«‹Harry Potter› verzehrt alles»

Am Schluss kam die Magie: Daniel Radcliffe, der 27-jährige Brite, besuchte das Zurich Film Festival. Und stand einem Meer aus Fans und Handys gegenüber.

Daniel Radcliffe im Interview. Video: Sabina Bobst

Als Sie am Bellevue auftauchten, gab es einen Menschenauflauf. Ist das keine Überforderung?
Überhaupt nicht. Ich sorge mich eher, dass ich nicht alle berücksichtigen kann, die Autogramme wollen. In Zürich waren es sehr viele, und ich habe einige geschafft, aber eben nicht alle. Das stresst mich! Vielleicht hat es damit zu tun, dass ich als Kind schon Autogramme geben musste und manchmal ausgebuht wurde von jenen, die ich überging. Als Kind hat mich das irre gemacht. Man will ja niemanden enttäuschen.

Sie wirken sehr grosszügig. Haben Sie Ihre Eltern so gut erzogen?
Klar, mir wurde gesagt, ich solle höflich sein, zur Begrüssung die Hand zuerst ausstrecken, solche Dinge. Mein Vater stammt aus Nordirland, meine Mutter aus Essex, sie haben sich hochgearbeitet, und ich bin in London in einer Mittelklassefamilie aufgewachsen.

Und heute wollen alle Selfies mit Ihnen. Ist das nicht sehr seltsam?
Seltsam nicht, es ist der schnellste Weg, das Ganze zu erledigen. Aber ich habe in meiner Karriere tatsächlich den Niedergang des Autogramms beobachten können. Früher wollten das alle, heute bedeutet es keinem mehr etwas. Das Dokumentieren einer Erfahrung ist wichtiger geworden als die Erfahrung selbst. Alles, was ich von der Bühne im Kino Corso gesehen habe, waren Handys.

Und trotzdem: Haben es Kinderstars heute nicht einfacher?
Ich denke schon. Wir haben einige Kinderstars aufwachsen sehen, die später gute Rollen gekriegt haben. Und es gibt heute sehr viel mehr Möglichkeiten, den Schauspieler kennen zu lernen statt die Figur. In Talkshows kriegen die Leute mich selbst zu sehen, nicht Harry Potter. Ich habe vermutlich gleich viele Jobs erhalten dank Interviews wie dank Rollen.

«Man will ja niemanden enttäuschen»: Daniel Radcliffe ist grosszügig mit Autogrammen und Selfies. Foto: Sabina Bobst

Sie waren elf Jahre alt, als Sie im ersten «Harry Potter»-Film spielten. War auch das keine Überforderung?
Gar nicht. Es war sogar hilfreich. Man macht als Teenager gewisse Erfahrungen und hat mit der Rolle gar ein Ventil, es auszudrücken. Das ist ja das Schöne am Schauspiel: Man hat einen Ort, um all den Müll abzuladen, den man im Kopf hat. Damit Nützliches entsteht.

Hatten Sie denn viel Zeit, Teenagererfahrungen zu machen?
Als ich 13 Jahre alt war, hatte ich immerhin 13 Jahre Erfahrung. Aber klar, ich verfügte über nichts, was auch nur im Entferntesten mit Schauspieltechnik zu tun hatte. Ich habe einfach Zeilen auswendig gelernt. Aber so ab 14 dachte ich: Die Dinge, die in meinem Leben passieren, kann ich für die Filme brauchen. Nur weil ich so jung auf einem Set stand, habe ich ja nicht sämtliche anderen ­Aspekte des Teenagerlebens verpasst.

Sie steckten aber schon in einer Riesenkinomaschine, nicht?
Ich weiss noch, wie Chris Columbus, Regisseur der ersten zwei «Potter»-Filme, einmal in meinen Wohnwagen kam. Ich hatte angenommen, er drehe nun zehn Jahre lang alle Filme. Aber er erklärte mir, er werde nicht zurückkommen, er habe auch eine Familie, die er sehen wolle. So einen «Harry Potter»-Film zu drehen, ist ein Unternehmen, das alles verzehrt. Schauen Sie sich Alfonso Cuarón an, den Regisseur des dritten Films. Er kam als junger, gut aussehender ­Mexikaner. Als er ging, war er grau.

Für viele war «Harry Potter» in erster Linie eine intensive Leseerfahrung. Geschieht Ihnen das noch, dass Sie nicht aufhören können, ein Buch zu lesen?
Es passiert nicht jedes Mal, aber wenn es passiert, ist es das Grösste. Das letzte Mal habe ich es bei «Mister Aufzieh­vogel» von Haruki Murakami erlebt. Ich war besessen davon.

Kommen Sie denn noch dazu, neben Drehbüchern Romane zu lesen?
Sicher. Ich war auch eines dieser Kinder, die dank «Harry Potter» Freude am Lesen bekamen. Derzeit lese ich sehr, sehr langsam «100 Jahre Einsamkeit» von Gabriel García Márquez. So fantastisch der Roman ist, so oft werde ich unterbrochen wegen einer Pressetournee. Ansonsten viel Kurt Vonnegut, die Storys und «Cat’s Cradle». «Der Meister und Margarita» von Michail Bulgakow ist mein Lieblingsbuch. Nicht viele kennen es, aber es verändert das Leben.

Können Sie sich die Empörung über die schwarze Hermione im neuen «Harry Potter»-Theaterstück erklären?
Es ist lächerlich. Wie bei «Ghostbusters», immer sind Leute in Aufruhr. Und immer fragt man sich: Was hat eine schwarze Hermione mit deinem Leben zu tun? Als J. K. Rowling ankündigte, dass Dumbledore schwul sei, wurden die Leute auch so wütend. Ich denke, die Leute sollen sich mal entspannen.

Sie haben auf der Bühne den jungen Fanatiker im Stück «Equus» gespielt. Was wird dereinst wichtiger sein für Sie, «Harry Potter» oder «Equus»?
Die automatische Antwort wäre: Dank «Harry Potter» wurde ich zum Star, und deshalb konnte ich auch «Equus» machen. Aber viele Regisseure haben nach «Equus» gesagt: «Vielleicht hat er wirklich das Talent für andere Dinge.» Also: «Harry Potter» habe ich die Karriere zu verdanken, die ich habe. Und «Equus» die Karriere, die ich haben möchte.

Ab 27. 10. ist Daniel Radcliffe in der Groteske «Swiss Army Man» zu sehen.

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