Den Verrückten bleibt die Ehre

Der Regisseur Terry Gilliam hat sein altes Don-Quichotte-Projekt doch noch verwirklicht. Die lange Vorgeschichte des Scheiterns ist allerdings spannender als der fertige Film.

Edles Gemüt, blutig geschlagen: Jonathan Pryce (rechts) als Don Quichotte, hier mit Adam Driver als besorgtem Sidekick. Foto: Diego Lopez Calvin

Edles Gemüt, blutig geschlagen: Jonathan Pryce (rechts) als Don Quichotte, hier mit Adam Driver als besorgtem Sidekick. Foto: Diego Lopez Calvin

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Das Erste, was man von Terry Gilliams Spielfilm «The Man Who Killed Don Quixote» sagen muss (und das Beste, was man sagen kann), ist dies: Dass er zustande kam, doch noch, nach 28 Jahren, die Planungszeit eingerechnet, ist ein Sieg eines verrückten Jetzt-erst-recht über den Wirklichkeitssinn. Der grosse Leichnam dieses Projekts war ja schon begraben und alle Hoffnung tot. Der Helm des traurigen Ritters Don Quichotte de la Mancha war in eine Kartonschachtel verpackt worden, er glich einem verbeulten Rasierbecken.

Aus einem Phantasma war ein Versicherungsfall geworden, und am offenen Grab einer zerzausten ­Illusion hatte der Regisseur Gilliam, innerlich ergraut, eine Trauer­rede gehalten und gesagt, manche Filme blieben besser im Kopf und sollten sich nicht mit der Realität anlegen. Er war sozu­sagen zur Vernunft gekommen. Es war ein Elend.

Hagelschlag und Prostata

Seinerzeit, im Jahr 2000, haben die Regisseure Keith Fulton und Louis Pepe dieses Verenden eines Traums dokumentiert, ihr Film hiess dann «Lost in La Mancha», und sie hatten sich das alles nicht so gedacht. Mehr als die Geschichte einer Katastrophe war nicht übrig geblieben von der Idee, den quichottehaften Charakter Gilliams mit dem Making-of eines Quichotte-Films zu feiern. Nur kurz, damit man eine Vorstellung hat von der Wucht des Unglücks: Es sei gewesen, sagt darin jemand, als wäre «The Wizard of Oz» auf «King Lear» getroffen («Blast, Winde, sprengt die Backen! Wütet! Blast! / Ihr Katarakt’ und Wolkenbrüche speit, / Bis ihr die Türm ersäuft, die Hähn ertränkt!»).

Die spanische Luftwaffe und der Hagelschlag heulten über dem Set, der Regen machte aus der Mancha Morast; und nicht zu reden von der wehen Prostata und der Bandscheibe des Hauptdarstellers Jean Rochefort. Es war an das Besteigen einer Rosinante nicht zu denken.

Der Stecker wurde rasch gezogen damals. Aber in Terry Gilliam hat der Film weitergeglüht; Seelenruhe (wenn es bei ihm so etwas gibt) war erst, als «The Man Who Killed Don Quixote» dieses Jahr in Cannes gelaufen war. Und da steht man nun und hat das Geschenk, wie man so schön sagt. Denn man gönnt dem Gilliam seinen Film und denkt sich doch: Der Leichnam wäre besser begraben geblieben, das Werk hätte weiterhin gut gelebt als ein Gerücht von Genialität. Was wir jetzt haben, ist ein lebendes Totes. Eine Vortäuschung von Rebellion des Märchenhaften gegen den industriellen Realismus. Alles nur klapperndes Gebein.

Gilliams Vision stösst den Werbefilmer Toby (Johnny Depp sollte ihn spielen, nun ist es Adam Driver) irgendwie ins 17. Jahrhundert des Miguel de Cervantes und des Quichotte-Romans und von dort ins angelesene Mittelalter des Don Quichotte, wo er, Toby, zu Sancho Pansa wird. Aber ganz entkommen der Ritter und der Werber der jetzt herrschenden Gegenwart und ihrem Dreck nicht.

Also ein Wirrwarr der Zeiten und Wahrnehmungen, damit hat es ja schon seine Richtigkeit im Geist des Cervantes. Die Geschichte, die man eigentlich gar nicht zusammenfassen kann, geht etwa so: Gleich zu Beginn lässt Toby einen Quichotte sehr dynamisch gegen eine Windmühle anrennen, zu Werbezwecken, wenn wirs richtig verstanden haben, jedenfalls im Dienst eines launischen Bosses (Stellan Skarsgård). Da hängt dann so ein strampelndes Rittergestältchen an einem Mühlenflügel. Das Bild, scheints, stieg aus dem Unterbewusstsein ins Werbefilmlicht, und es rührt in Toby Vergangenes auf, Erinnerungen an Zeiten der Reinheit sozusagen, in denen er als Student tatsächlich einmal einen Quichotte-Film drehte: «The Man Who Killed Don Quixote» eben, mit Laiendarstellern aus einem spanischen Dorf. Der Film, lang verschwunden, fast vergessen, findet wieder zu ihm (Magie des Kinos!).

Weitere Recherchen ergeben: Es hat ein Mädchen Schaden genommen, weil ihm nach dem ­Filmen das Dorf nicht mehr gut genug war. Ein Schuhmacher ist ganz zum Quichotte geworden, den er doch nur spielen sollte. Und plötzlich, im Tumult einer zerspringenden Wirklichkeit, findet Toby sich wieder, wie er auf einem Esel hinter einem Gerippe von Ritter herzottelt, und seine Welt erreicht einen Zustand, in dem auch er nicht mehr weiss, ob Schafe noch Schafe sind oder doch schon Gelehrte. Und das endet – wirklich, aber sicher kann man da nicht sein – auf dem Schloss eines russischen Wodkaproduzenten, wo die Macht und das Geld die Träume demütigen und nur die Verrückten noch Ehre haben.

Ein grosses Solo

Es wurde gewiss alles wohl bedacht. Aber es hob nicht ab und wurde nicht leicht. Es kommt einem vor, Terry Gilliam trüge sein Justament gravitätisch wie eine Monstranz vor sich her. Als eine herbeigetrötzelte und herbeigetäubelte poetische Botschaft und als Behauptung einer skurrilen, makaberen, versponnenen Wahrhaftigkeit.

Bleiben wir aber versöhnlich: Es sind ein paar Schönheits­explosionen in märchenhaftem Licht gelungen. Ein silberglänzender Zweikampf, wo Rittertum ganz unironisch wird. Ein paar Masken- und Fratzenspiele, als wären sie von James Ensor gemalt. Und natürlich: Da ist der Schauspieler Jonathan Pryce als Don Quichotte, hinreissend eingesponnen in den Kokon seiner Ritterlichkeit, entflammbar und eitel, wenn eine Frau ihn nur anschaut, hochmütig und ein ­wenig gefährlich in seiner Illusion; der feinste, anständigste Wahnsinnige, den man sich vorstellen kann. Ein grosses Solo.

Man fragt sich dann schon: Was wäre rund um so eine prächtige Figur geworden, als die Fantasie noch frisch war, und wenn nicht «The Wizard of Oz» auf «King Lear» getroffen wäre?

Ab morgen Donnerstag im Kino. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.09.2018, 18:16 Uhr

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