Kultur

«Die Welt dreht sich nicht nur zum Schlechten»

Das 3. Norient-Musikfilmfestival blickt hinter die Kulissen des schönen Weltmusik-Scheins. Co-Organisator Thomas Burkhalter erzählt, ob die Musik noch zum Protest taugt – und wo es derzeit noch besonders spannende Musik zu entdecken gibt.

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Es wird beklagt, dass die jüngsten Revolutionen der Welt ohne Musik ausgekommen sind. Mit dem Motto Ihrer Musikfilmfestivals «Parodie, Tanz und Sex: Andere Formen des Protests» legen Sie nahe, dass die Musik als Mittel zum Protest doch noch nicht ausgedient hat.
Das trifft besonders auf die Kulturen ausserhalb Europas und Amerikas zu. In der arabischen Welt haben die Musikerinnen und Musiker sehr wohl eine wichtige Rolle gespielt. Hip-Hopper haben, sei es mit Mixtapes oder eigenen Produktionen, einen Soundtrack zur Revolution geliefert. Zudem gab es eine sub-kulturelle Szene, deren Protest unterschwelliger war. Künstler in der arabischen Welt sangen nicht direkt, wie schlecht ihre Diktatoren sind, sondern machten Parodien auf sie und schlüpften so durch die Netze der Zensur. In unserem Filmfestival fokussieren wir vornehmlich auf diese Art des Protests. Auf Künstler wie die Fokn Bois aus Ghana, die in ihrem jüngsten Track uns Europäern sämtliche Klischees und Rollen, die wir den Afrikanern gerne zuteilen, in einer bitterbös-selbstironischen Karikatur um die Ohren hauen.

Hat Ihr Festival eine Botschaft, ein Anliegen?
Es geht darum, spannende Musik zu finden und überraschende Phänomene zu ergründen. Es geht uns auch darum, aufzuzeigen, dass sich diese Welt nicht in allen Bereichen zum Schlechten wendet. Ich denke, dass die Musikkultur zwar nicht vielfältiger ist, dass diese Vielfalt jedoch besser zugänglich ist als je zuvor.

Gibt es auch einen moralischen Anspruch?
Wir nähern uns den Themen ohne vorschnelle Wertung. Wir verstehen uns aber nicht als Kulturrelativisten. Wir lassen jeweils Experten kritische Texte zu den Filmen verfassen oder laden die Regisseure ein, über ihre Filme zu diskutieren.

Aus wie vielen Filmen haben Sie letztlich ausgewählt? Ist die Musikfilmindustrie produktiv?
Es werden jedes Jahr mehr. Der DVD-Stapel reichte heuer etwa bis zur Hüfte. Doch von einer Industrie kann man nicht sprechen. Der Anteil der Filme, die über europäische oder amerikanische Produzenten herausgebracht werden, macht nur etwa die Hälfte aus. Es gibt viele unabhängige Filme, die wir über unsere Netzwerke oder über gute Beziehungen entdeckt haben. Viele davon sind Low-Budget-Produktionen von irgendwelchen Nerds, die sich in ein Thema verbissen haben, andere kommen eher aus dem Kunstbereich. Es ist ein weites Feld.

Was kann ein guter Musikfilm leisten? Kann er die Welt erklären?
Schon die Musik an sich kann dies leisten. Allein wie sie produziert wird, welche Vertriebsformen benutzt werden, sagt viel über die Realitäten aus, in denen sich Künstler bewegen. Filmisch gibt es kein generelles Rezept. Im Idealfall kommt ein Film nahe an ein Phänomen und seine Protagonisten heran und entlockt diesen mehr als die naheliegendsten Antworten.

Sie betreiben die Internetplattform Norient, eine Art Orientierungshilfe für Musiktrends aus aller Welt. Was ist das Spannendste, das Sie in letzter Zeit aufgespürt haben?
Ich finde die ganzen Bounce-Sachen aus New Orleans sehr spannend, ausserdem interessiert mich, wie das Global-Ghetto-Dance-Phänomen sich weiterentwickelt. Derzeit arbeite ich mit dem Label Sub Rosa an einer Zusammenstellung über experimentelle Musik aus der arabischen Welt. (Der Bund)

Erstellt: 12.01.2012, 07:36 Uhr

Norient-Macher Thomas Burkhalter.

Das Programm

Ein «Pidgin-Hip-Hop-Comedy-Musical» sei «Coz Ov Moni», schreiben die Macher. Doch der Film der Fokn Bois aus Ghana ist vielmehr ein ausufernder Videoclip, der sich in seinen besten Momenten anfühlt wie ein intensiver Fiebertraum. Die Fokn Bois (siehe Haupttext) rappen in ihrem harten Patois über aparten Retro-Samples, laufen durch schmutzige Strassen, schäkern und betrügen, bis sie selber die Betrogenen sind (So, 20.30, Turnhalle Progr).

Die lockere Selbstironie der Fokn Bois passt gut zum Motto «Parodie, Tanz und Sex: Andere Formen des Protests» des dritten Norient-Musikfilm-Festivals. Die Filme aus aller Welt führen vor, wie Kulturen und Mentalitäten aufeinanderprallen: etwa in «The Shukar Collective Project» (Fr, 22 Uhr Reitschule-Kino), in dem eine Band aus rumänischen DJs und mit Löffeln trommelnden Roma allmählich implodiert. Oder im Dokfilm «Polyphonia», der eine albanische Bergregion zeigt, wo jahrhundertealte Gesänge die Jugendlichen nicht mehr begeistern können (Fr, 20 Uhr, Reitschule-Kino). «Zombies» seien die Jungen, die zu Dancehall tanzen, meint eine amerikanische Touristin in «Hit Me With Music». Der Dokfilm rollt die Widersprüche des jamaikanischen Dancehalls zwischen übersexualisierter Gewaltverherrlichung und verbindender Musik- und Tanzkultur der Armen auf (Sa, 21.30 Uhr, Reitschule-Kino). Einen besonders eindrücklichen Einblick in eine klischeebeladene Kultursparte bietet «At Night They Dance», ein kanadischer Dokfilm über die Bauchtanzszene Kairos. Nichts ist da mit orientalischer Sinnlichkeit, hier herrscht blosse Tristesse, wenn junge Mädchen wie eine Ware von Hochzeitsfest zu Hochzeitsfest gekarrt werden, wo sie – als einzige Frauen – mit abgelöschten Gesichtern ihre Hüften kreisen lassen. So eingeschnürt ihre Rundungen in glitzrigen Ramsch-Kleidchen sind, so korsettiert sind auch die Möglichkeiten im Leben dieser jungen Frauen. (reg)

www.norient.com

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