Bern, Schummertal und die Welt

Ein schöner Treffer und ein zwiespältiger Schiedsrichterentscheid: Die Jury des Berner Filmpreises zeichnet «Der Goalie bin ig» und «Elégie pour un phare» aus.

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Die grosse Frage im Vorfeld war ja die, ob man am «Goalie» vorbeikommt. Nein, kommt man nicht, und das ist auch gut so. «Der Goalie bin ig» erhält einen der zwei mit 20'000 Franken dotierten grossen Filmpreise, wie Jury-Präsidentin Lucie Bader am Samstagabend zum Abschluss des 3. Berner Filmpreisfestivals verkündete.

«Der Goalie bin ig» war in der Tat herausragend unter den insgesamt 15 Filmen, die am Filmpreisfestival ins Rennen gingen. Nicht nur als einziger Spielfilm, nein, auch was das Budget, die Reichweite, die Resonanz oder die Publikumszahlen (bisher über 120'000) anging. Und natürlich als geglückter Versuch, den Roman von Pedro Lenz über den sympathischen Verlierer aus dem imaginären, aber allzu vertrauten Ort Schummertal auf die Leinwand zu bringen: mit Atmosphäre, Charme und markanten Charakteren. Keine Überraschung also, und ein begeisterter Produzent Michael Steiger sagte am Samstag im Kino in der Reitschule nicht etwa, dass er gehofft habe zu gewinnen, sondern, er habe Angst gehabt, «dass wir den Preis nicht gewinnen.»

Was die übrigen Auszeichnungen betraf, so war die Sache weniger eindeutig als etwa in den vergangenen zwei Jahren, als man mit Sophie Huber, Simon Baumann, Jeshua Dreyfus oder den Machern von «Mary & Johnny» besonders wagemutige Nachwuchskräfte belohnen konnte. Dieses Jahr war die Innovationsdichte geringer, was aber nicht heisst, dass es keine überzeugenden Filme gegeben hätte. So vergab die Jury (die jeweils frei ist, wie sie die insgesamt 60'000 Franken aufteilt) gleich zwei Anerkennungspreise à 10'000 Franken: einmal an Irene Loebell, die im Dokumentarfilm «Life in Progress» äusserst sensibel drei junge Menschen in einem Johannesburger Township über längere Zeit begleitet (der Film kommt im März in die Kinos); einmal an Nils Hedinger, der im kurzen Animationsfilm «Timber» eine bizarre Idee – Holzstücke machen ein Feuer, um sich zu wärmen – doppelbödig umsetzt.

Sand bis zum Hals

Mit «Elégie pour un phare» von Dominique de Rivaz schliesslich zeichnete die Jury einen Essayfilm mit dem zweiten grossen Preis aus – und verdeutlichte damit, wie gross das formale Spektrum heuer war. Der Treibstoff von de Rivaz’ sehr persönlicher Arbeit ist die Trauer um den toten Vater, welche sie bis in den äussersten Norden Russlands bringt. Dort, in einem Dorf namens Schoina, gibt es einen Leuchtturm, der abgeschaltet wird, weil er überflüssig wurde: Das Meer ist weg, geblieben ist einzig der Sand, der von den Menschen beständig weggeschaufelt werden muss, bevor er ihre Häuser auffrisst. Ein Ort für die Autorin, um ihrem Verlust zu begegnen.

De Rivaz entwickelt einen fotografischen Blick, verlangsamt ihren Film schier bis zum Stillstand und findet bestechende Bilder, die ihren Kummer illustrieren – das ist aber gerade das Zwiespältigkeit an ihrem Unternehmen. Denn wo sie den essayistischen Weg geht, wäre womöglich ein dokumentarischer angebracht gewesen: Fast nichts erfährt man darüber, warum das Weisse Meer sich zurückgezogen hat und wie es den Menschen in Schoina ergeht, denen der Sand sozusagen bis zum Hals steht. Sie bleiben in de Rivaz’ Film stumme Lieferanten von Bildern, und ihr Dorf, mit Rostlauben von ausgemusterten Armeefahrzeugen übersät, der Melancholie-Generator und die Kulisse für die Seelenexpeditionen einer Trauernden: Das gibt dem Ganzen etwas unangenehm Egozentrisches.

Immerhin: «Elégie pour un phare» ist einer unter mehreren Berner Filmen, die das Weite suchen und damit zeigen, dass auch dem hiesigen Schaffen Weltläufigkeit innewohnt. Irene Loebell in Südafrika, Verena Endtner («Glückspilze») in St. Petersburg oder Andreas Pfiffner («Le sacre de Cisco Aznar») in Südamerika: Der Blick geht über den Tellerrand hinaus. Doch auch in der Nähe finden sich Sujets, bei denen es sich hinzuschauen lohnt, etwa in Bernhard Nicks verspieltem Film über den unvergesslichen Carlo E. Lischetti («Der Gegenwart»), Andreas Bergers Reitschule-Porträt «Welcome to Hell» oder Andrea Leila Kühnis reizendem Kurzfilm «Der Antiquar am Hirschengraben» (der einen Publikumspreis gewann).

Demnächst im ganzen Kanton

Ein befriedigendes Berner Filmjahr also, das Lust macht aufs nächste, wenn manche der Berner Spielfilme, die zurzeit in Arbeit sind (siehe «Kleinen Bund» vom 29. Oktober), um den Filmpreis konkurrieren werden. Das dazugehörige Filmpreisfestival übrigens, so haben die Organisatoren angekündigt, findet dann nicht nur in der Stadt Bern, sondern im ganzen Kanton statt. Auch dies ein Zeichen von Weltläufigkeit – in Berner Dimensionen zumindest.

Verleihung der Berner Filmpreise: Mittwoch, 3. Dezember, Dampfzentrale. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 02.11.2014, 12:54 Uhr

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Die Berner Filmpreise 2014

Jury- und Publikumspreise

Die mit je 20000 Franken dotierten Berner Filmpreise 2014 gehen an den Filmessay «Elégie pour un phare» von Dominique de Rivaz und an den Spielfilm «Der Goalie bin ig» von Sabine Boss. Mit Anerkennungspreisen über 10000 Franken hat die Jury den Dokumentarfilm «Life in Progress» von Irene Loebell sowie den Animationsfilm «Timber »von Nils Hedinger ausgezeichnet. Schliesslich hat das Publikum des Berner Filmpreisfestivals ebenfalls zwei Preise vergeben: einen an «Der Antiquar am Hirschengraben» von Andrea Leila Kühni und einen an «Der Goalie bin ig». (klb)

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