«Den ‹Bund›-Geist gibt es noch»

In den nächsten Wochen sucht ein Kamerateam die «Bund»-Redaktion heim: Der Berner Dieter Fahrer dreht einen Dokumentarfilm über Schweizer Medien.

«Der ‹Bund› prägte das Grundgefühl meiner Jugend»: Dieter Fahrer (links) beim Vordreh mit seinen Eltern Margrit und Ernst Fahrer im Domicil Egelmoos.

«Der ‹Bund› prägte das Grundgefühl meiner Jugend»: Dieter Fahrer (links) beim Vordreh mit seinen Eltern Margrit und Ernst Fahrer im Domicil Egelmoos. Bild: Mira Fahrer

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Bei Ihrem letzten Film «Thorberg» haben Sie es geschafft, den Schlüssel zur Strafanstalt zu bekommen. Ihren neuen Dokumentarfilm ?drehen Sie unter anderem bei uns auf der «Bund»-Redaktion. Was hat es gebraucht, um hier den Schlüssel zu erhalten?
Den Badge zum Medienhaus bekam ich erstaunlich schnell. Nicht nur beim «Bund», auch beim Verlagshaus Tamedia zeigte man Offenheit und Interesse für mein Projekt.

Lassen sich Journalisten denn gerne über die Schulter blicken?
Nun, die Branche ist in Bewegung, es sind enorme Umwälzungen im Gang, und es wird so weitergehen, auch bei Tamedia. Daher gab es durchaus auch Skepsis und eine gesunde Portion Misstrauen. Schliesslich habe ich es mit Journalistinnen und Journalisten zu tun, Leuten, die es gewohnt sind, kritische Fragen zu stellen, und die wissen, was Medien können. Es gab innerhalb der Belegschaft allerdings niemanden, der auf keinen Fall im Film vorkommen will.

Der Film soll «Die vierte Gewalt» heissen. Was war der Auslöser für das Projekt?
Als meine Eltern ins Altersheim gezogen sind, haben wir die Wohnung geräumt, und am Schluss sass ich in diesen leeren Räumen und mir wurde bewusst, wie wahnsinnig sich die Welt in den wenigen Jahrzehnten verändert hat, seit ich lebe. Gerade auch die Medien. Ich bin ohne Fernseher aufgewachsen, hie und da lief das Radio. Die Konstante war die Zeitung «Der Bund», die immer auf dem Stubentisch lag und die die Eltern immer lasen. Für uns Buben hat Information noch keine grosse Rolle gespielt. Wir waren sozusagen verschont vom Weltgeschehen. Und doch gab es diesen «Bund», in dem die Wahrheit zu stecken schien und der einem eine Haltung der Welt gegenüber vermittelte. Das prägte das Grundgefühl meiner Jugend. Nun, als ich in der leeren Wohnung sass, spürte ich, dass dieses Grundgefühl passé war. Und dass ich das filmisch ergründen wollte.

Sie gehen dabei also von sich selber aus?
Ich habe ja den «Bund» seit langem abonniert, und auch meine Eltern lesen ihn immer noch täglich. Gleichzeitig bin ich mehr und mehr in die digitale Welt hineingewachsen. Und über meine Tochter bekomme ich mit, wie die Digital Natives das Digitale nutzen – für sie ist alles gratis, Musik, Filme, Information. Da ist ein grosser Bewusstseinswandel passiert. Wie lange wird es noch Leute geben, die bereit sind, für guten Journalismus zu zahlen? Den Dokumentarfilmern geht es ähnlich, jemand hat einmal geschrieben, wir seien alle im Bereich der Seniorenunterhaltung tätig. Ich möchte im Film fragen, wie dieser Wandel eine Zeitung prägt, im Speziellen ein Blatt, das ich ein Leben lang kenne und bei dem ich stets das Bemühen spürte, dass man im immer reissenderen Strom von Informationen auf Relevanz, Vertiefung und Orientierung setzt.

Hat sich dieser Eindruck dann beim ersten Blick hinter die Kulissen bestätigt?
Ja, diese Qualitäten sind noch vorhanden. Obwohl sich auch der «Bund» grundlegend verändert hat – durch die enge Verbindung zum «Tages-Anzeiger» und mit dem Erstarken der Online-Medien. Auch der «Bund» kann dem Kampf um Klicks und Aufmerksamkeit nicht ausweichen, was sich darin zeigt, dass man beim Tempo der Berichterstattung zulegt oder Online-Artikel reisserischer antextet als noch vor ein paar Jahren. Dieses Ringen um Aufmerksamkeit betrifft die ganze Branche. Schliesslich werden ja nicht nur Leser, Zuhörer und Zuschauer umworben, sondern mehr und mehr auch User mit ihren Userdaten. Das ist nicht zuletzt für ein Haus wie Tamedia ein interessantes Geschäft, das nicht nur publizistisch tätig ist, sondern auch Online-Portale wie Ricardo oder Homegate besitzt.

Erzählen Sie den Film also aus der Perspektive des besorgten Medienkonsumenten?
Bisher war ich als Autor selber nie präsent in meinen Filmen. Nun wird das anders, es gibt die biografische Rahmengeschichte, ich trete als Fragender auf, und ich reflektiere auch als Medienkonsument, was das alles bei mir auslöst. Das ist in diesem Film unumgänglich. Aber verstehen Sie mich nicht falsch: Die Online-Welt ist nicht per se schlecht, es gibt Grossartiges und Unverzichtbares, gerade auch im Informationsbereich. Allerdings stelle ich fest, dass die Publikationen, die ein Massenpublikum ansprechen, ganz stark Emotionen, Aggressionen und Ängste bewirtschaften. Und dass sie Dramen, die auf der Welt passieren, grösser machen, als sie vielleicht sind. Muss ein Ereignis wie das Attentat von München während Stunden und Tagen über einen Live-Ticker als News-Show aufbereitet werden? Da verkommt Journalismus zu Infotainment.

Aber auch so genannte Qualitätsmedien kommen nicht um eine schnelle Berichterstattung herum.
Ja, auch sie spüren den Druck, dass alle immer sofort informiert sein wollen. Das ist eine Ambivalenz, mit der Journalisten heute umgehen müssen. Darüber hinaus gibt es auch noch die «fünfte Gewalt», die Medienkonsumenten, die über Twitter oder Facebook selber zu Publizisten werden. Hier möchte ich auch im Film ansetzen und fragen: Was ist die journalistische Basis heute? Wie geht man mit Fakten um? Können Fakten die Welt erschliessen? Und was ist die journalistische Haltung, auf die sich viele Medienschaffende berufen?

Sehen Sie die Vermittlung von politischen Inhalten, den demokratischen Diskurs gefährdet?
Ich glaube tatsächlich, dass eine gewisse Gelassenheit im Umgang mit dem Weltgeschehen verschwinden könnte. Oder eine tiefer gehende Reflexion. Kürzlich gab es eine Umfrage über das politische Vertrauen der Bevölkerung. Dabei schnitten einerseits die Medien, andererseits die Politiker schlecht ab. Warum gerade diese beiden? Ich glaube, das hängt zusammen: Leser und Wähler merken, wenn man nur Klicks oder Wählerstimmen holen will. Bei Medien wie Politikern sind Vertrauen und Glaubwürdigkeit zentral, und das wird teilweise aufs Spiel gesetzt.

Das Konzept Ihres Films hat sich stark verändert im Verlauf der Recherche. Weshalb?
Bei meinen ersten Besuchen auf der «Bund»-Redaktion wurden mir zwei Dinge gesagt: Erstens, dass ich zu spät komme, weil der «Bund» keine wirtschaftlich selbstständige Zeitung mehr sei. Das mag sein, aber den «Bund»-Geist gibt es immer noch: das Bekenntnis, dass guter Journalismus Zeit braucht und Nähe zu den Menschen. Das gibt es hier nach wie vor. Und zweitens kam auch die Frage, was ich denn hier überhaupt filmen wolle.

In der Tat scheint der Büromief ?auf einer Redaktion filmisch nicht gerade attraktiv.
Für den Zuschauer kann es extrem spannend sein, die Menschen hinter den News kennenzulernen. Und es gibt ja noch jene Journalisten, die nach draussen gehen, zu den Leuten in der Region oder ins Bundeshaus. Aber es ist nicht von der Hand zu weisen, dass vieles nur in den Köpfen passiert. Nicht zuletzt deswegen habe ich mich entschlossen, zwei weitere Medien einzubeziehen – einerseits die Radiosendung «Echo der Zeit», die mich auch seit meiner Jugend begleitet, andererseits das Newsportal Watson. Das sind Medien, die ganz anders funktionieren: auf der einen Seite das Radio, gebührenfinanziert und viel weniger schreierisch als andere Medien, auf der anderen Watson, rein werbefinanziert und ein Nachrichtenportal mit vielen Unterhaltungselementen, das eine ganz andere Kundschaft hat. Der klassische Watson-User sei eine Userin, habe Matur, Migrationshintergrund und Tattoos, heisst es auf der Webseite. Auch die Belegschaft ist viel weniger homogen als beim «Bund» und beim Radio. Da tun sich filmische Möglichkeiten auf.

Worauf machen Sie sich bei den Dreharbeiten gefasst?
Wir müssen, wie die Redaktionen auch, offen sein für Unvorhergesehenes und bereit, den Drehplan auch einmal über den Haufen zu werfen. Es könnte auch sein, dass es während des Drehs zu zukunftsweisenden Entscheidungen kommt. So dürfte im Herbst die Debatte um die No-Billag-Initiative und das Thema Service public losgehen.

Die Freiheit, die Sie beim Filmdreh auf dem Thorberg hatten, war gross. Es gab keine Zensur, und Sie konnten alles, was Sie drehten, verwenden. Könnte das hier schwieriger werden?
Meine bisherigen Arbeiten zeigen, dass ich nicht auf den billigen Effekt ziele. Daher geniesse ich einen Vertrauensvorschuss. Zudem kann ich als Kinofilmer gut mit offenen Fragen leben. Ich muss, im Gegensatz zu Journalisten, nicht unbedingt Antworten liefern. Der Kinoraum lebt gut mit Fragen. (Der Bund)

Erstellt: 01.09.2016, 10:02 Uhr

Regisseur und Produzent

Von September bis Dezember sind die Dreharbeiten für ?«Die vierte Gewalt» angesetzt, Dieter Fahrers neusten Film, in dem er Medienschaffende des «Bund», der Radiosendung «Echo der Zeit» und des Newsportals Watson begleitet und über den Wandel des Journalismus nachdenkt. Der 1958 geborene Berner Regisseur, Kameramann und Produzent ist als Autor von einfühlsam erzählten, zeitaufwendigen Dokumentarfilmen bekannt. So näherte er sich in «Thorberg» (2012) dem Thema Strafvollzug, für die Altersheimstudie «Que sera?» erhielt Fahrer 2004 den Berner Filmpreis. Als Produzent trat Fahrer etwa bei Simon Baumanns «Zum Beispiel Suberg» in Erscheinung. (reg)

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