«Das Kino hat mich vorangebracht»

Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck hat keinen neuen Film gedreht, dafür ein schmales Buch geschrieben. In «Kino!» denkt er über Hollywood nach und schilt die Langsamkeit des deutschen Films.

«Ich träume von der Idee des demokratischen Films»: Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck. Foto: Munawar Hosain (Getty)

«Ich träume von der Idee des demokratischen Films»: Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck. Foto: Munawar Hosain (Getty)

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Aus Ihrem Buch spricht der feste Glaube daran, dass das Kino die Welt verbessern kann. Ist das die Sicht eines Romantikers?
Ja. Ich glaube schon, dass ich mich durch das Kino zum Besseren verändert habe. Ich habe tiefere Einsichten gewonnen und bin mitfühlender geworden. Das Kino hat mich bei Themen wie Homosexualität und Rassismus, die in meiner Jugend noch kontrovers waren, sehr vorangebracht. Es soll mal einer in «Brokeback Mountain» gehen und danach glauben, er könne homophob bleiben. Es soll sich einer «Remember the Titans» mit Denzel Washington anschauen und danach sagen, Schwarze seien eine andere Menschenart. Das geht nicht.

Sie schreiben auch von der «Weite» und dem «Abenteuer» des Kinos. Eine Flucht aus der Bürgerlichkeit?
Vielleicht will ich mir mit dem Buch Mut machen. Aber wenn das Kino nicht versucht, die Dinge zu verändern, kann man es gleich sein lassen. Zwischen Wirklichkeit und Kino gibt es einen fundamentalen Unterschied: Im Leben ist die Dramatik beiläufig, fast unmerklich. Quasi unwagnerianisch, die furchtbaren und die grossen Momente sind sehr un-sinfonisch. Erst im Nachhinein merkt man, wann der Wendepunkt war. Im Kino hingegen hat man die Möglichkeit, das Leben so darzustellen, als hätten diese Momente die Grösse, die sie auch wirklich haben. Man kann schwindel­erregend dramatische Szenen erzeugen.

Man gewinnt den Eindruck, dass Sie Hollywood bewundern und zugleich Abstand nehmen von einer sehr amerikanischen Kulturform.
Das ist eigentlich gut ausgedrückt. Ich wollte mir über meine Grundprinzipien klar werden. Was fesselt mich im Kino? Was läuft in Europa und Hollywood falsch? Hollywood hat sich in den letzten zwanzig Jahren sehr verändert, die Filme, die mich stark geprägt haben, gibt es so nicht mehr. Die Frage ist: Würde mich das heutige Hollywood genauso prägen, wenn ich jetzt jung wäre?

Also: Kann man von «Iron Man 3» ein Leben lang geprägt werden?
Es gibt ja weiterhin gehaltvolle Filme, und wir alle wollen spektakuläre Dinge sehen. Aber bis zu dem Zeitpunkt, als Firmen wie Sony die grossen Studios übernommen haben und berechenbare Resultate forderten, gab es Filme, die beides kombiniert haben, etwa jene von Sydney Pollack. Da herrschte eher der Gedanke vor, dass man innerhalb des Systems gehaltvolle Filme auf höchstem Niveau machen kann. Ich glaube immer noch an diese Möglichkeit.

Sie nennen in «Kino!» Inspirationen, von «Star Wars» bis «Groundhog Day». Wenn Sie von solchen Beispielen ausgehen, welches Hollywood imaginieren Sie heute?
Ich träume von der Idee des demokratischen Films. Von einem Erlebnis, das alle berührt, unabhängig von Alter und Bildung. So ein Film müsste aber unprätentiös sein. Ich finde wenig so abschreckend wie einen Film, der mit einer Fahne daherkommt, auf der steht: «Ich bin ein wichtiger Film!» Manchmal bietet das Kino oberflächlich gesehen ­Unterhaltung, aber bei «Groundhog Day» merkt man dann, dass man fast ein Leben lang über den Inhalt nachdenken kann. Ich frage mich, ob jene Filme, die nicht als hintergründig daherkommen, nicht vielleicht tiefere Aussagen zu Zeitphänomenen machen.

Sie stört auch die «Trauer und Langsamkeit» des deutschen Films. Welche Feindbilder haben Sie da?
Feindbilder wäre zu viel gesagt. Aber mir fehlt im deutschen Kino der Wunsch, die Leinwand ganz auszumalen. Der ­rubenssche Geist sozusagen. Man macht ja keine Rötelzeichnungen, sondern verwendet die gleiche Leinwand, wie sie auch David Lynch verwendet. Man kann die Welt nicht verändern, wenn man eine triste kleine Geschichte erzählt. Man muss sich quälen, um zu gestalten.

Von Ihnen allerdings hat man seit «The Tourist» keinen Film mehr gesehen. Haben Sie das Buch auf Entzug geschrieben?
Nein. Aber es gibt viele Regisseure, die sich auf das Handwerk des Regieführens verlagern. Sie lesen Drehbücher, wählen das beste aus und verfilmen es dann. Alle anderthalb Jahre macht man so seinen Film und hat am Ende ein Werk in Anführungszeichen. Aber im Feinstoff­lichen, als Reise der Selbstentdeckung, ist das für mich keine befriedigende Art der Arbeit. Ich will einen Film angehen, sobald ich das Gefühl habe, dass ich ­etwas verstanden habe. Bis dahin bastle ich daran, die Einsichten zu vertiefen.

Sie schreiben auch von einem grenzenlosen amerikanischen Film-Esperanto. Wollen Sie ein deutsches Esperanto entwickeln?
Ein europäisches vielleicht. Womöglich gibt es in der europäischen Kultur viel mehr Gemeinsamkeiten als in der amerikanischen. Europa müsste vielleicht gezielt zusammenwachsen, damit man auch hier ein kulturelles Alternativangebot entwickeln kann, auch fürs Kino.

Was für ein Kino wäre dieses europäische Kino?
Eines, das den Resonanzkörper Europa zum Klingen bringt. Das nicht den kleinsten gemeinsamen Nenner sucht, bis hin zur Qualitätsreduktion. Das ­Bildungsbürgertum und die Idee, dass man sich durch Kultur weiterent­wickeln kann, sind für mich hohe Ideale. Und ­irgendwie ist das auch das Fundament Europas. Vermutlich lässt sich auch im Kino auf diesem Fundament gut bauen.

Wobei «Das Leben der anderen» eine sehr deutsche Geschichte erzählt. Die Sprache hat den Film ja nicht davor bewahrt, einen Oscar zu gewinnen.
Ich glaube, erst die spürbare Suche nach einer Wahrheit überspringt alle Grenzen der Sprache. Da kann uns das Kino zeigen, wie gross unsere Gemeinsamkeiten sind. Ich finde es immer seltsam, wenn sich Leute beschweren, dass schlechte Filme Erfolg haben. Das ist doch egal. Beschweren müsste man sich darüber, dass tolle Filme untergehen.

Sie träumen vom europäischen Kino und wollen Hollywood nicht als Handwerker dienen. Wie viele Bücher müssen Sie noch schreiben, bis Sie wieder einen Film drehen?
(lacht) Ich arbeite an einem Drehbuch, über das ich jetzt nicht reden werde, und bin hoffentlich bald wieder so weit. Ich quäle mich schon lange mit der ­Recherche und glaube, ich kann einen Film machen, der mir wirklich gefällt. Ich denke, auf gewisse Art wird alles, was man in einen Film hineinsteckt, am Schluss sichtbar. Vielleicht lasse ich mir aber auch einfach zu viel Zeit.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.04.2015, 18:50 Uhr

Das «Kino!» des Grafen

Donnersmarcks Filmbuch

Sein voller Name ist Florian Maria Georg Christian Graf Henckel von Donnersmarck. So etwas prägt wahrscheinlich. Sein Zweitstudium an der Münchner Hochschule für Film und Fernsehen brach er bald mit geradezu aristokratischem Selbstbewusstsein ab, um sich Zeit zu nehmen für «Das Leben der anderen» (2005), worin ein Stasi-Offizier an der Moralität seines Auftrags zweifelt. Das führte auf geradem Weg zum Oscar für den besten fremdsprachigen Film. Danach folgte allerdings nur noch «The Tourist», ein recht misslungenes Werk. Und seither ist es um Donnersmarck etwas still geworden. Doch hat er einiges geschrieben, dabei ist das schmale Buch «Kino!» entstanden. Es versammelt kurze Texte, nicht immer durchgeführte Gedanken, oft nur Gedankensplitter. Sie handeln von der Liebe zur Schauspielerei oder vom Kompromiss zwischen Mainstream und Hochkultur. Man kann nicht von einem langen filmtheoretischen Atem reden. Aber doch von einer gescheiten Mischung aus ironischen Anmerkungen und der Sehnsucht, mit Kino die Welt besser zu machen. (csr)

Florian Henckel von Donnersmarck: Kino! Suhrkamp, Berlin 2015. 127 S., ca. 20 Fr.

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