Das Klischee von der verführerischen Mrs. Robinson

Die #MeToo-Vorreiterin Asia Argento soll einen Minderjährigen sexuell missbraucht haben. Der Fall zeigt, dass die Bewegung notwendiger ist denn je.

Streitet die Anschuldigungen ab: Die Schauspielerin Asia Argento.

Streitet die Anschuldigungen ab: Die Schauspielerin Asia Argento. Bild: Keystone

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Sie gilt als eine der Vorreiterinnen der #MeToo-Kampagne, nun ist sie selber mit Vorwürfen konfrontiert: Asia Argento. Die 42-jährige Schauspielerin soll 2013 den damals 17-jährigen Jimmy Bennett betrunken gemacht und dann sexuell missbraucht haben. Dies berichtete am Wochenende die «New York Times». Argento dementiert die Vorwürfe, Mitstreiterin Rose McGowan twittert: «My heart is broken.»

Es ist kaum erstaunlich, dass der Fall in den USA für heftige Reaktionen sorgt. Machtmissbrauch und sexuelle Gewalt in Hollywood waren schliesslich die grossen Themen des vergangenen Jahres. Dementsprechend gross sind nun auch die Befürchtungen, die #MeToo-Bewegung könnte unter dem Fall Argento Schaden nehmen. Und tatsächlich liess die Häme in Kommentarspalten von Zeitungen und auf Social Media nicht lange auf sich warten: Sätze wie «die Bewegung ist am Ende», waren da zu lesen; die Ausrufe «Heuchelei» und «Karma» machen die Runde.

Das Opfer wird verunglimpft

Dabei zeigt der Fall unabhängig der Schuldfrage schon jetzt, dass #MeToo nichts an Aktualität eingebüsst hat. Denn die Opfer, egal welchen Geschlechts, werden zunächst einmal angegriffen und verunglimpft. Jimmy Bennett hätte sich ja wehren können, las man in den vergangenen Tagen immer wieder. Zusätzlich wird die Ernsthaftigkeit von Bennetts Opferstatus angezweifelt, schliesslich hat der junge Mann von Argento Geld genommen.

Gleichzeitig zeigt der Fall aber auch auf, welche verkorksten Auffassungen von männlicher Sexualität und Geschlechterrollen in der Gesellschaft vorherrschen. Der Social-Media-Redaktor der Zeitschrift «Stern» sammelte einige Wortmeldung meist männlicher Leser. Ein paar Beispiele: «So wäre ich seinerzeit mit 17 auch gern von einer scharfen Braut wie ihr ‹traumatisiert› worden.» «Der arme Junge hat Oralsex bekommen… » «Schwere Vorwürfe? Da träumt jeder 17-jährige Heterosexuelle von.»

Ähnlich klang es, als der Schauspieler Shia LaBoeuf vor einigen Jahren während einer Kunstaktion von einer Frau missbraucht wurde: Männer gratulierten ihm, Zeitungen taten alles, nicht das Wort «Vergewaltigung» benützen zu müssen. Dabei gehen europäische Studien davon aus, dass rund 19 Prozent der Opfer häuslicher Gewalt Männer sind. In wissenschaftlichen Umfragen aus Deutschland, Österreich oder Grossbritannien gaben bis zu 12 Prozent der Männer an, schon einmal Opfer sexueller Gewalt geworden zu sein. Klar, diese Zahlen sind bei den Frauen nach wie vor höher. Doch vermutet man bei Männern eine beachtliche Dunkelziffer.

Keine Mrs. Robinson

Denn das Thema war bisher weitgehend tabu. Männer schweigen, weil sie nach alten Rollenbildern dazu erzogen werden, ja stark und wehrhaft zu sein. Gesellschaft und Medien tun sich schwer damit, den Mann auch als Opfer sexueller Gewalt anzuerkennen. Schliesslich ist er ja selbst oft Täter.

Schliesslich gilt er von Natur aus als sexuell so unersättlich, dass ihm auch ein Übergriff nur gelegen kommen muss. Denn Kommentare, wie jene die der «Stern»-Redaktor zusammengetragen hat, verharmlosen den Vorfall zwischen Asia Argento und Jimmy Bennett. Sie heben ihn auf die Ebene eines hartnäckigen, populär-kulturellen Klischees: Mrs. Robinson, die in «The Graduate» den sexuell unerfahrenen und unbeholfenen Benjamin Braddock verführt. Aber Asia Argento ist nicht Mrs. Robinson, Jimmy Bennett ist nicht Benjamin Braddock, und Sex ohne gegenseitiges Einvernehmen ist nicht romantisch.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.08.2018, 20:10 Uhr

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