Ein liebenswürdiger Realist

Regisseur Mike Nichols («Die Reifeprüfung») ist tot. Er schuf einige Ikonen der Filmgeschichte. Ein Nachruf.

Eine der bekanntesten Filmszenen der 60er-Jahre: Mrs. Robinson (Anne Bancroft) versucht im Film «The Graduate», Benjamin Braddock (Dustin Hoffman) zu verführen. Bild: Sony Movie

Eine der bekanntesten Filmszenen der 60er-Jahre: Mrs. Robinson (Anne Bancroft) versucht im Film «The Graduate», Benjamin Braddock (Dustin Hoffman) zu verführen. Bild: Sony Movie

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Dies sei ja das Schönste am Regieführen, sagte der Regisseur Mike Nichols vor ein paar Jahren: dass alle nach deiner Pfeife tanzten. Und wenn man sage: Hier muss Rom stehen, dann stehe es auch dort. Er konnte sich das leisten und war es so gewohnt als einer, der sehr früh als ein wilder Star des New Hollywood gegolten hatte und bis zu seinem Tod als ein Elder Statesman des amerikanischen Kinos galt. Der Ruhm seiner wilderen Zeiten war wohl etwas verblasst, auch er schien lang schon eher der Solidität als dem Genialischen zugeneigt. Manche Kritiker meinten das, wenn sie ihn eine graue Eminenz nannten. Aber der gefestigte Ruf einer Art Hollywoodinstitution reichte immer noch aus, damit Rom, wenn er es denn gewollt hätte, dort gebaut worden wäre, wo er wollte.

Trailer von «Charlie Wilson's War», 2007. (Quelle: Youtube)

Er hat künstlerisch nie darben müssen. Auch noch zu seinem letzten Film, «Charlie Wilson’s War» – der witzig seriösen, geschichtsbewussten und sogar wahren Geschichte eines Kongressabgeordneten, der in Afghanistan die Sowjets düpierte, damals in den 80ern, als die Mujahedin noch die Guten waren – ist beträchtlich viel Hollywoodadel an­getreten, Tom Hanks, Julia Roberts, der unvergessliche Philip Seymour Hoffman, man darf vermuten: auch zu Ehren des alten Könners.

Schuldgefühl der Überlebenden

Das war 2007. Danach kam nichts mehr von ihm, der an Ehren alles erreicht hatte, was die amerikanische Film- und Theaterwelt zu bieten hat, wenn sie mit der grossen Kelle ehrt: den Emmy, den Grammy, den Oscar und den Tony (unter anderem; EGOTs nennt man das Duzend Menschen, die das bis jetzt geschafft haben). Kein Film mehr mindestens. Die Verfilmung von Louis Begleys Roman «Lügen in Zeiten des Krieges», die ihn gereizt hätte, kam nie zustande. Das ist vielleicht auch gut so. Sie hätte ihn in die schmerzhafte Nähe zur eigenen Lebensgeschichte gebracht und, so sagte er einmal, zum «Schuldgefühl der Überlebenden»: ihn, Michael Igor Peschkowsky, Sohn jüdischer Eltern, geboren 1931 in Berlin, der mit sieben Jahren nach Chicago kam mit zwei angelernten Sätzen Englisch («I don’t speak English» und «Please don’t kiss me»), und dem eine neue Welt aufging.

Trailer zu «Who's Afraid Of Virginia Woolf?», 1966. (Quelle: Youtube)

Er hat ihr etwas zurückgegeben, weiss Gott: Sein früh entdecktes komödiantisches Talent zuerst, bald auch seine Begabung als Theaterregisseur. Und einige wahrhaftige filmische Feuerwerke: das Debüt mit «Who’s Afraid of Virginia Woolf», für das er Elizabeth Taylor und Richard Burton aufeinanderhetzte (1966, die erste Oscar-Nominierung war der Lohn); «The Graduate» («Die Reifeprüfung») 1967), den Film, der Dustin Hoffman nach ganz oben trug (dafür gewann Nichols den Regie-Oscar); auch die nie ganz nach dem künstlerischen Verdienst gewürdigte Bösartigkeit «Catch-22» (1970), eine Verfilmung des Romans von Joseph Heller.

Trailer zu «The Graduate», 1967. (Quelle: Youtube)

Es scheint, als habe es den Nichols der späteren Jahrzehnte dann etwas ziellos herumgetrieben in Themen und dramatischen Genres. Mal wars eine Klamotte wie «What Planet Are You From?» (2000), mal ein Versuch in psychologischem Horror wie «Wolf» (1994), der Film, in dem ein wölfischer Jack Nicholson seinem Kollegen James Spader über die italienischen Wildlederschuhe urinierte. Mal wars schrill, mal leise und oft auch nur unaggressives, aber immer noch hoch originelles Starvehikel wie «Working Girl» (1988) mit einer Melanie Griffith in ihrer Jugendblüte.

Trailer zu «Catch-22», 1970. (Quelle: Youtube)

Nichols’ Schauspieler hätten ihn geliebt, heisst es. Und er liebte sie mit väterlicher Strenge. Er kannte ihre Verletzlichkeit, denn er hatte selbst gespielt und führte auch darum lieber Regie. Herzblut forderte er, achtete aber darauf, dass niemand dabei psychologisch verblutete. Die Liebenswürdigkeit war seine Methode. Sie war wahrscheinlich auch seine Natur. Dennoch hat er einige sehr sarkastische, womöglich doch schmerzhaft erfahrene Wahrheiten übers Filmemachen formuliert. Meryl Streep hat sie einmal vorgelesen an einer Feier zu seinen Ehren. Unter anderem dies: «… 2) Alles, wofür es sich zu kämpfen lohnt, ist auch wert, dass man mit schmutzigen Mitteln dafür kämpft. … 4) Wenn du denkst, in jedem stecke etwas Gutes, dann hast du nicht jeden getroffen. 5) Freunde kommen und gehen, aber Feinde werden bestimmt Studiochefs.»

Trailer zu «Working Girl», 1988. (Quelle: Youtube)

2012 gewann Nichols einen letzten Tony für eine Bühneninszenierung von Arthur Miller’s «Tod eines Handlungs­reisenden». Alles weitere blieb Projekt. Am Mittwoch ist Mike Nichols nun gestorben, nur knapp zwei Wochen nach seinem 83. Geburtstag. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 20.11.2014, 18:40 Uhr

Mike Nichols

Er wurde am 6. November 1931 als Michael Igor Peschkowsky in Berlin geboren. Im Laufe seiner Karriere erhielt er einen Grammy, einen Oscar, zwei Emmys und einen Tony Award. Das Bild zeigt den Regisseur im Jahr 1960. Foto: CBS Photo Archive, Getty Images

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