Die seltsamen Stämme der Welt

«Tanna» spielt auf einer Südseeinsel mit prächtiger Natur – ein weiterer Spielfilm im Fach des neuen Exotismus.

Das Liebespaar Dain und Wawa in «Tanna». Foto: Philippe Penel

Das Liebespaar Dain und Wawa in «Tanna». Foto: Philippe Penel

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wahrscheinlich wird man mit einigem historischem Abstand sagen können, Anfang des 21. Jahrhunderts seien die Menschen sehr naiv gewesen. Sie hielten sich für modern, waren aber beherrscht von Irrationalität und Wunderglauben. Am Kino kann man das schön sehen. Es begann im Mai 2011, als Terrence Malick in Cannes «The Tree of Life» vorführte – ein Familiendrama, das den Blick in den Kosmos weitete, bis normale Naturerscheinungen wie Erleuchtungen wirkten. Ein paar Monate später, am Sun­dance-­Festival im Januar 2012, zeigte Benh Zeitlin «Beasts of the Southern Wild», einen ekstatischen Spielfilm über das Mädchen Hushpuppy in der Sumpfregion von Louisiana. Dazu war der New Yorker Regisseur zu den Leuten im tiefen amerikanischen Süden gefahren.

Trailer von «Beasts of the Southern Wild». (Quelle: Youtube)

Damit war die entzauberte Welt wieder verzaubert. Die Landschaft erschien bei Terrence Malick als beseelt und voller spiritueller Energie. Die Stämme, die in Symbiose mit dem Naturdreck lebten, holten bei Benh Zeitlin ihre Kraft aus der Umgebung, derweil sie fremdartige Rituale pflegten. Das Weltkino erzählt solche Geschichten schon lange, doch der neue tribalistische Film hat seinen Ursprung in den Zentren der westlichen Welt. Er fährt mit konzeptionellen Ideen und praktischen Digitalkameras hin zu den Stammeskulturen an der gesellschaftlichen Peripherie. Zuletzt war es die Britin Andrea Arnold, die für ihren in Cannes ausgezeichneten Film «American Honey» die Teenies im Mittleren Westen aufsuchte, wo sie im Van kiffend ihre Trap-Musik hörten wie bei einer rituellen Zusammenkunft. Und im Swimmingpool zappelte eine Biene, die wirkte wie ein transzendentes Wesen.

Männer in Penisschürzen

Man erkennt das neue exotische Kino daran, dass es in enger Zusammenarbeit mit den Eingeborenen entstanden ist. Es hat die Lektion der postkolonialen Studien verstanden: Die anderen für sich selbst sprechen zu lassen, ist auch nur eine Machttechnik des weissen Herrschers. Er tut so, als sei er gar nicht da – dabei repräsentiert er die Stimme jener, die sonst keine haben. Allerdings, irgendwie muss der Beobachter ja das unübersichtlich Fremde zum Sprechen bringen. Er lässt es also teilhaben an der Repräsentation seiner selbst.

So entstehen dann Filme wie «American Honey». Oder wie «Tanna», der ab nächster Woche in den Kinos läuft. Die zwei australischen Dokumentarfilmregisseure Martin Butler und Bentley Dean flogen auf die Südseeinsel Tanna, um mit Dorfbewohnern ein Drama zu drehen. Gemeinsam entwickelten sie eine Geschichte über eine verbotene Liebe zwischen einer Frau und einem Mann von zwei verfeindeten Stämmen. Wawa verliebt sich in Dain, sie setzt sich über eine arrangierte Ehe hinweg und flüchtet mit ihm zum Vulkankrater. Häuptlinge spielen Häuptlinge, Frieden wird per Gabentausch geschlossen, es geht um Erblinien und Beschwörungsformeln, und die Männer tragen Penisschürzen und die Frauen oben meistens nichts.

Offizieller «Tanna»-Trailer. (Quelle: Youtube)

Man kann im Netz ein «Tanna Adventure Package» buchen, da ist eine Tour durch die Hütten der Indigenen dabei. Es ist günstiger, sich diesen Film anzusehen, denn seine überscharfe Digital­ästhetik vermittelt auch keinen schlechten Eindruck vom Inselparadies. Die Kamera nimmt orgiastische Bilder von Vulkanausbrüchen oder vom Dschungelgrün auf. So stilisiert der neue Tribalismus die ekstatische Verbundenheit mit dem, was einen umgibt – was dieses Kino vormacht, findet auf pervertierte Art eine politische Entsprechung: in den Intensitäten des nationalen Gefühls.

Dass die Insel Tanna jahrzehntelang unter britisch-französischer Herrschaft stand, wird im Film allerdings kaum thematisiert. Da verlängert das neue exotische Kino den Kolonialismus einfach in die Fiktion: Von der Vermischung von Dokumentarischem und Fiktivem erhoffen sich Filme wie «American Honey» oder «Tanna», das andere angemessen zu repräsentieren. Denn wo die Bevöl­kerung am Drehbuch beteiligt ist, trägt sie nicht nur zur Glaubwürdigkeit der Alltagsdarstellung bei, sondern auch zu den Erfindungen der Geschichte. In «Tanna» erinnern sie an «Romeo & Julia», beruhen aber auf tatsächlichen Erlebnissen der Dorfbewohner. Doch auch solche einheimische Imaginationen führen in eine Naturfantastik, die sehr viel mehr mit westlichen Fiktionen zu tun hat – und vor der die Figuren eher für uns posieren, als dass sie an ihrer Welt teilhaben. Da bleibt eine Hierarchie des Blicks, die der Film unreflektiert lässt.

Man könnte die mühsame Sache einfach umdrehen. So wie Samantha Nell und Michael Wahrmann mit «The Beast», zu sehen kürzlich an den Kurzfilmtagen Winterthur: In einem Freilichtmuseum in Südafrika stellen Angestellte für Touristen das Leben der Zulu nach, als leibhaftige Vorführer der ärgsten Afrika­-Klischees. Ein Kriegerdarsteller hat dann aber genug, er spielt lieber Shakespeare-Stücke als diesen Quatsch, und so fällt er vor Zuschauern aus der Rolle und gibt den Shylock. Was er zurücklässt, ist das, was der neue Exotismus viel zu selten produziert: ein verstörtes Publikum.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.12.2016, 00:10 Uhr

Trailer: Beasts of the Southern Wild

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Das digitale Monatsabo Light für Leser.

Nutzen Sie den «Bund» digital im Web oder auf dem Smartphone. Für nur CHF 19.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Blogs

Outdoor Steil ist geil

Geldblog Wie Sie bei den Steuern besser fahren

Newsletter

Kurz, bündig, übersichtlich

Montag bis Samstag die besten Beiträge aus der «Bund»-Redaktion. Jetzt kostenlos abonnieren!

Die Welt in Bildern

Ganz entspannt: Mit Musik auf den Ohren lässt sich ein Mann an der Tattoo Convention in Montreux ein Bild auf den Oberarm stechen. (17. September 2017)
(Bild: Christian Merz) Mehr...