Erleuchtung keineswegs garantiert

Wo nicht einmal der Weg das Ziel ist, sondern nichts als der Weg: Regisseur Werner Penzel schickt im Film «Zen for Nothing» eine Bernerin in ein japanisches Kloster. Und wir meditieren mit.

Still sitzen und meditieren ist das eine – harte Arbeit das andere: Sabine Timoteo in Antaij.

Still sitzen und meditieren ist das eine – harte Arbeit das andere: Sabine Timoteo in Antaij. Bild: zvg

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Ganz allmählich schälen sich ihre Umrisse aus der Dunkelheit. Nur kleine Geräusche sind zu hören, ein paar Regentropfen, ein feines Rauschen. Es ist eine Gruppe von Menschen, die da still sitzen in der Dunkelheit, sie wurden um Viertel vor vier Uhr morgens geweckt von einer Person, die wie ein Irrwisch mit einer Glocke durch die Gänge fegte.

Sie werden zwei weitere Stunden bewegungslos auf den Futonmatten ausharren, während sich langsam das Tageslicht auf ihre Gesichter legt. Bis zum rituellen Essen, bei dem jeder Handgriff, jedes Ablegen der Stäbchen, jedes Wischen des Tisches nach Regeln erfolgt.

Antaiji heisst dieser Ort, es ist ein Zen-Kloster in Japan. Der deutsche Regisseur Werner Penzel hat es zum Schauplatz seines neuen, von der Berner Firma Recycled TV produzierten Films gemacht. Es ist ein Musterbeispiel teilnehmender Beobachtung: Die Kamera, als Auge des Zuschauers, fügt sich vollkommen ein in den streng geregelten Tagesablauf, und es ist, als greife die Stille auf den Betrachter über: Man atmet ein, man atmet aus. Gemeinsam mit diesen Menschen – Asiaten und Westlern, Männern und Frauen –, die mit geradem Rücken dasitzen.

Und gemeinsam mit Sabine Timoteo, die für einmal nicht als Schauspielerin in Erscheinung tritt, sondern zum Alter Ego des Publikums wird, sich für uns vortastet in diese fremde Welt, das kalte Wasser in Küche und Bad aushält, die harte Arbeit in Haus und Garten, das Putzen, Holzhacken, Jäten, Giessen, Ernten.

Die Wirklichkeit ist leer

Sie habe sich völlig unvorbereitet und unvoreingenommen auf dieses Experiment eingelassen, sagte die Bernerin vor der Filmpremiere im Januar dem «Kleinen Bund». Und gelernt, die Stille und das Stillsitzen auszuhalten. «Ein Gedanke fliesst in den nächsten, und dann gibt es Momente, in denen die Zeit nicht mehr existiert: Plötzlich ist eine Stunde vorbei», so Timoteo.

Zen, wie es in Antaiji praktiziert wird, ist keine Religion, gelehrt wird nicht einmal eine spezielle Meditationstechnik – und Erleuchtung ist keineswegs garantiert. Denn, wie Penzel durch Einblender von Sätzen des Zen-Meisters Kodo Sawaki (1880–1965) klar macht, es geht bei Zen gar nicht darum, ein bestimmtes Ziel zu erreichen. «Wenn du sagst, dass Zen dir guttut, dann stimmt etwas nicht», heisst es einmal. Hier ist offenbar nicht einmal der Weg das Ziel, vielmehr ist der Weg nichts anderes als der Weg. «Die Wirklichkeit ist leer»: auch das so ein Satz, der den Versuch illustriert, sich freizumachen von allem Nützlichkeitsdenken.

Paradox scheint nur zu Beginn, dass es für diesen Zustand der Leere einen extrem strukturierten Alltag braucht. Sabine Timoteo erklärt in einer der wenigen Szenen, in denen gesprochen wird, wie sie die Regeln zunächst als beengend und beängstigend wahrnahm – «bis die ritualisierten Momente den Gang der Dinge anhielten». Und sich Konzentration und Bewusstsein auf eine neue Art einstellten.

W-Lan im Zen-Kloster

Dazu zeigt Penzel extreme Nahaufnahmen: von Teeblättern, die sich im Glas allmählich absenken; von einem Käfer, der sich auf der Futonmatte davonmacht; von Schneeflocken, die fallen. So etwas könnte furchtbar betulich wirken, wie Kalenderbilder voller Bewusstseinskitsch. Dass das nicht geschieht, dafür sorgt die fast mönchisch strenge Art, wie Penzel seine Bilder wählt. Wie er vorführt, dass dieses Kloster keine bio-romantische Wellnessoase ist (obwohl es hier sogar W-Lan gibt). Und wie die Mönche und Gäste mit durchaus modernem Gerät – Motorsägen und Baggern – die üppige Natur rund ums Kloster bändigen. Es hilft auch, wie dezent Fred Frith seine Filmmusik in die Geräusche der Umgebung einwebt. Und dass da mit Muho Nölke, der ursprünglich aus Berlin kommt, ein Abt ist, der eine Mischung aus Ernsthaftigkeit und Verschmitztheit ausstrahlt: Was den Zen-Meister vom Zen-Mönch unterscheide, sagt er, sei, dass der Meister den Absprung nicht geschafft habe.

«Zen for Nothing» ist dann am eindrücklichsten, wenn die bewegten Bilder beinahe zum Stillstand kommen. Und einem bewusst wird, dass die Kinoerfahrung ja gar nicht so viel anders ist als zwei Stunden still sitzen im Zen-Kloster.

Vorpremiere heute, 20.15 Uhr, im Kino Movie in Anwesenheit von Werner Penzel. Ab Donnerstag im regulären Programm. (Der Bund)

Erstellt: 31.05.2016, 08:03 Uhr

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