Feld oder Liebe

Die Geschichte, die Marcel Gisler in «Mario» erzählt, ist leicht zu antizipieren. Entscheidender am Spielfilm über schwule Fussballer ist aber der überzeugende Tonfall.

Stürmer unter Entscheidungszwang: Leon (Aaron Altaras) und Mario (Max Hubacher, r.) als Nachwuchshoffnungen der Young Boys.

Stürmer unter Entscheidungszwang: Leon (Aaron Altaras) und Mario (Max Hubacher, r.) als Nachwuchshoffnungen der Young Boys. Bild: Frenetic/zvg

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Was ist das Faszinierende am Sport? Dass der Ausgang stets ungewiss ist. Und warum ist das eigentlich bei Sportfilmen genau umgekehrt? Kaum ein anderes Genre hat derart starre Spielregeln: Wer am Ende gewinnt, ist meistens schon von Beginn weg klar – die Richtigen nämlich.

Ein Genrefilm ist «Mario» allerdings nicht. Auch wenn sich der Schweizer Regisseur Marcel Gisler mit dem Fussballfeld ein einschlägiges Terrain ausgesucht hat. Hier spielt sich, wie im richtigen Sport, ein Drama ab, allerdings jenseits des Flutlichts. «Mario» ist die Geschichte eines vielversprechenden Jungfussballers, der bei den Berner Young Boys auf einen Profivertrag hofft – bis ihm ein anderer junger Mann dazwischenkommt. Dabei ist Mario ein «Perspektivspieler», der «unter besonderer Beobachtung» steht, wie es im Funktionärsjargon heisst. Der Sprung in die erste Mannschaft winkt – aber nur, wenn die Saison gut läuft.

Mit Leon (Aaron Altaras) also kommt Verstärkung ins Team, aber gleichzeitig ein Konkurrent, der Mario als zweiter Stürmer den angestrebten Platz streitig macht. Doch das passe schon, meint Marios Manager (Andreas Matti), auch wenn die beiden zwei ganz unterschiedliche Spielertypen seien. Ja, es passt, und zwar besser, als alle ahnen – auch die beiden jungen Männer selber. Der 24-jährige Max Hubacher in der Hauptrolle ist ein Volltreffer, denn der Berner tariert seine Figur schön aus: Mario ist ehrgeizig, aber sympathisch, kumpelhaft, aber wortkarg, charmant, aber manchmal hölzern wie ein verstockter Bub. Es trifft ihn denn auch völlig unvorbereitet, als Leon ihn küsst. Doch nicht viel später stürmt die Liebe aufs Feld, will sich frech zwischen Mario und die erste Mannschaft drängen und dem Stürmer ein Bein stellen.

Unabsehbare Folgen

Es ist ein Phänomen, dass Homosexualität im Profifussball auch im Jahr 2018 nicht existieren darf. Kein einziger Aktiver hat sich bislang geoutet; zwar gibt es Vereine, die das Thema offen ansprechen, aber auch die können die Folgen eines Outings nicht abschätzen. Wie würden die Medien reagieren, die Mannschaft, die Fans, die Sponsoren? Es seien nach wie vor grosse Ängste vorhanden, sagte Marcel Gisler vergangenen Mai, als der «Kleine Bund» die Dreharbeiten im Berner Stade de Suisse besuchte. Schliesslich ist Fussball ein Produkt, das verkauft werden will. Und das seinerseits, jedenfalls in den höheren Ligen, ein Bild von Männlichkeit verkauft, das mit Homosexualität nicht vereinbar ist.

Trotzdem: Dass mit dem BSC Young Boys ein Verein gefunden werden konnte, der dieses Filmprojekt aktiv unterstützt, der Name, Stadion und Infrastruktur zur Verfügung stellt, stimmt zuversichtlich. Gut möglich, dass «Mario» den Anliegen der schwulen Fussballer einen Dienst erweisen könnte. Die Aufklärungsarbeit war für Gisler allerdings nur das eine. Das andere war das, womit sich der Rheintaler schon mehrmals befasste: unglückliche Liebesgeschichten zu erzählen. Für «F est un salaud», die schwule Amour fou im Musikermilieu, gewann er 1999 den Schweizer Filmpreis. Auch «Mario» ist aktuell dafür nominiert.

Homophobie liegt im System

Zu einer tragischen Liebesgeschichte gehört zwangsläufig ein feindliches Umfeld, und das ist die Zwickmühle, in der Mario und Leon stecken: Fussball oder Liebe; beides geht nicht. Auch wenn sie es zunächst mit einer Liaison im Verborgenen versuchen. Eine Zeit lang scheint das sogar zu klappen, bis Mario in seinem aufgebrochenen Spind ein Schwulenpornobild findet. Schliesslich sind die anderen Teamkollegen ebenfalls Konkurrenten, und einer sagt in der Garderobe, als ein Verdacht die Runde macht, er wolle wissen, mit wem er da gemeinsam dusche.

Wie es ausgeht? Nicht so wie im gängigen Sportfilm jedenfalls. In «Mario» gewinnen am Ende weder die Richtigen noch die Falschen. Sondern gar keiner. Und es ist auch nicht klar, wer eigentlich für diese himmeltraurige Situation verantwortlich ist. Die Clubvertreter machen zwar keine besonders gute Falle, wenn sie den Liebenden raten, sich in der Öffentlichkeit mit Frauen zu zeigen. Oder Marios Manager, der sagt, was für einen Spieler nicht gehe, das seien «Drogen, Sex mit Minderjährigen und Schwulenzeug». Aber im Grunde ist niemand richtig bösartig, hat keiner ein «Problem mit dem Thema», wie der Vereinspräsident herumdruckst. So sagte es auch Gisler am Rand der Dreharbeiten: Die Homophobie steckt im System – der Fussball erlaubt Homosexualität heute schlicht nicht.

Die Schuldfrage ist also unklar, und schon nur das macht jede herkömmliche Sportfilmdramaturgie zunichte. Was ja an sich erfreulich wäre. Trotzdem hat «Mario» ein dramaturgisches Problem. Es ist, als ob sich die Geschichte selber erzählt, als ob der Film seine eigenen offenen Türen einrennt. Das Runde muss ins Eckige und die Liebe den Bach runter: Was hier erzählt wird, hat etwas Naturgesetzliches, und zwar bis in die Details. Immer wieder fühlt man sich in diesem Film wie ein besonders begabter Hellseher: Jetzt wird der Ball ins Tor gehen, jetzt werden sie sich küssen, jetzt wirds herauskommen, und jetzt, leider, wird diese Liebe zerbrechen. Und jedes Mal behält man recht.

Zart und unkitschig

Trotzdem hat der Film vieles, was ihn äusserst liebenswert macht. Weil Marcel Gisler gross darin ist, das Ungesagte zwischen den Figuren plastisch werden zu lassen. Weil er einen schön unpolemischen Tonfall findet. Weil er die Romanze ganz zart in Szene setzt und dabei dem Kitsch ausweicht. Oder weil er ein globales Thema wie selbstverständlich vor unsere Haustüre bringt.

Und vor allem: Weil es in «Mario» ganz natürlich erscheint, dass Fussballer schwul sein können.

Im Kino ab Donnerstag. Dienstag, 19.45 Uhr, Vorpremiere im Kino Club in Anwesenheit von Cast und Crew.

Bildstrecke von den Dreharbeiten finden Sie hier

(Der Bund)

Erstellt: 20.02.2018, 06:44 Uhr

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