Ein Münchner im Filmhimmel

Der deutsche Regisseur Helmut Dietl ist im Alter von 70 Jahren gestorben. Ein Nachruf.

Die deutsche Antwort auf Woody Allen: Helmut Dietl am deutschen Filmpreis 2014.

Die deutsche Antwort auf Woody Allen: Helmut Dietl am deutschen Filmpreis 2014.

(Bild: Keystone Michael Kappeler)

Er war ein Grosser seiner Kunst, Bayern war seine Welt, und ihr Nabel war München. Und wo beginnt nun die Erinnerung? Gewiss kann mans nachlesen, dass Helmut Dietl schon in seiner zweiten Fernsehserie, «Der ganz normale Wahnsinn» (1979/80), so etwas geschaffen habe wie «die deutsche Antwort auf Woody Allen» und mit der Hauptfigur ein Rollenmodell der intellektuellen Neurotik (ach ja, dieser feine Towje Kleiner, der lang schon tot ist). Aber die wirkliche Herzens- und Gedächtniswärme erzeugte doch erst der «Monaco Franze» (Helmut Fischer, auch er ist seinem Regisseur vorausgestorben), der ewige Stenz und windige Münchner, von dem man in den frühen Achtzigern im Fernsehen lernte, dass «ein bisserl was» immer geht.

«Kyr Royal»: Serie und Gesöff

Man hatte ihn zum Bayerwerden gern. Eine so scharfmild gezeichnete Figur war damals und ist bis heute selten in der deutschen Fernsehlandschaft, und womöglich war viel von Helmut Dietl drin, der es, ärmlich aufgewachsen in München-Laim, aber ehrgeizig erzogen, auch über seinen kleinbürgerlichen Stand hinausbrachte durch seinen Witz, seinen Spott, seinen Stolz und sein Talent, das eine gewisse elegante Windigkeit einschloss. Es folgte dem Franze der Boulevardjournalist Baby Schimmerlos in den sechs Episoden von «Kyr Royal» (1985), deretwegen man dieses Gesöff aus Champagner und Cassis das erste Mal trank. Die zweite Münchener Liebe. Auch im Baby, diesem Wadenbeisser der Müchner Schickeria, der litt an seinem Nichtdazugehören, steckte wahrscheinlich einiges von Dietls Wesenskern.

Er hat ja dann allerdings in der Stadt, die seine Welt war, tatsächlich dazugehört, spätestens seit dem Spielfilm «Schtonk!» (1992), den man die endgültige Satire auf die Stern-Affäre um die gefälschten Hitler-Tagebücher nennen darf. So oft hat er im Nobelrestaurant «Romagna Antica» diniert mit dem Produzenten Bernd Eichinger und seinem Mitautor Patrick Süskind, dass er das Niveau einer souveränen Selbstironie erreichte im Film «Rossini oder Die mörderische Frage, wer mit wem schlief» (1997). Die schick-intellektuelle Szene, in der er sich bewegte, wurde da, wie man so schön sagt, zur Kenntlichkeit entstellt.

Freundlicher Tyrann

Als Regisseur sei er ein freundlicher, aber erbarmungsloser Tyrann gewesen, heisst es. Das lag am Sprachgehör, aus dem heraus er seine Figuren gestaltete. Nicht viele haben dieses legitime Recht, Schauspieler zu quälen, einfach weil sie besser wissen, was gut ist. «Wenn die Note nicht getroffen wird», sagte er einmal, «kann vielleicht ein anderer schöner Ton dabei rauskommen, aber das nutzt mir nix. Das ist nicht mehr meine Melodie. Dann wird geübt.» Er wird jetzt niemanden mehr zum Üben zwingen, leider. Er hat in seinem Leben Unmengen von schwarzen Zigaretten geraucht (Gitanes). Vielleicht wars Nährstoff für seinen Perfektionismus. Am Montag ist Helmut Dietl in seinem München an Lungenkrebs gestorben.

DerBund.ch/Newsnet

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