Goldener Bär für Sex-Therapiefilm

«Touch Me Not» der rumänischen Regisseurin Adina Pintilie gewinnt die Berlinale – der Film löste vor allem Fluchtbewegungen im Publikum aus.

Sex mit einem Schwerstbehinderten und harte Fesselspiele im Club: Adina Pintilie (Mitte) gewinnt mit «Touch Me Not» die Berlinale.

Sex mit einem Schwerstbehinderten und harte Fesselspiele im Club: Adina Pintilie (Mitte) gewinnt mit «Touch Me Not» die Berlinale. Bild: Axel Schmidt/Reuters

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So wenig Menschen haben wohl noch nie den Siegerfilm der Berlinale ganz gesehen: In allen Vorführungen verliessen Zuschauerinnen und Zuschauer fluchtartig den Saal, denn in «Touch Me Not» gibt es zahlreiche freizügige Szenen, zum Beispiel Sex mit einem Schwerstbehinderten und harte Fesselspiele im Club. Aber Voyeurismus kann man der rumänischen Regisseurin Adina Pintilie mit diesen eher klinischen als pornografischen Szenen nicht vorwerfen. Es geht vielmehr um Therapie.

Im Zentrum steht eine Schauspielerin um die 50, die sich nicht berühren lassen kann, bei jedem Anfassen zusammenzuckt. Pintilie konfrontiert sie mit verschiedenen Personen, die ihr zu helfen versuchen, die Grenzen zwischen Spiel- und Dokumentarfilm verwischen und das Filmen selber wird ebenfalls reflektiert. Es ist ein Laborversuch in Sachen Intimität, dem man da beiwohnt, völlig distanzlos, aber auch ziemlich kopflastig. Und so viel kann man jetzt schon sagen: Kinokarriere wird dieser Film nicht machen.

Die internationale Jury wollte mit der radikalen Wahl wohl den Vorwurf kontern, die Berlinale präsentiere in ihrem Wettbewerb nur gefällige, durchschnittliche Filme. Überhaupt machte es sich das Gremium um den deutschen «Lola rennt»-Regisseur Tom Tykwer nicht einfach bei der Siegerehrung: Von den vier einheimischen Wettbewerbsbeiträgen – es waren nicht die schlechtesten – bekam kein einziger einen Preis. Die zweitwichtigste Auszeichnung des Festivals, der Grosse Preis der Jury, ging ebenfalls nach Osteuropa: Die mit Filmen wie «Body» und «Elles» auch in der Schweiz bekannte polnischen Regisseurin Malgorzata Szumowska gewann ihn für «Twarz», eine böse Satire über die Stellung der katholischen Kirche in den ländlichen Regionen des Landes – auch die grösste Jesus-Statue der Welt («grösser als diejenige von Rio») spielt darin eine Rolle.

Heimlicher Sieger der Berlinale ist aber der erste Film aus Paraguay, der es überhaupt an eines der grossen Festivals schaffte: «Las herederas» gewann sowohl den Preis für die Hauptdarstellerin Ana Brun als auch den Silbernen Bären für einen Spielfilm, der neue Perspektiven eröffnet. Inszeniert hat die stille Geschichte eines älteren, lesbischen Paares, in der kaum Männer vorkommen, mit Marcelo Martinessi ein Regisseur. Auch der Darstellerpreis ging an einen bis jetzt unbekannten Schauspieler: Anthony Bajon bekam ihn für seine Rolle als Drogenkonsument, der in «La Prière» von Cédric Kahn in einer religiösen Gemeinschaft von seiner Sucht befreit wird.

Schweizer Produktionen gehen nicht ganz leer aus

Der bekannteste Gewinner ist sicher Wes Anderson, der für «Isle of Dogs» den Regie-Bären gewann. Den Preis für das beste Drehbuch erhielt die Räuberfarce «Museo» aus Mexiko. Und der schwerblütige «Dovlatov» aus Russland, von vielen als Favorit gehandelt, erhielt eine Auszeichnung für die besten Kostüme. Gar keinen Preis gab es für die Star-beladenen Filme «Don’t Worry, He Won’t Get Far on Foot» mit Joaquin Phoenix und «Damsel» mit Robert Pattinson und Mia Wasikowska. Und auch der philippinische Regisseur Lav Diaz, der mit seinen mehrstündigen Werken bereits Locarno und Venedig gewonnen hatte, ging in Berlin leer aus.

Der Schweizer Markus Imhoof hatte mit seinem Flüchtlingsfilm «Eldorado» von Anfang an keine Chance auf einen Bären, weil er im Wettbewerb ausser Konkurrenz lief. Er erhielt aber eine lobende Erwähnung der Amnesty International Jury. Und ganz ohne das Wahrzeichen der Berlinale müssen die Schweizer Produktionen nicht heimkehren: der Lausanner Regisseur Germinal Roaux bekam für seinem Spielfilm «Fortuna» im Generation-Programm den Bären von der Jugendjury – er ist gläsern. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.02.2018, 20:05 Uhr

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