Ein Stich mitten in die Wohligkeit

Der Schweizer Regisseur Alexandre O. Philippe seziert die berühmteste Mordszene der Filmgeschichte. Und legt, Bild für Bild, ihre ganze Faszination frei.

Alfred Hitchcock und Hauptdarstellerin Janet Leigh auf dem Filmset.

Alfred Hitchcock und Hauptdarstellerin Janet Leigh auf dem Filmset. Bild: zvg

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Es gibt sogar eine Lego-Version dieser Szene und eine mit Bugs Bunny. Keine zwei Minuten dauert sie im Original und ist doch einer der meistzitierten und berühmtesten Momente der Filmgeschichte: die Duschszene aus Alfred Hitchcocks «Psycho» (1960). Das Wasser aus der Brause, der halbtransparente Duschvorhang, Janet Leigh als nichts ahnendes Opfer, das Messer, das Stakkato der Streicher, das Blut – diese Abfolge von Bildern und Tönen ist Ikone geworden, x-mal gesehen, unzählige Male reproduziert, tausendfach beschrieben.

Nun versucht der Schweizer Alexandre O. Philippe, der in den USA lebt, ihrem Geheimnis auf die Spur zu kommen. Sein Dokumentarfilm «78/52» – der Titel bezieht sich auf die Anzahl Einstellungen innerhalb von 52 Sekunden – läuft nun am Internationalen Filmfestival Freiburg (siehe Box). Ein ganzer Film über eine einzige Szene? Da muss sich keine akademische Langeweile einstellen. Schliesslich ist der Mord in der Dusche ein Schlüssel zum Verständnis von Hitchcocks Schaffen überhaupt. Der Regisseur selber hat betont, dass es ihm in «Psycho» in erster Linie um diese Szene gegangen sei. Dementsprechend viel Mühe hat sie ihn gekostet – ganze sieben Tage filmte man an ihr, was fast ein Drittel der gesamten Drehzeit von Janet Leigh ausmachte.

Das Geräusch von Melonen

Alexandre O. Philippe verrät einige kuriose Details wie jenes, dass das Geräusch des Messers mithilfe einer Melone erzeugt wurde – wobei sich die Tonleute erst durch zwei Dutzend verschiedener Sorten stechen mussten, bis Hitchcock zufrieden war. Oder dass das Blut, das mit dem Duschwasser in den Abfluss rinnt, Schokoladensirup war. (Eine Information, die allerdings mehr als trivial ist: Weil Hitchcock fand, dass das Publikum durch das rote Blut allzu sehr schockiert sein könnte, filmte er in Schwarzweiss.)

Insgesamt ist «78/52» aber mehr als ein flott geschnittenes und in stylishem Schwarzweiss gefilmtes Making-of. Wie sehr der Mord in der Dusche das Publikum seinerzeit erschütterte, lässt sich erst nachvollziehen, wenn man sich die USA der Fünfzigerjahre vor Augen hält: eine Ära der Häuslichkeit, eine wohlig naive Blase in Technicolor. Klar hatte es Gewalt auf der Leinwand gegeben, aber nie zuvor war sie so intim gewesen, das Opfer so verletzlich, nackt im Badezimmer. Sicherheit in den eigenen vier Wänden? Es könnte jeden treffen.

Die klammernde Hand am Duschvorhang

Die Schreie der Frauen im Publikum hätten sich mit jenen von Janet Leigh vermischt, erinnert sich der Filmemacher und Kritiker Peter Bogdanovich. Nebst ihm holt Alexandre O. Philippe auch Zeitzeugen (wie Janet Leighs Körperdouble), Cutter oder Filmwissenschaftler vor die Kamera, die auch die technische Meisterschaft Hitchcocks erläutern – die ungewohnten Kamerawinkel und Schnitte etwa, die im Zuschauer ein Gefühl kompletter Desorientierung hervorriefen. Oder das Close-up von Janet Leighs Hand, die sich an den Duschvorhang klammert: Man sieht, wie das Leben in ihr langsam abebbt.

Ein Film voller Gewalt und Sex also – zu sehen gibts davon allerdings nichts: Das Grauen passiert im Kopf des Zuschauers. Bei Alexandre O. Philippe (der es leider nicht ganz schafft, den lobhudelnden Ton ähnlicher Dokumentationen zu vermeiden) geschieht genau das Umgekehrte: Zwar wird die Szene penibel seziert, Bild für Bild, ein ums andere Mal. Von ihrer Faszination verliert sie dabei nichts. Ganz im Gegenteil. (Der Bund)

Erstellt: 31.03.2017, 08:56 Uhr

Filmfestival Freiburg 31. März bis 8. 4.

Freitagabend, 31. Màrz beginnt in Freiburg jenes Festival, das regelmässig Neuland betritt, und zwar nicht nur geografisch (aber auch: heuer etwa mit einer Programmsektion mit Filmen aus Nepal).

Auch dem Genrefilm widmet das Internationale Filmfestival Freiburg ein Fenster: Gezeigt werden Gespensterfilme aus aller Welt – ein Genre, das in den letzten Jahren global boomt, von Südkorea bis nach Mexiko, von den Philippinen bis zu den Niederlanden.

In der Sektion «Entschlüsselt» geht es um das Medium Film selber, so wie in Alexandre O. Philippes «78/52» (siehe Haupttext). Das Herzstück des Festivals ist aber der internationale Wettbewerb: 12 Filme ringen hier um den Regard d’Or. (reg)

31. März bis 8. April. www.fiff.ch

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