Helvetia bekommt ein Bein gestellt

Man dürfe Menschen nicht so zeigen, hiess es nach der Filmpremiere von «Image Problem» in Locarno: Was Simon Baumann und Andreas Pfiffner dazu sagen. Und worauf ihre Schweiz-Satire eigentlich zielt.

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Regula Fuchs

Sogar ein tamilischer Fernsehsender wollte ein Interview. Was der Journalist über ihre Schweiz-Satire wissen wollte, daran erinnern sich Simon Baumann und Andreas Pfiffner nicht mehr so genau. Einen zweitägigen Interview-Marathon hätten sie in Locarno absolviert, sagt Baumann. Denn «Image Problem» feierte dort am vergangenen Filmfestival Premiere – und bekam viel Aufmerksamkeit. Und auch viel Schelte. Aber dazu später.

Dass «Image Problem», ihr erster Langfilm, überhaupt in Locarno lief, kam für die beiden Berner Filmemacher überraschend. Kurz vor dem Festival meldete sich Direktor Olivier Père und meinte, das sei der lustigste Schweizer Film gewesen, den er seit Jahren gesehen habe. «Image Problem» lief dann im internationalen Wettbewerb. Eine grosse Plattform für einen Berner Film mit vergleichsweise kleinem Budget.

Eine Bümplizerin sieht schwarz

Doch die Aufmerksamkeit kommt nicht von ungefähr. Denn Baumann und Pfiffner wählten ein Thema, das brennt – der labile Ruf der Schweiz –, und eine Herangehensweise, die so unerschrocken ist wie kaum im Schweizer Film. Denn Baumann und Pfiffner reisen in «Image Problem» mit Kamera und Mikrofon durch die Einfamilienhaus- und die Schreber-gartenschweiz, die Goldküsten- und die Vorstadtschweiz. Als übermotivierte Regisseure wollen sie dem ramponierten Ruf der Eidgenossenschaft als Steueroase und Herberge für ausbeuterische Grosskonzerne entgegenwirken. Und die Schweizer dem Ausland als weltoffen und freundlich präsentieren.

Natürlich schiessen Baumann und Pfiffner über dieses Ziel hinaus. Und zeigen in ihrem Werbefilm für das Land ironischerweise gerade eine Schweiz, die sich halsstarrig an ihre Behaglichkeit klammert und kaum bemüht ist, ihre Fremdenfeindlichkeit zu verbergen. Dabei geben sich die beiden Filmemacher, deren Off-Kommentare man im Film mithört, als treuherzige Einfaltspinsel – und bringen gerade mit ihren naiven Fragen einen im gar nicht so Verborgenen schlummernden Rassismus ans Licht: Sie sehe nur noch schwarz, wenn sie aus dem Fenster schaue, sagt eine ältere Frau in Bümpliz.

Natürlich erinnert dieses Vorgehen an die Filme des Extrem-Komikers Sacha Baron Cohen – kaum ein Locarno-Berichterstatter, der nicht «Borat» erwähnte. Der Vergleich ehre sie fast, sagt Andreas Pfiffner. Doch die Absicht sei es nie gewesen, dessen Stil zu kopieren. Das Berner Duo tritt im Film denn auch viel dezenter in Erscheinung als der schrille Provokateur: Die beiden spielen die netten Ahnungslosen, die mit heiligem Eifer die Schweiz retten wollen. Was ihnen bei ihren Protagonisten gewisse Türen öffnete: «Die hatten manchmal richtig Mitleid mit uns, wie wir mit unseren Schweiz-Käppis dastanden», erzählt Baumann.

Die Richtlinien strapazieren

Mitleid, das wecken aber nun eher jene Menschen, die auf Geheiss der Filmemacher mit Schweizer Fähnchen in die Kamera winken und einen vorformulierten Entschuldigungstext vorlesen sollen, in dem sich die Schweiz beim Ausland für ihre Gemeinheiten entschuldigt. Gerade für solche Szenen wurden Baumann und Pfiffner heftig kritisiert. «Bei der Fragerunde in Locarno lasen uns manche regelrecht die Leviten. Man könne die Menschen nicht so vorführen», erinnert sich Baumann. «Dabei sieht man im Fernsehen solche Formen der Darstellung täglich. Was wir machen, ist da gerade harmlos. Durch unseren Film nimmt niemand Schaden.»

Beim Schneiden habe man darauf geachtet, dass die Leute am Ende nicht vollkommen unsympathisch wirkten, ergänzt Pfiffner. «Aber», so Baumann, «wir haben die ethischen Richtlinien des Dokumentarfilms durchaus etwas strapazieren wollen. Auch um zu zeigen, was eigentlich die generelle Haltung vieler Schweizer gegenüber Ausländern ist.»

Und dann kommt die Polizei

Baumann und Pfiffner zeigen in «Image Problem» allerdings nicht nur die bieder-engstirnige Mittelstandsschweiz, sondern filmten auch an der Goldküste, wo Villenbesitzer den Entschuldigungstext in die Kamera lesen sollten. Da wollte aber niemand etwas von einem schlechten Image der Schweiz wissen. Im Gegenteil, die Polizei kreuzte auf. Resultat: Baumann und Pfiffner durften fortan nicht mehr im Kanton Zürich für «Image Problem» drehen.

«Wir waren erstaunt über die arrogante und besserwisserische Art der Leute an der Goldküste», so Baumann. Und was den Polizeieinsatz angeht: «An sich würden in Bümpliz dieselben Regeln gelten, was das Filmen betrifft. Aber dort werden sie einfach nicht durchgesetzt. An der Goldküste jedoch schon, denn da wohnen Menschen mit Geld und Einfluss.» Dort taucht auch das Antlitz jener anderen Schweiz auf, die Baumann und Pfiffner in «Image Problem» ebenfalls vorführen wollen: die Schweiz der Finanzriesen und Rohstoffgiganten mit ihren umstrittenen Geschäftspraktiken. Das ist für Baumann der eigentliche Skandal – und er bedauert, dass im Moment mehr über die Form von «Image Problem» geredet werde als über solche Inhalte. Doch: Auf dem Terrain von UBS und Glencore scheint die Satire nicht so recht zu greifen, und das kritische Anliegen versandet, weil die Filmemacher gar nicht bis zu den Verantwortlichen vordringen.

Mausmatten mit Matterhorn

Ob eine Satire denn der rechte Ort ist für eine differenzierte Kritik? «Nein, und Film ist wohl auch nicht das richtige Medium», gibt Baumann zu. Doch mittels der Provokation und der Unterhaltung ein Publikum für diese Anliegen sensibilisieren, das wollen Baumann und Pfiffner schon. So viel Marketing haben sie verstanden, kein Wunder, denn in «Image Problem» suchen sie auch jene heim, die berufsmässig Sympathien für die Schweiz sammeln. Und hier findet sich massig Stoff für Satire. Johannes Matyassy, der ehemalige oberste Imagepfleger der Schweiz, schwärmt im Film von einer Geschenktüte mit Schweizer Artikeln, mit der man im Ausland sehr gute Erfahrungen mache. «Präsenz Schweiz hat ernsthaft das Gefühl, dass man mit Mousepads mit dem Matterhorn drauf kaschieren kann, dass der Schweizer Finanzplatz Milliarden vor dem Fiskus versteckt», sagt Baumann.

Eine Frage müssen sich die beiden Filmemacher aber noch gefallen lassen: Warum lassen sie die urbane, junge Schweiz aussen vor? Das habe einerseits praktische Gründe, sagt Baumann: «Man kann die Leute im Quartier oder auf dem Land besser einzeln ansprechen, sie haben eher Zeit, und es gibt weniger Verkehrslärm.» Interessanter ist aber der zweite Grund: «Im städtischen Raum gibt es weniger satirisches Potenzial», so Pfiffner. Und wenn es im Nachhinein etwas zu verbessern gäbe, dann sicher das: «Wir müssten eine Form suchen, wie wir auf Leute in der Stadt zugehen können, sodass es lustig ist.» Man darf also gewarnt sein.

Der Bund

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