«Es stellt sich die Frage, warum so wenige Schweizer ihm folgten»

Interview

Der Film «Akte Grüninger» handelt von Paul Grüninger, der Hunderte Juden vor den Nazis rettete. Historiker Stefan Keller spricht über die Person Grüninger – und Film-Szenen, auf die er lieber verzichtet hätte.

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Linus Schöpfer@L_Schoepfer

Herr Keller, Grüninger war ein Held. Oder? Nein, er war ein durchschnittlicher, rechtschaffener Mensch, wie auch der neue Film ihn zeigt. Als Held ist er uns im Gedächtnis, weil er im entscheidenden Moment das Richtige tat. Es gibt allerdings ein starkes Bedürfnis, Grüninger zu stilisieren, und das hat seine Gründe.

Welche Gründe meinen Sie? Wenn Grüninger ein normaler Schweizer war, dann stellt sich die Frage, warum so wenige seinem Vorbild folgten, warum andere normale Menschen damals so viele Flüchtlinge in den Tod schickten.

Wie lautet Ihre Erklärung? Rassismus und Antisemitismus lauern viel näher unter der Oberfläche, als man normalerweise wahrnimmt. In Extremsituationen wie dem Zweiten Weltkrieg kommen sie schnell zum Ausbruch.

War Ihnen wohl bei der Fiktionalisierung dieses heiklen historischen Stoffs? Nicht immer, klar. Unnötig empfinde ich etwa jene Szene, in der ein Wiener Flüchtling weinend die Beine eines Schweizer Beamten umklammert. Und durch die Erfindung einer neuen Hauptfigur, jener des Bundespolizisten Frei, der die Untersuchung gegen Grüninger leitet, erhält der Blick auf Grüninger generell eine Perspektive von oben. Ich habe mich dem Flüchtlingsretter seinerzeit von unten, aus der Sicht der überlebenden Flüchtlinge angenähert.

Wiegt die Möglichkeit, Grüninger einer breiten Masse vorzustellen, gewisse Verfälschungen auf? Es gibt diesen Film, es gibt den Dokumentarfilm von Richard Dindo, und es gibt mein Buch «Grüningers Fall». Ein Spielfilm muss wohl gewisse Regeln des Genres beachten. Ob das Verfälschungen sind oder einfach Überzeichnungen, ist dann die Frage. Wichtig scheint mir, dass die Geschichte im historischen Kern intakt bleibt, und das ist bei «Akte Grüninger» doch der Fall.

Das sehen nicht alle so. Zumal die unvorteilhafte Darstellung von Heinrich Rothmund erregte Kritik – der Mythos des herzlosen Hardliners Rothmund wird je länger, je mehr infrage gestellt. Das ist ein scheinheiliger und schlecht informierter Diskurs. Rothmund soll schöngefärbt werden. Er war ein militanter und mächtiger Antisemit, daran besteht aufgrund aller Akten kein Zweifel. Auch die Frage, wie sehr er an der Entwicklung des Judenstempels beteiligt war, ist dabei nicht entscheidend. Er hatte formaljuristische Bedenken, aber schon früher verlangte er einen Arierausweis für Schweizer Visa. Als der Bundesrat den Stempel guthiess, machte Rothmund natürlich mit.

Was am Film ausserdem auffiel, war die Darstellung Grüningers als Kunstliebhaber, der in schwierigen Stunden Zuflucht zur Musik suchte. War er das? Diese Darstellung trifft zu. Grüninger spielte Klavier, und er war ein leidenschaftlicher Sänger, bis ins hohe Alter blieb er Mitglied eines Chors.

Am 9. Februar stimmen wir über die Zuwanderungsinitiative der SVP ab. Könnte der Film dafür oder dagegen instrumentalisiert werden? Grüninger hätte bestimmt nicht für diese Initiative gestimmt. Tatsächlich hatte die Diskussion um Grüningers Rehabilitierung seit 1968, als nach dem Prager Frühling die Tschechoslowaken kamen, immer einen Bezug zu aktuellen Ausländerdebatten. Man kann die Situation von 1938 aber nicht mit der Situation von heute gleichsetzen. Damit wäre niemandem gedient.

DerBund.ch/Newsnet

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