Dschungelcamp auf Leben und Tod

«The Hunger Games» ist die grosse neue Kinokiste für die Jugend von heute und setzt auf die Ungerührtheit von Videospielen.

Pocahontas trifft auf «Gladiator»: Jennifer Lawrence als Katniss Everdeen in einer Szene aus «The Hunger Games»

Pocahontas trifft auf «Gladiator»: Jennifer Lawrence als Katniss Everdeen in einer Szene aus «The Hunger Games» Bild: PD

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Das Ekligste vorab: Ja, Jennifer Lawrence kann Eichhörnchen häuten. Sie findet das nicht besonders toll, sagt aber: «Zur Vegetarierin bin ich deswegen nicht geworden, das wäre unvorstellbar.» Sie hat dies gelernt für «Winter’s Bone», den Independentfilm, der ihr viel Ehre und letztes Jahr eine Oscar-Nomination einbrachte. Sie war damals 19 und spielte die Rolle einer mausarmen 16-jährigen Hinterwäldlertochter, die eine depressive Mutter und kleine Geschwister durchbringen muss, so cool und abgebrüht, dass die Filmwelt staunend den Hut zog vor ihr.

Jetzt, in «The Hunger Games», spielt sie genau die gleiche Rolle nochmals fürs Blockbusterkino: die toughe 16-jährige Katniss Everdeen, die in einem total heruntergekommenen Bezirk – dem District 12 – die depressive Mutter und die kleine Schwester durchbringen muss, weil der Vater bei einem Unglück in der Kohlegrube ums Leben kam. Eine amerikanische Selbstermächtigungsstory eben, wie sie das Arthouse- und das Mainstreampublikum gleichermassen lieben. Und auch in «The Hunger Games» (auf Deutsch «Die Tribute von Panem») sind Eichhörnchen ein wichtiges Grundnahrungsmittel. Beim netten Bäcker kann Katniss ein Grill-Eichhörnchen gegen einen Laib Brot tauschen.

Gesund und munter

So hat das die Autorin Suzanne Collins in ihrer «Hunger Games»-Trilogie erfunden, und nicht gar so detailliert, aber mit viel Liebe zum Original hat es nun Gary Ross («Pleasantville») verfilmt. Und damit den Start zur nächsten Teenie-Mehrteiler-Hysterie nach «Twilight» gelegt. Und zur neuen grossen Kinoabenteuerserie jugendlicher Helden nach «Harry Potter». Kurz: «The Hunger Games» sind das nächste grosse Ding. Das beginnt schon mit dem noch nie da gewesenen Ereignis, dass der Titelsong eines Films zehn Tage, bevor der Film überhaupt in die Kinos kommt, Nummer eins der amerikanischen Singlecharts ist. Es handelt sich dabei um den hauchigen Heuler «Safe & Sound» von Taylor Swift. Was natürlich ein Witz ist. Denn «safe and sound», also «gesund und munter» sind in den «Hunger Games» nur die Bösen. Die natürlich – besonders komplex ist das nicht – auch die Reichen sind und die Regierenden.

Der verwahrloste, ausgehungerte District 12 liegt nämlich in einem Land namens Panem, einst lag dort Nordamerika. Doch jetzt, in einer von uns aus gesehen gar nicht so fernen Zukunft, ist Nordamerika verwüstet und verschwunden, und die zwölf Distrikte werden von einer futuristischen Hauptstadt namens Capitol aus regiert. Jahr für Jahr finden zur kollektiven Einschüchterung die «Hunger Games» statt: Aus jedem Distrikt werden zwei Jugendliche ausgelost, die insgesamt 24 Kandidaten müssen in freier Wildnis gegeneinander kämpfen. Dieses Dschungelcamp auf Leben und Tod wird live im Staatsfernsehen übertragen, die Zuschauer können ihre Lieblinge mit Wasser, Waffen oder Medizin versorgen lassen, das Fernsehen selbst kann mit Feuersbrünsten oder wilden Tieren dramaturgisch eingreifen. Nur einer überlebt, sein Distrikt wird mit Essen belohnt.

Pragmatische Unerschütterlichkeit

Es ist ein Spiel, so zynisch und zugleich attraktiv, dass bestimmt schon viele TV-Macher heimlich davon geträumt haben: von der Lizenz, in ihren Castingformaten nicht bloss das Singen oder das Stöckeln auf Highheels, sondern den Tod in Auftrag zu geben. Suzanne Collins hat selbst lange für das amerikanische Kinder- und Jugendfernsehen Drehbücher geschrieben, bevor sie Romane schrieb, sie weiss also Bescheid über die verbotenen Möglichkeiten medialer Manipulation. Und sie weiss, womit sich Jugendliche unterhalten. Zum Beispiel mit Videospielen. Also mit kniffligen Geschicklichkeitsspielen, kombiniert mit ungerührtem, abstraktem Töten.

Ungerührtheit beziehungsweise eine grosse, pragmatische Unerschütterlichkeit, das ist das Hauptmerkmal von Katniss, im Buch und jetzt auch im Film bei der exzellenten Jennifer Lawrence. Die Abwesenheit von Sentimentalität ist auch sonst der Grundton des Films, und das ist nach all den schmalzigen Fisimatenten von «Twilight» äusserst wohltuend. Auch ideologischer Quatsch wie «Kein Sex vor der Ehe», wie ihn die «Twilight»-Autorin und überzeugte Mormonin Stephenie Meyer in ihre Bücher eingeschrieben hat, findet hier nicht statt. Im Gegenteil: Die christliche Organisation «Focus on the Family» vermerkt auf ihrer mehrseitigen «Hunger Games»-Gebrauchsanweisung für besorgte Eltern kleinlaut: «Christliche Botschaften: Keine» und rät dazu, doch bitte wenigstens die in der TV-Arena ausgesetzten Kinder mit von den Römern verfolgten Frühchristen zu vergleichen.

Die kühle Aura einer Lara Croft

Natürlich muss Katniss, die von einem ganzen Team – ihr Coach ist ein genüsslich versoffener Woody Harrelson, ihr Stylist ein schön metrosexueller Lenny Kravitz – zum TV-Star zurechtgedrillt wird, an diesen neuzeitlichen Gladiatorenkämpfen teilnehmen. Schon im Voraus bestätigt sie, dass es für sie keinen Unterschied mache, ein Tier oder einen Menschen mit Pfeil und Bogen zu erlegen, und genauso sachlich macht sie sich an ihre Prüfungen. In ihrem Überlebenstrieb liegt nicht die kostümierte Pose der Superhelden und erst recht keine Hysterie, sondern eine souveräne Bodenständigkeit. Oder halt einfach die kühle Aura einer Kunstfigur wie Lara Croft.

Trotz aller Nüchternheit kommt auch «The Hunger Games» nicht ohne eine nach allen Tricks von Realityshows inszenierte Beziehungsgeschichte aus. Nämlich zwischen Katniss und ihrem Todesspielgefährten aus dem District 12, dem starken, aber ängstlichen Bäckerssohn Peeta Mellark (Josh Hutcherson). Katniss und Peeta ergänzen sich ideal, sie ist schroff und stark, er ist dagegen mit einem einnehmenden Tele-Gen geboren. Und als Bäckerssohn, der geübt ist im kunstvollen Glasieren von Kuchen, ist er auch ein Meister der Camouflage-Malerei. Was zunächst einigermassen albern erscheint, ist im Ernstfall fast so nützlich wie Katniss’ Schiesskunst.

Indianerprinzessin trifft auf «Gladiator»

Auch wenn Gary Ross sagt: «Gewalt? Natürlich zeigen wir Gewalt!» muss niemand das Kino traumatisiert verlassen.

Die ganzen Schlächterszenen werden in einem Rausch aus schnell geschnittenen Bildern erledigt, so, dass man das Gefühl hat, einem grafischen Pixelsturm auf dem Computerbildschirm zu folgen. Es fliesst zwar deutlich mehr Blut als in «Twilight», doch das Grauen wurde im Schneideraum gekonnt gedimmt.

Zwei bis drei weitere «Hunger Games»-Verfilmungen sind für die nächsten Jahre geplant, wer sie umsetzen wird, steht noch nicht fest, und man kann nur hoffen, dass sie genauso toll besetzt und genauso packend inszeniert sein werden. Und vom Drehbuch her – am ersten hat Suzanne Collins mitgearbeitet – genauso intelligent in der Verquickung populärer Mythen: Die Indianerprinzessin Pocahontas trifft da auf «Gladiator» und auf Robinson, auf die Castingkultur, die postmoderne Abenteurerserie «Lost» und die Zerstörungsästhetik von Videospielen. Und dieses Patchwork ist deutlich näher an der Lebenswelt heutiger Teenager als die Retroromantik von «Twilight» und die Fantasywelt von «Harry Potter». Was einen wiederum gar nicht froh macht. Denn «The Hunger Games» spielt in einer Zukunft, die – wenn die Welt ihren schlimmsten Lauf nähme – vielleicht einmal die Gegenwart der Jugend von heute sein könnte. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.03.2012, 11:10 Uhr

Der Trailer

Der Song: Taylor Swift – «Safe & Sound»

The Hunger Games

The Hunger Games (USA 2012). 142 Minuten. Regie: Gary Ross. Mit Jennifer Lawrence, Josh Hutcherson, Woody Harrelson, Lenny Kravitz u. a.

Der Film kommt am nächsten Donnerstag in die Kinos. Voraussichtlich ab 12 Jahren.

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