Kultur

Das Monsterprojekt

Es ist der wohl teuerste Film, der von Bern aus je gestemmt wurde: Ted Sieger zeichnet zurzeit an «Molly Monster, the Movie». Das Fazit eines Atelierbesuchs: Gute Einfälle können auch leicht kommen, Kinder ein schwieriges Publikum sein – und Kamele schwerelos.

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Um ein Haar wäre man über sie gestolpert. Zwei Spielzeug-Dinosaurier. Wie neugierige Haustiere stehen sie auf dem Fussboden, ein Empfangskomitee in Plastik. Sie scheinen, kaum hat man einen Fuss in Ted Siegers Atelier gesetzt, das Klischee zu bestätigen, dass Animationsfilmer einen Hang zum Spielerischen haben. Zwei Stunden später ist klar: Wenn Ted Sieger spricht, ist tatsächlich häufig von Spass die Rede. Aber mindestens ebenso oft von unglaublich viel Arbeit.

Spass und Arbeit, das Leichte und das Schwere, das locker Hingeworfene und das Mühevolle – sie gehen in den Arbeiten des Berner Filmers und Zeichners eine heitere Allianz ein. Davon zeugen einerseits die vielen feinen Skizzen auf dünnem Papier, die wie filigrane Wäschestücke an Fäden aufgehängt sind. Und andererseits die unzähligen Schachteln, die sich in Reih und Glied unter einem Tisch ducken. In ihnen ruhen die federleichten Zeichnungen kiloschwer.

In den Kartons steckt das aktuelle Grossprojekt des 56-Jährigen, ja, man darf sagen: Monsterprojekt. Sieger arbeitet an seinem ersten Langfilm, und dessen Star ist Molly Monster. «Eine komische gelbe Figur», umschreibt sie Sieger, mit dünnen Beinchen, ein wenig kratzbürstig und doch äusserst liebenswert. Im Jahr 2000 erschien Siegers Monsterkind erstmals in einem Bilderbuch, später war es der Star in einer TV-Serie – und demnächst also in einem international produzierten Langfilm. Im Fernsehen spricht Molly 15 Sprachen (darunter Schwedisch und Rätoromanisch) und entzückt Vier- bis Sechsjährige rund um den Globus. «Monsterland ist eine heile Welt im besten Sinn», sagt Sieger, Vater von zwei Kindern und mittlerweile auch Grossvater. Siegers Geschichten sind radikal – radikal gewaltfrei. Und tröstlich. In «Molly Monster, the Movie» gibt es nicht einmal einen Gegenspieler. «Gar nicht einfach, auf diese Art die Kinder – und die Erwachsenen – während 80 Minuten zu fesseln», gesteht Sieger. Wie er dieses Problem löst?

Reise zur Ei-Insel

Die Geschichte ist so simpel wie für das Zielpublikum existenziell: Molly bekommt im Film ein Geschwisterchen, und der Clou ist, dass Sieger daraus ein Roadmovie macht. Denn Mollys Eltern fahren ohne sie zur Ei-Insel, und die Kleine macht sich auf, sie zu suchen. «Die Botschaft des Films klingt banal, ist aber grundlegend: Liebe macht dich stark», so Sieger. Den Kitsch versucht er durch eine gute Dosis Skurrilität zu vermeiden, die Moral durch einen ihm eigenen, liebevollen Unernst, und als Expertin zieht Sieger auch schon mal seine vierjährige Enkelin bei. Auf Augenhöhe mit seinem Zielpublikum zu bleiben, macht dem Mann, der ebenso entspannt wie entschlossen über seine Lesebrille blickt, überhaupt keine Mühe: «Es gibt kein Publikum, das schwieriger ist. Aber es liegt mir: Ich muss mich nicht verbiegen.»

Woher seine Ideen kommen, wie auch jüngst für den 7-minütigen Animationsfilm «The Smortlybacks» mit betörend surrealen, ballonartigen rosaroten Elefantenwesen, kann Sieger nicht sagen. «Aber wichtig ist: Man muss zu seinen Ideen Sorge tragen. Und man darf sie nicht von einem Produzenten verbiegen lassen.» Deshalb produziert Sieger seine Filme mittlerweile wieder selber. Auch wenn so zum Berg an kreativer Arbeit noch das Administrative kommt.

Doch die Finanzierung von «Molly Monster, the Movie» gestaltete sich erfreulich geschmeidig – beachtliche 6 Millionen Franken beträgt das Budget, wovon fast die Hälfte aus der Schweiz stammt, unter anderem aus dem Kanton Bern. Bescheiden mutet dagegen das Logis an, wo das Nervenzentrum dieser wohl teuersten Produktion sitzt, die von Bern aus je gestemmt wurde: eine unscheinbare, charmant ausgestattete Baracke irgendwo am Stadtrand. Von hier aus dirigiert Sieger ein Team von hundert Leuten, die in Deutschland, England oder Taiwan für den Film arbeiten. Taiwan? Dort sässen jene Animationsfachleute, die es in Europa nicht mehr und in der Schweiz nicht gebe, so Sieger. «Noch nicht.»

Denn viele junge Schweizer Animationsfilmer – darunter das Berner Yeti Collective – arbeiten am Film mit. Sieger hat sie an der Hochschule Luzern kennen gelernt, wo er Dozent für Animation ist. «Wir schaffen so Arbeitsplätze und bilden die Leute gleichzeitig konstant weiter aus, indem wir Know-how aus Deutschland, Schweden und Taiwan ins Land bringen.» Neben den Arbeiten am Bild wird auch die Musik komplett in der Schweiz hergestellt, zum grössten Teil mit denselben Berner Musikern, die schon an der Serie mitgearbeitet haben: «In der Zwischenzeit sind sie zu wahren Experten in Musik für Animation geworden», so Sieger.

Sieger selber ist ein klassischer Autodidakt, ausser der Matura hat er keinen Abschluss. Dafür einen Lebenslauf, in dem er Stationen als Fährmann, Strassenmusiker, Schiffsmaschinist oder Eierzähler auf einer Eierfarm aufführt. Und eine Kindheit auf drei Kontinenten. Geboren ist Sieger in Chile, der Vater ein nomadisch veranlagter Kaufmann, die Mutter Südamerikanerin. Spätere Stationen als Kind waren Peru, Australien und die Schweiz. Kein Wunder, dass es den 20-Jährigen nach dem Gymnasium in Aarau in die Welt hinauszog; auch, weil er viele Begabungen, aber keinen Plan hatte, was er damit anfangen sollte. Rockmusik? Schriftstellerei? Kunst? «Es war für mich wie eine Offenbarung, als ich den Animationsfilm entdeckte. Hier kam alles zusammen», erzählt Sieger.

Poetisch-skurriler Humor

Und so fing er an – mit einer Anleitung aus der Bibliothek und einer Super-8-Kamera. 1984 wurde Sieger in Bern sesshaft, und neben der Arbeit an Kurzfilmen zeichnete er Comics für den «Spick». Irgendwann beschloss er, «die Liga zu wechseln», wie er sagt. «Ich hatte zu viele Ideen und kam mit den kleinen Produktionen nicht vom Fleck.» So suchte er sich einen Produzenten in Deutschland, es entstand die Serie «Ted Sieger’s Wildlife», die in fast allen Ländern ausgestrahlt und sogar von der Unesco in Flüchtlingscamps gezeigt wurde – weil ihr poetisch-skurriler Humor überall verständlich war. Und auf Anklang stiess. «Das ist etwas vom Besten, was ich gemacht habe», sagt Sieger.

Mit «Wildlife» wurde Sieger zum Berner Filmemacher mit der grössten internationalen Reichweite. Kennen tut ihn hier dennoch kaum jemand. Stört ihn das? «Nein, nicht gross. Der Animationsfilm hat im Gegensatz zum Spielfilm eh keinen Glamour. Und Kinderanimation schon gar nicht.» Um Eitelkeiten geht es in Siegers Genre sowieso kaum: «Ich arbeite im Grunde in einer Industrie, nicht im Kunstbereich. An einer Serie zu arbeiten, fühlt sich an wie Fabrikarbeit: Die einzelnen Teile kommen aus verschiedenen Ländern, und man hat einen gnadenlosen Zeitplan.»

Mühselig wie ein Mandala

Das ist bei «Molly Monster, the Movie» nicht anders. Im Frühjahr 2016 soll der Film in die Kinos kommen. Wo er zurzeit steht, ist gar nicht so einfach zu umschreiben. Sieger spricht von «Animatic» und führt am Computer gleich ein paar Szenen vor. Das sieht aus wie die ältesten Mickymaus-Filme – skizzenartige Striche, schwarzweiss, schemenhafte Hintergründe. Geschichte und Storyboard stehen bereits, die Stimmen (geplant sind beeindruckende sieben Sprachversionen) sind zum Teil schon aufgenommen. Dazu kommen nun nach und nach das Layout und die Animation, Hintergründe, Farben, das Licht, Spezialeffekte, Musik und die Verquickung der – bewusst ganz altmodisch – auf Papier gezeichneten Animation mit den im Computer generierten Sequenzen. Kurz: eine Riesenarbeit.

Sieger vergleicht das langsame Entstehen eines Animationsfilms mit den Mandalas buddhistischer Mönche, diesen hoch detaillierten, mühevoll hergestellten, bedächtig wachsenden Bildern aus Sand. «Am Ende blasen die Mönche sie einfach weg. Bei einem Animationsfilm ist es ähnlich. Er flimmert über die Leinwand, und man weiss nicht, was davon bleibt.» Wie auch immer: An Siegers Wäscheleinen jedenfalls hängen schon die Skizzen neuer Projekte. Am meisten Raum nimmt jedoch nach wie vor das meterlange Panorama von Monsterland ein, mit Bergen, Vulkanen, der Ei-Insel – und einer Schlucht. Die ist besonders wichtig: «In jedem meiner Filme gibt es eine Schlucht. ‹Der vierte König› zum Beispiel habe ich nur gemacht, damit ich hundert Kamele – meine Lieblingstiere – über eine Schlucht treiben kann.» Sieger spricht von einer Prüfung, die seine Protagonisten zu überwinden hätten, von einem «Schicksalssprung» und davon, wie reizvoll Schluchten – und Kamele – visuell seien. Hundert Kamele, einen Moment lang schwerelos: So geht Siegers Leichtigkeit.

www.mollymonster.tv

«Man darf seine Ideen nicht von einem Produzenten verbiegen lassen»: Animationsfilmer Ted Sieger. Foto: Adrian Moser (Der Bund)

Erstellt: 01.05.2014, 13:08 Uhr

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