Grenzüberschreitende Welterkundung

Schockieren, unterhalten und experimentieren: Die 14. Ausgabe des Kurzfilmfestivals Shnit lädt dazu ein, geografische, gesellschaftliche und ästhetische Grenzen zu übertreten.

Leïla und Chaïma beim Münzwurf, Kopf muss Schnaps kaufen gehen. Szene aus dem Film «Courber l’échine».

Leïla und Chaïma beim Münzwurf, Kopf muss Schnaps kaufen gehen. Szene aus dem Film «Courber l’échine». Bild: ZVG

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Wenn Sie Ihre Mutter fragen würden, ob sie in ihrem Leben je einen Orgasmus gehabt habe, würde sie zusammenzucken? Die Frage als impertinent empfinden und rot werden? Sie anschnauzen? Cool bleiben und die Frage sachlich beantworten? Lachen? Hätten Sie mit dieser Frage eine Grenze überschritten? Wann müssen Grenzen grundsätzlich eingehalten und wann sollen sie ausgelotet oder übertreten werden?

Zu Letzterem lädt die diesjährige Ausgabe des Kurzfilmfestivals Shnit ein, welches unter dem Motto «Crossing Borders» steht. Das Thema ist aktueller denn je, und zwar nicht nur wegen der vielen Flüchtlinge, die derzeit versuchen, Landesgrenzen zu überwinden. Beim Zusammenleben verschiedener Kulturen mit unterschiedlichen Überzeugungen werden immer auch gesellschaftliche Grenzen offenbar. Zudem lotet die Unterhaltungsindustrie zunehmend die Grenze des guten Geschmacks aus, wobei dieser auf persönlichen Präferenzen basiert, wodurch sich auch die Frage nach den eigenen Demarkationslinien stellt.

Unser Alltag ist geprägt von Grenzen, basiert doch jede menschliche Interaktion auf dem Wahrnehmen und Respektieren des Gegenübers. Fortschritt und Entwicklung wiederum sind angewiesen auf Grenzüberschreitungen, die Komik bedient sich ihrer als Element der Unterhaltung, und wer radikal aufrütteln oder schockieren will, der wird Grenzen sehr bewusst übertreten.

Kunst oder Schund?

Sie seien selber bei der Auswahl der Filme für die diesjährige Shnit-Ausgabe an diverse Grenzen gestossen, sagt Festival-Leiter Olivier van der Hoeven. Da sei zum einen die Menge der zu visionierenden Filme, mehrere Tausend seien dieses Jahr eingereicht worden. Dann stelle sich die Frage, was einem Publikum zugetraut werden könne. Soll ein Dokumentarfilm gezeigt werden, in welchem Kinder bei lebendigem Leibe verbrannt werden?

Des Weiteren müssten auch politische Konsequenzen bedacht werden, erklärt van der Hoeven, denn für die beiden Austragungsorte Moskau und Kairo müssten die Filme zuerst einer strengen Zensurbehörde vorgelegt werden. Und nicht zuletzt sei auch die Frage nach dem guten Geschmack stets ein Punkt, der in der Programmkommission für Diskussionen sorge. Wann ist ein Trash-Film einfach nur schlecht? Und wann ist er so schlecht, dass er schon wieder gut ist? Wann ist etwas künstlerisch wertvoll und wann ist es Schund?

Die Inhalte filmischen Schaffens sind oft Abbild von aktuellen gesellschaftspolitischen Themen. So erstaunt es nicht, dass viele der bei Shnit gezeigten Kurzfilme die geografischen Grenzüberschreitung thematisieren. Daneben gibt es aber auch eine Vielzahl von Filmen zu sehen, welche gesellschaftliche Grenzen aufs Tapet bringen. Dazu gehört auch der 15-minütige Beitrag «Courber l’échine» der in Genf beheimateten Französin Khadija Ben Fradj (Do, 6. 10., Theater am Käfigturm, Fr, 7. 10., Heiliggeistkirche & So, 9. 10., Progr). Die 30-jährige Filmemacherin zeigt in ihrem ersten Kurzfilm das Dilemma einer jungen Frau namens Chaïma, welche hin- und hergerissen ist zwischen der Liebe zur ihrer traditionell muslimischen Familie und der modernen Lebensweise der westlichen Welt.

Wofür sie denn Fotografie studieren wolle? Fotos von ihrem zukünftigen Mann und der Küche werde sie ja wohl noch mit dem iPhone machen können. Auch wenn dieser Satz am Frühstückstisch in einem spielerischen Geschwister-Gezänke fällt, so ist es dem jüngeren Bruder doch eigentlich todernst mit seiner Aussage. Chaïma steht mit einem Bein in der Tradition ihrer Familie, so geht sie freitags immer mit der Mama und züchtigem Schleier zum Gebet und wünscht sich einen Muslim als Mann, mit dem sie dereinst in einem arabischen Land wird leben können.

Chaïma ist aber gleichzeitig auch eine junge Frau, welche in einem Vorort von Genf aufwächst und einen unstillbaren Drang nach Freiheit, Exzess, Alkohol und Sex hat. So gibt sie zu Hause vor, zur Arbeit zu fahren, um aus einem Versteck im Keller einen Sack mit Partykleidern zu holen und mit Freundin Leïla um die Häuser zu ziehen. Wer den Schnaps kaufen gehen muss, wird durch Münzwurf bestimmt, weil wer von Verwandten oder Bekannten beim Erwerb von Alkoholika beobachtet wird, dem droht Schmach, Schande oder gar Bestrafung.

Zwei Welten unter einem Hut

Khadija Ben Fradj zeigt in «Courber l’échine» anschaulich, welche Anstrengung Grenzüberschreitungen mit sich bringen. So müssen Chaïma und Leïla zwei komplett unterschiedliche Lebenswelten unter einen Hut bringen, was viel Organisation und Stress bedeutet. Die ständigen Grenzübertritte, mögen sie noch so klein erscheinen, sind von schlechtem Gewissen geprägt. Dass sie zwei Facebook-Accounts habe, einen muslimischen und einen «normalen», dafür werde sie Allah dereinst um Vergebung bitten müssen, wenn sie es denn überhaupt ins Paradies schaffe, sagt Chaïma trocken, wobei unter dem ganzen Galgenhumor auch ein Quäntchen Unsicherheit durchschimmert.

Ist es richtig, seinen Empfindungen zu folgen? Oder würde man es doch besser wie die Mutter machen und ohne zu murren jemanden heiraten, den man vorher noch nie gesehen hat? Ob die Mutter wohl je einen Orgasmus gehabt habe, fragt Chaïma ihre Freundin Leïla. Wenn nicht, könne sie sich glücklich schätzen, denn was man nicht kenne, vermisse man ja auch nicht, erwidert diese.

Grenzen auszuloten, ist wichtig, weil es der Identitätsfindung dient. Grenzen zu überschreiten, ist manchmal überlebenswichtig, manchmal reizvoll, manchmal bereichernd und manchmal gefährlich, speziell dann, wenn gestrenge Grenzwächter zugegen sind. Die eigenen Grenzen immer wieder auf ihre Bewandtnis zu testen, ist unabdingbar, will ein persönliches Wachstum angestrebt werden. «Jeder sieht die Grenzen seines Gesichtsfeldes als die Grenze der Welt an», hielt einst der deutsche Philosoph Arthur Schopenhauer fest. In diesem Sinne bietet Shnit beste Gelegenheit zur grenzüberschreitenden Welterkundung.

Diverse Orte Bern Mi, 5., bis So, 9. Oktober. (Der Bund)

Erstellt: 21.09.2016, 18:15 Uhr

Das Programm

Was vor 14 Jahren im Kino Reitschule begann, wird heuer in Bangkok, Bern, Buenos Aires, Kairo, Kapstadt, Hongkong, Moskau und San José ausgetragen. Vom 5. bis 9. Oktober werden beim Kurzfilmfestival Shnit 180 Filme aus 29 Ländern gezeigt; Berner Austragungsorte sind der Progr, die Heiliggeistkirche, das Kornhausforum, die Französische Kirche, das Theater am Käfigturm, das Generationenhaus, das Kino Rex Bern und der Schweizerhof.

In den 90-minütigen Blöcken werden im Schnitt 6 Filme gezeigt, wobei Dokumentarisches, Experimentelles, Animiertes, Lüsternes und Aufwühlendes zum Zuge kommt. Erzeugnisse von Berner Filmemachenden sind am Fr, 7.?Oktober, im Block «Burn Baby Burn» zu sehen (18–20 Uhr, Kornhausforum). (gif)

Programm: www.shnit.org

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