Interview

«Glücklich sein ist auch nicht immer das Ziel»

Die Französin Isabelle Huppert ist am Filmfestival Locarno mit dem «Excellence Award Moët & Chandon» ausgezeichnet worden für ihre brillante Karriere, die mit einem Schweizer Regisseur den Anfang nahm.

«Meine Stärke ist meine Begeisterungsfähigkeit aus Liebe zum Kino»: Die französische Schauspielerin Isabelle Huppert am Filmfestival in Locarno.

«Meine Stärke ist meine Begeisterungsfähigkeit aus Liebe zum Kino»: Die französische Schauspielerin Isabelle Huppert am Filmfestival in Locarno. Bild: Keystone

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Was bedeutet Ihnen ein Excellence Award des Filmfestivals Locarno? Einfach noch ein Preis mehr in der grossen Sammlung?
Ja, die Kollektion ist wirklich nicht klein, aber jeder Preis hat dort seinen Platz. Und Locarno mag ich, seit ich hier 1993 einen Film präsentieren durfte. Es ist ein Festival der Cinephilie; man liebt das Kino hier. Und man liebt die Entdeckung, das beweisen die Regisseure, die dank Locarno berühmt wurden. Ich möchte sagen, hier wird die Idee des Kinos gefeiert. Deshalb berührt mich die Ehre, die man mir antut.

Es ist ein schöner Zufall, dass dieses Jahr auch Claude Goretta geehrt wird, der Regisseur von «La dentellière», der mitgeholfen hat, Sie auf Ihren Weg zu bringen.
Natürlich, und wissen Sie was: Erst kürzlich haben wir uns in Genf getroffen, als ich dort Theater gespielt habe. Und es hat uns beiden gut getan, uns zu sehen.

Für uns ist Goretta ein Repräsentant des sogenannten Schweizer Filmwunders in den Siebzigerjahren, und Sie sind ein Teil dieses Wunders. Welche Erinnerung haben Sie an die Arbeit mit ihm?
Wie soll ich es ausdrücken? Ich erinnere mich an die Selbstverständlichkeit meiner Begegnung mit einer Rolle, dieser unglücklichen Pomme. Es war, als ob es einfach hätte passieren müssen. Ich stricke ja immer in diesem Film, einen ellenlangen Schal, und damit würde ich diese Dreharbeiten vergleichen. Wie wenn Fäden sich entrollten und ineinanderfügten. Und obwohl es eine harte, schwere und traurige Rolle war, war es ein ausserordentliches Vergnügen, sie zu spielen, in all den zarten Nuancen und hingetupften Eigenheiten. Gorettas Kamera war sehr aufmerksam. Ich hatte ein Gefühl unglaublicher Leichtigkeit. Damals habe ich, denke ich, auch etwas vom Wunder des Kinos begriffen, dass aus Winzigkeiten unerhört grosse Dinge macht. Das bleibt mir von Goretta, und das Wunder berührt mich bei jedem Film.

Nach «La dentellière» machten Sie sehr schnell Karriere – in Frankreich, in Europa, in der Welt. Man könnte sagen, Sie seien ein Gesicht Frankreichs geworden, quasi eine Identifikationsfigur und Ikone. Spüren Sie deshalb ein Gewicht auf Ihren Schultern?
«Gesicht Frankreichs»? Na ja. Ich habe nie recht darüber nachgedacht. Und wenn es denn wahr ist, trage ich leicht daran und empfinde es nicht als Gewicht, glücklicherweise. Das Gefühl wäre mir wirklich unangenehm. Andererseits – vielleicht wäre es da, wenn ich es mir bewusst machte. Manche tun es und spüren einen Pomp der Berühmtheit und der Wichtigkeit. Mir fällt das schwer, ich überlege es mir nicht, und da habe ich gewiss unrecht. Womöglich sollte man vor sich Rechenschaft ablegen, ob es wahr ist, wie es passiert ist, und was es mit einem anrichtet. Vorläufig denke ich bei Ihrer Frage allerdings noch: Der redet von einer anderen Person.

Macht dieses Renommee, eine der bedeutendsten Schauspielerinnen Euopas zu sein, Ihnen denn gar keine Angst?
Das würde es nur tun, wenn ich den Gedanken zuliesse. Mir nützt es, es nicht zu tun. Es erhält mir die Neugier und die Frische. Ich will immer eher wissen, was ich noch nicht habe, als was ich schon habe. Das ist auch eine positive Kraft. Stellen Sie sich vor, jemand lebte immer mit der Idee davon, was er war, was er ist und was er bedeutet. Da lügt man sich doch gern eine Vergangenheit herbei, die nichts zu tun hat mit den Möglichkeiten der Zukunft. Man verliert womöglich den Hunger.

Was schätzen Sie an sich selbst am meisten – als Ihre schauspielerische Lieblingsqualität sozusagen?
Das ist gar nicht so einfach. Weil diese Qualität nicht nur bei mir, sondern auch bei anderen Schauspielerinnen auch mit Mängeln zu tun hat. Wie gesagt, meine Stärke ist meine Neugier, und meine Begeisterungsfähigkeit aus Liebe zum Kino, das Fehlerhafte daran meine Abhängigkeit vom Kino. Etwas in mir ist nie befriedigt und nie gesättigt. Die Neugier hat da ihre düstere Seite.

Was verlangen Sie denn von sich selbst als Künstlerin auf der Suche nach Befriedigung?
Viel. Aber ich bin nicht jemand, der sich nachträglich stets mit Selbstkritik foltert. Aber man tut, was man tut, zwar aus Lust, aber auch aus einem Durst heraus, aus innerer Notwendigkeit. Das ist nicht unbedingt entspannend, man belastet sich mit Ansprüchen, die ganze Zeit.

Und findet seinen Genuss darin?
Den findet man, aber nicht immer, und glücklich sein ist auch nicht immer das Ziel. Ein wahrer Genuss bei der Arbeit fürs Kino oder fürs Theater liegt für mich in der Beziehung zu anderen, nicht auf eine übertriebene Art, einfach als Verbindung für ein gemeinsames Projekt. Kino und Theater provozieren da eine spezielle Energie, sie erlauben einem, gleichzeitig ganz im Kollektiv zu sein und doch sehr einsam. Ich finde das angenehm. Das Gegenteil eines gewöhnlichen, flüchtigen Soziallebens.

Als ich nach Ihrer Lieblingsqualität und Ihren Ansprüchen fragte, erwartete ich eigentlich Begriffe wie «Genauigkeit» und «Komplexität». Sie haben ja nie eine «einfache» Figur gespielt.
Nein, nie. Manchmal würde ich gern, es könnte interessant sein. Ich meine nicht einen blassen Charakter, sondern eine höhere Einfachheit gewissermassen. Eine Figur, die einmal nicht mit Kompliziertheit und Zweideutigkeit geschlagen ist. Aber man findet solche Rollen so schwer – eine reine Liebende zum Beispiel, die nichts Berechnendes hat . . . . . . während Ihre Figuren immer einen Rest Unerklärtes behalten, ein verborgenes Geheimnis vielleicht. Sie erklären uns auch nicht alles durch Ihre Mimik. Ist das Ihr Ziel: dass man arbeiten muss, wenn man Ihnen zuschaut?
Es stimmt schon, da bleibt oft eine Art Obskurität, aber nicht wegen der Interpretationsarbeit, die ich Ihnen überlassen will. So stelle ich mir die Frage nicht. Mein Spiel ist nicht deshalb «minimalistisch», wie ich oft lese. Es ist eigentlich überhaupt nicht minimalistisch, ich spiele häufig doch sehr beweglich und expressiv. Vor der Kamera, die einem so nah kommt, sind aber Zurückhaltung und feine Andeutungen möglich. Ich versuche einfach, der Wahrheit einer Situation möglichst nahe zu kommen. Und in der Wirklichkeit liest man auch nicht jedem Menschen jeden Gedanken am Gesicht ab. Ich glaube aber, dass es nicht so schwer zu erkennen ist, wie ich etwas meine. Nur erkennt man es nicht immer an der Mimik, die man erwartet. Viele Leute wollen eine lautere Schauspielerei. Vielleicht hat es mit der Angst zu tun, dass ihnen etwas zu nahe kommt.

Claude Chabrol, einer Ihrer wichtigsten Regisseure und Freunde, soll sich manchmal über Sie lustig gemacht haben: Sie seien ernster, als Sie müssten, und so analytisch.
Das ist eine Erfindung! Er spottete eher über meinen Narzissmus, sagen wir es einmal so. Analytisch hat er mir gar nicht so viel zugetraut.

Traurig, dass er nicht mehr da ist.
Sehr traurig. Nun kommt es nicht mehr zu unserem achten gemeinsamen Film. Es wäre eine Simenon-Verfilmung gewesen, ein sehr schönes Projekt.

Ein anderer Lieblingsregisseur seit Jahren, Michael Haneke, hat Sie in Extreme hineingetrieben, ins Weltuntergangsszenario von «Le temps du loup», in die Selbstquälerei in «La pianiste». Was fasziniert Sie an der Zusammenarbeit mit einem so Radikalen?
Dass er mich eben in Extreme treibt. Darunter leiden Schauspieler nicht, da zeigt sich ihre Kraft. Michael ist ein Besessener, der nach der richtigen Note sucht und verzweifelt, wenn er sie nicht findet. Und was ich liebe, ist sein Humor. Er hat viel davon, ob Sies glauben oder nicht. Ich habe kürzlich mit ihm gedreht, der Film wird «Amour» heissen: Immer, wenn man denkt, dramatischer und dunkler kanns nicht mehr werden, entdeckt er eine noch kuriosere Seite der Tragik. Ich glaube, das ist sehr österreichisch oder wienerisch, literarischer Sarkasmus aus alter Tradition. Ich bewundere Haneke, man trifft selten jemanden, der so herausfordernd ist – und sich des Sinns seiner Arbeit so sicher.

Er verweigert in seinen Filmen psychologische Erklärungen und sentimentale Lösungen. Erklärt er Ihnen als Schauspielerin mehr als später uns Zuschauern?
Ich würde es so sagen: Er erklärt nichts in seinen Filmen, und doch versteht man alles. Als Schauspielerin hat man es mit ihm wunderbar leicht, als Regisseur ist er zugänglich und sehr warmherzig.

Sie müssen längst nicht mehr alles machen. Was sind Ihre Kriterien, um Ja zu einer Rolle oder einem Regisseur zu sagen?
Schwer zu erklären. Eigentlich gar nicht, weil die Kriterien nicht fix und präzis sind. Manchmal ist es die unmittelbare Freude an der Vorstellung einer Figur. Manchmal ist es ein Stücklein Dialog, von dem ich denke, das muss ich einfach sprechen. Und wenn es zu den Regisseuren kommt, Mann oder Frau, dann hängt viel vom etwas mysteriösen Gefühl ab, es könne etwas werden zwischen uns beiden. Sie sehen: Ich weiss es nicht recht. Konkret könnte ich sagen, dass ich mich in den letzten Jahren zum Beispiel für das Sujet der bedrohten oder bedrohlichen oder brüchigen Familienzelle interessiert habe, schon in «Le temps du loup», natürlich in «Home» von Ursula Meier – und eher komödiantisch sogar in «Copacabana» im letzten Jahr. Und ich spiele jetzt oft Mütter.

Apropos «Copacabana»: Man vergisst oft, dass Sie auch Komödiantin sind.
Ich vergesse es bestimmt nicht. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.08.2011, 08:31 Uhr

Isabelle Huppert

Die Preise der französischen Schauspielerin Isabelle Huppert sind kaum noch zu zählen, am Filmfestival Locarno kam jetzt der «Excellence Award Moët & Chandon» dazu. Aber das hat schon auch seinen tieferen Sinn. Denn dass Isabelle Huppert, geboren 1953 in Paris, zum Star wurde, verdankt sie einem Schweizer: Der Genfer Regisseur Claude Goretta gab ihr mit 24 Jahren in «La dentellière» (1977) die Hauptrolle, die sie international berühmt machte. Vielleicht mit ein Grund, weshalb sie 2008 in «Home» der Genfer Regisseurin Ursula Meier spielte.

Alle ahnten nach «La dentellière», dass sie alles sein konnte: schön und hässlich, stark und zerbrechlich, verrückt und normal, Nonne und Hure und, vor allem, alles dazwischen. Vielleicht ist nicht jeder ihrer Filme ein Meisterwerk, aber etwas war sie als Schauspielerin gewiss nie: eindeutig und banal. Wahrscheinlich war deshalb der im letzten September verstorbene Claude Chabrol («Une affaire de femme», «Madame Bovary», «Merci pour le chocolat»), dieser lustvolle Spötter über bourgeoise Widersprüche, einer ihrer Lieblingsregisseure. Und womöglich wurde es darum auch der in Frankreich fast schon beheimatete Österreicher Michael Haneke («La pianiste», «Le temps du loup»), dieser Antipsychologe, der die grosse Actrice in psychologische Abgründe trieb. Die amerikanische Kollegin Shirley McLaine sagte einmal, jede Nation wähle ein paar Gesichter, in die sie sich verliebe und mit denen sie sich identifiziere. In Frankreich ist Isabelle Huppert gewiss eins dieser Gesichter.

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