Gemütliches Ghetto

Filmregisseure haben es schwer, wenn sie in der Schweiz eine Grossstadtszene drehen wollen. Es fehlen die geeigneten Kulissen.

Die rauhen Ecken werden rar: Auch dieses Eckhaus an der Zürcher Langstrasse weicht einem Neubau. Foto: Ennio Leanza (Keystone)

Die rauhen Ecken werden rar: Auch dieses Eckhaus an der Zürcher Langstrasse weicht einem Neubau. Foto: Ennio Leanza (Keystone)

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Wer in Holland einen Alpenfilm drehen will, hat ein Problem: Es gibt dort keine Berge. Wer in der Schweiz einen Grossstadtfilm machen möchte, hat ein ähnliches Problem: Es gibt hier keine Grossstädte.

Das führt gerade der viel gelobte Film «Chrieg» vor. Von ihrer Therapie-Alp fahren die schwer erziehbaren Jugendlichen immer wieder in eine namenlose Stadt hinunter, um sich dort zu holen, wovon sie träumen: Geld, Autos, Sex, Gewalt. Diese Stadt soll böse wirken: Hinterhöfe sind zugemüllt, die Strassen düster. Überall stehen Prostituierte, lungern Dealer und Süchtige.

Der Ort heisst in Wirklichkeit ­Zürich. Und ist das ziemliche Gegenteil der Filmstadt. Wo in «Chrieg» ausgeraubt und angeschafft wird, trinkt man sonst Cappuccino, blinzelt in die Sonne, weicht Joggern und Kinder­wagen aus. Wer die gezeigten Orte im Alltag erlebt, hat beim Filmschauen Mühe, die behauptete Verderbtheit ernst zu nehmen. Zu stark überblendet die wohlige Wirklichkeit.

Im elf Jahre alten Film «Strähl» bilden die Kreise 4 und 5 die überzeugende Kulisse für einen Drogenkrimi. Mittlerweile haben Verschönerungsmassnahmen fast alle Spuren film­würdiger Verfallenheit getilgt.

Diesen Mangel an Glaubwürdigkeit empfinden vor allem Menschen, die sich in Zürich bewegen. Selbst New Yorker können ihre Stadt, wenn sie wieder einmal als Moloch auftritt, für überzeichnet halten. Das Bekannte wirkt immer harmlos.

Immer die gleichen Bilder

Doch unabhängig davon, wo das Filmpublikum wohnt: Schweizer Regisseure müssen mit knappen Stadtressourcen auskommen. Das Land bietet ausreichend Alpweiden, Aggloweiten und Altstädtchen. Dichte, von Gegensätzen geprägte Urbanität findet sich seltener. Deshalb greifen Regisseure, die in Zürich Metropolenatmosphäre zu erzeugen versuchen, oft auf die gleichen Motive zurück: Langstrasse, Hardbrücke, Lochergut.

Vielleicht erklärt der Mangel an Stadtkulissen den Mangel an Schweizer Stadtfilmen. In diesem Fall gibt es ein weiteres Argument, das für besseren Städtebau und weniger Gentrifizierung spricht: Filmförderung.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.03.2015, 19:36 Uhr

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