Die Gang der Film-Masochisten

Was sind «richtig schön schlechte Filme»? Die Kultmoviegang feiert ihr zweijähriges Bestehen und zeigt mit «The Room» ein cineastisches Erlebnis der komplett anderen Art.

Bei ihm darf man Rugbybälle und Plastiklöffel durch den Kinosaal werfen: Ronny Kupferschmid.

Bei ihm darf man Rugbybälle und Plastiklöffel durch den Kinosaal werfen: Ronny Kupferschmid. Bild: Franziska Rothenbühler

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«Wir machen dieses Wochenende einen Filmmarathon. Das heisst, wir schauen bei mir zu Hause 36 Stunden lang richtig schön schlechte Filme.» Willkommen in der Welt von Ronny Kupferschmid, seines Zeichens Cineast mit Vorliebe für filmische Erzeugnisse zweifelhafter Qualität.

Er sei ein Kind der Neunzigerjahre und habe schon damals eine Unmenge schlechter Filme auf VHS-Kassetten geschaut. Die Liebe zum Schund sei geblieben, weswegen der 39-jährige mit Gleichgesinnten die Kultmoviegang ins Leben gerufen hat, ein Kollektiv von Filmliebhabern mit Affinität zu Trash- und B-Movies.

Gute schlechte Filme

Besagtes Kollektiv bewirtschaftet einerseits einen «Blog für Filmmasochisten», wo Leinwandverbrechen humorvoll rezensiert werden, und veranstaltet seit zwei Jahren auch öffentliche Aufführungen in Kinos. Die Titel der Œuvres, die bis anhin gezeigt wurden, sprechen für sich: «Samurai Cop», «Troll 2», «Shark Attack 3» und natürlich die Mutter aller Trashfilme, «Plan 9 from Outer Space».

Bei den Filmmarathons bei ihm zu Hause sei klar geworden, dass es doch viel unterhaltsamer sei, wenn man schlechte Streifen nicht alleine, sondern mit Gleichgesinnten schaue. Und weil in diesem Fall mehr ganz klar besser sei, zeigt die Kultmoviegang im Rhythmus von zwei Monaten filmische Freveltaten auch auf richtig grosser Kinoleinwand. Bloss, wann ist denn ein schlechter Film gut schlecht und wann einfach nur schlecht? «Der Film darf nicht langweilig sein, sondern muss unterhalten, und ist dann gut schlecht, wenn die Macher viel Leidenschaft und Passion reingesteckt haben, aber eigentlich völlig talentfrei sind», sagt Kupferschmid.

Jenes Werk, das die Kultmoviegang für ihre zehnte öffentliche Vorführung gewählt hat, ist nach Kupferschmids Definition ein Paradebeispiel eines guten schlechten Films. Gezeigt wird nämlich «The Room» (2003), ein Drama, das eine tragische Dreiecksgeschichte abhandelt. Dabei hat ein Herr namens Tommy ­Wiseau nicht nur das Drehbuch verfasst, sondern auch die Regie, die Produktionsleitung und auch noch gleich die Hauptrolle übernommen, obwohl er weder schauspielern kann noch weiss, wie man Regie führt oder eine Kamera hält. «The Room» strotzt somit vor absurden Dialogen, zusammenhanglosen Nebenhandlungssträngen, dramaturgischen und technischen Logikfehlern, und auch die schauspielerischen Leistungen sind durchs Band grottenschlecht.

Mitschreien erwünscht

Diese Fülle an Unzulänglichkeiten verleiht dem Drama eine unfreiwillige Komik, weswegen es in einschlägigen Kreisen zum Kultfilm avanciert ist und bei Vorführungen in den Staaten Tausende Trashliebhaber in die Kinosäle lockt. Schlechte Filme hätten doch einfach unglaublichen Charme, erklärt Kupferschmid das Phänomen. Ihm persönlich gehe es nicht darum, sich einfach nur schnöde über filmische Desaster lustig zu machen: Er habe grössten Respekt vor dem Elan der Macher, und mit der öffentlichen Vorführung huldige er diesen ja auch ein Stück weit.

Die Filmvorführungen der Kult­movie­gang sind definitiv nicht für Cinephile gedacht, die sich gerne in Ruhe in ein filmisches Erzeugnis vertiefen. Wer sich im Kino aufregt, wenn der Nachbar Popcorn isst, dem müsste bei der Vorführung von «The Room» allenfalls ein Defibrillator zur Seite gestellt werden. Mitreden und mitschreien sei explizit erwünscht bei ihren Filmvorführungen, sagt Kupferschmid und grinst. Bei «The Room» würden zudem Rugbybälle und Löffel aus Plastik zur Verfügung gestellt, die durch den Saal geworfen werden dürften. Ausserdem würden Blätter mit den Songtexten der unsäglichen Liebesschnulzen des Films in Umlauf gebracht, damit man denn auch lauthals mitsingen könne.

Die Vorführungen seien ganz klar als Kontrastprogramm zum normalen Kinoerlebnis gedacht, sagt Kupferschmid. «Filmschauen ist bei uns nicht als subjektive Erfahrung angelegt, sondern soll zum Kollektiverlebnis werden. Wir wollen eine Gang sein!»

«The Room»: diesen Freitag, 20.45 Uhr, Kino Club, Bern (Der Bund)

Erstellt: 01.12.2016, 09:12 Uhr

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