Die hoffnungslosen Fälle sind sein Fall

Der Regisseur Antej Farac, der seit 2009 in Biel lebt, hat mit Alkis und Junkies gedreht. «Annelie» ist einer der unschweizerischsten Schweizer Filme geworden.

Ein ziemlich abgerissener Abrisstrupp: der Laiencast im Film «Annelie».

Ein ziemlich abgerissener Abrisstrupp: der Laiencast im Film «Annelie». Bild: zvg

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Manchmal musste er ihnen die Szenen kurz vorspielen, weil sie mit einem Drehbuch nichts anfangen konnten. Denn einige der Darsteller, die der Regisseur Antej Farac für seinen Film gecastet hatte, waren Analphabeten. Und auch der Alkohol machte manchmal kleine Probleme: «Tagsüber ging es gut. Aber gegen Abend waren einige dann doch recht angetrunken», sagt Farac.

Die meisten Protagonisten des Films «Annelie» sind nicht professionelle Schauspieler. Sondern die Bewohner eines Münchner Heims für Obdachlose, Alkis, Junkies. «Die» Annelie, wie das Etablissement fast liebevoll genannt wird, war ursprünglich eine Pension. Als sie keine Gäste mehr hatte, quartierte die Stadt dort die hoffnungslosen Fälle ein.

Zwischen Fakt und Fiktion

Farac, der 1972 in Mostar geboren ist und seit 2009 in Biel lebt, wohnte jahrelang gleich gegenüber der Annelie. Und wusste lange nicht, ob er seine Nachbarn hassen oder lieben sollte. «Es gab dauernd Radau.» Allmählich lernte man sich aber kennen, Farac brachte mal eine alte Stereoanlage hinüber oder fand Abnehmer für einen ausgedienten Wintermantel. Das Interesse aneinander wuchs, Fotoarbeiten und eine Dokumentation über eine transsexuelle Annelie-Bewohnerin entstanden. So keimte die Idee, diese Verhältnisse in einem Film festzuhalten, doch: «Klassische Dokus über Armut gibts viele», sagt Farac. Er habe sein Publikum nicht schockieren, sondern das Mitgefühl auf eine spielerische Weise wecken wollen.

So schaukelt sein Low-Budget-Film nun eigenwillig zwischen Fakt und Fiktion: mit Darstellern, die sich selber spielen, und Geschichten, die auf deren Biografien fussen. Krumme Lebensläufe sind das, vom ausgedienten Playboy mit nur einem Lungenflügel bis zum Gute-Laune-Trinker, der sich den Sonntagsbraten schon mal im Zoo beschafft. «Annelie» fühlt sich an wie eine Mischung von Ulrich Seidls real existierenden Miseren und «Trainspotting» – und hat so gar nichts von der harmlosen Gemütlichkeit mancher Schweizer Spielfilme.

Biografisches Potpourri

Farac ist in einem kroatischen Küstenort aufgewachsen, sein Grossvater war als Leuchtturmbauer dort gelandet. Nach zwei Jahren an der Kunsthochschule in Sarajevo entschliesst sich Farac, der schon früh wusste, dass sein Weg zur Kunst führen würde, in München Film zu studieren. Auch wegen des Jugoslawien-Kriegs. «Ich habe mich nicht so involviert gefühlt in die Balkan-Frage», meint der Sohn eines kroatisch-koptischen Vaters und einer österreichisch-armenischen Mutter, der den deutschen Pass besitzt.

Fassbinder und Seidl: Das sind die filmischen Wegmarken für den Studenten, der auch als Techno-DJ arbeitet. Nach dem Studium dreht Farac Kinotrailer und Werbeclips, zusammen mit seiner Schweizer Partnerin. Doch als die Krise Deutschland in Beschlag nimmt, zieht das Paar nach Biel und gründet die Agentur El patrol – mehr als eine Werbeagentur, wie Farac sagt. Die Projekte, künstlerische und kommerzielle, werden nach sozialen und ökologischen Kriterien ausgesucht. Weil Farac genug hat von den «sinnlosen Plastikprodukten» aus seiner Münchner Zeit.

Eine Art soziale Plastik ist demgegenüber Faracs jüngster Film. Nicht zuletzt, weil der eine oder andere der ehemaligen Annelianer (der Ort ist mittlerweile Geschichte) durch die Filmarbeit den entscheidenden Kick bekommen hat, den Drogen Servus zu sagen. Andere landeten wieder auf der Strasse. Kompliziert seien die Dreharbeiten nicht gewesen, meint Farac im Rückblick, sondern im Gegenteil: sehr schön. Und das mit dem Alkohol habe man auch in den Griff bekommen. «Wir mussten nur den Zeitplan exakt einhalten.»

Jetzt brütet Farac, der sich mit seiner sperrigen Arbeit in der Schweizer Filmszene noch nicht besonders willkommen fühlt, an einer Dokumentation über koreanische Musik. Aber auch ein Film, der hier spielt, geistert in seinem Kopf herum. Mit Schauplatz Biel. Und auf Schweizerdeutsch. (Der Bund)

Erstellt: 20.06.2013, 13:51 Uhr

Im Kino:

In Bern im Kellerkino: Samstag, 22. Juni, und Dienstag, 25. Juni, jeweils 18.15 Uhr.

Trailer

Antej Farac.

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