautet «Record of a Mummy», denn es geht in dem Film um einen namenlosen Mann, der Suizid durch Verhungern beging, und der diese Erfahrung in einem Text festhielt, den man Monate nach seinem Tod in dem einsamen Waldstück fand, wo er sein schreckliches Vorhaben in die Tat umgesetzt hatte. Es sei das Leben, von hinten her aufgerollt, erklärte Peter Liechti seine Faszination am Premierentag.

Meisterlich umgesetzt

Mit einer so minimalistischen wie radikal entpersonalisierten Umsetzung des Textes – es gibt im Film nur die durchgehende Erzählstimme von Peter Mettler, die Ansichten auf ein Waldstück und auf eine verregnete Plastikhülle und dazu einen Assoziations- und Erinnerungsreichtum an Bildern und Tönen aus dem Leben, der schlicht genial ist. Eine Meisterschaft im Umgang mit einem Tabuthema wie man sie so noch nie bei einem einheimischen Regisseur gesehen hat.

Die Filme «Geburt» und «The Sound of Insects» laufen im kommenden Herbst in den Schweizer Kinos an.

Der Bund

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