Erlegtes WC-Papier

Derzeit kuratiert Christian Jankowski die Manifesta, bekannt wurde er in den 90ern mit Pfeil und Bogen.

Videostill aus «die Jagd».

Videostill aus «die Jagd». Bild: zvg

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Einzig die Kassiererin blieb unbeeindruckt. Obwohl in jedem Artikel, den ihr Förderband transportierte, ein Pfeil steckte: in der Margarine ebenso wie im Brot, im Bier und im WC-Papier.

Der deutsche Künstler Christian Jankowski machte den Supermarkt 1992 zu seinem Jagdrevier, als er mit Pfeil und Bogen durch die automatische Schiebetür schritt. Und kaum war das tiefgefrorene Poulet erlegt, packte er es ganz brav in seinen Einkaufswagen. Eine Woche lang lebte Jankowski von seiner Beute. Das daraus entstandene Video «Die Jagd» – welches nun im Showroom von videokunst.ch im Progr gezeigt wird – ist zwar kaum länger als eine Minute, dennoch öffnete es ihm die Tür zur etablierten Kunstszene, die er einige Jahre später aufs Neue verblüffte. Für die Biennale in Venedig befragte er im Jahr 1999 Wahrsager im italienischen Fernsehen, ob er mit seinem Beitrag erfolgreich sein würde. Alle sagten sie Ja, der Kunstmarkt sagte Ja, das Publikum applaudierte.

Ob in seinem Videofilm «Kunstmarkt TV», in dem er Teleshopping-Moderatoren für Arbeiten von Starkünstlern wie Jeff Koons oder Franz West werben liess, als wäre es Fusscreme, oder in «Casting Jesus», in dem er aus 13 Darstellern den besten Sohn Gottes auswählte – Jankowski schleift Trivialitäten zu scharfer Kritik, die keinen theoretischen Unterbau benötigt. Als Kurator der europäischen Kunstbiennale Manifesta 11, die 2016 in Zürich stattfindet, platziert er zum Beispiel Kunst im Schiessstand der Polizei.

Auf Facebook gibt es ein Profil von Christian Jankowski. Hier trudeln etwa 50 Freundschaftsanfragen pro Tag ein. Sogar eine Cousine hat sich bereits gemeldet. Dabei handelt es sich aber gar nicht um den Künstler, sondern lediglich um einen Namensvetter. Der Künstler-Jankowski hätte das nicht besser inszeniert, gehört er doch zu jenen seiner Zunft, die derzeit am kreativsten mit den Gegenständen unserer Gegenwart spielen.

Videofenster Progr & Bienzgut, Do, 28. 5., 18 Uhr, bis 4. 7. bzw. 12. 8., div. Abspielzeiten. (Der Bund)

Erstellt: 28.05.2015, 11:26 Uhr

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