Astérix gegen Superman

Was Comicfiguren über die französisch-amerikanischen Spannungen sagen.

Kulturelles Unbehagen: Euro-Disneyland in Marne-la-Vallée bei Paris. Foto: Benoit Tessier (Reuters)

Kulturelles Unbehagen: Euro-Disneyland in Marne-la-Vallée bei Paris. Foto: Benoit Tessier (Reuters)

(Bild: Illustarion: Widmer.)

Jean-Martin Büttner@Jemab

Superman fliegt, Seesslen schreibt. Mit stählerner Präzision analysiert der Filmtheoretiker Georg Seesslen die faschistoiden und religiösen Zeichen, mit denen die amerikanischen Comic-Helden bei der Neuverfilmung ausgestattet werden («Tages-Anzeiger» vom Montag). Erst Batman und jetzt Superman, zuerst der mit den Ohren und dann der mit dem Cape. Superheroisch, extramuskulös, ultrahumorfrei.

Die amerikanischen Comicstars haben die Welt erobert, unterworfen, hollywoodisiert. Die ganze Welt? Fast. Ein gallisches Dorf widersteht dem amerikanischen Kulturimperialismus. Es behauptet sich dank einer Figur, die das Gegenteil ihrer Gegner verkörpert. Die amerikanischen Stars sind gross, Astérix ist so klein wie das typografische Sternchen, auf das sein Name verweist. Stark wird er nur dank dem Zaubertrank, aber der hält nicht lang. Der Kleine muss listig sein.

Faustrecht der Freiheit

Wie es sich für ein französisches Heldenepos gehört, lebt die Comicserie auch von der Sprache, jedenfalls tat sie das zu Lebzeiten von René Goscinny mit seinen Wortspielen, Zitaten, Andeutungen, politischen Bezügen und Bildungsparodien. Während Superman seine Luftschlachten schlägt, bekämpfen die Gallier die römischen Armeen mit Faust und Trank. Während Batman durchs dunkle Gotham City gleitet, rösten Astérix und Obélix ihre Wildschweine. Superman und Batman führen Krieg, Astérix und seine Freunde wollen den Frieden haben. Totalitäre Weltbefreiungsfantasien sind bei ihnen nicht zu haben.

Die unvereinbaren Figuren bestätigen das Unbehagen ihrer Länder – historisch, politisch, kulturell. Die Abneigung zwischen den USA und Frankreich, zwischenzeitlich zum Hass gesteigert, gründet in enttäuschter Liebe; das erklärt ihre Intensität. Frankreich unterstützte im 18. Jahrhundert die Amerikanische Revolution und wurde von den USA im 20. Jahrhundert befreit. Die Freiheitsstatue ist ein französisches Geschenk, das europäische Disneyland seht auf französischem Boden. Umfragen zeigen, dass die Franzosen die Amerikaner durchaus mögen.

Für die Amerikaner bleibt Paris, was Las Vegas bei allem Luxus nie sein wird: Stadt der Liebe. Die Amerikaner sind fasziniert von der französischen Kultur, gerade weil sie sich ihnen widersetzt. Sie hassen die französische Arroganz, weil sie sie heimlich bewundern. Stil, Sünde und Sinnlichkeit sind für sie französische Synonyme.

Absolutely – absolument pas

Doch die Differenzen dominieren. Vor zwei Wochen wäre das EU-Mandat für die – seit Jahrzehnten geplanten – Freihandelsverhandlungen mit den USA beinahe gescheitert: an einem französischen Veto. Zuletzt einigten sich die Parteien darauf, die audiovisuellen Dienste von den Verhandlungen auszunehmen, wenigstens auf Zeit. «Exception culturelle» nennen es die Franzosen. Wie bei den Unesco-Verhandlungen 2005 wehrt sich Frankreich für die kulturelle Vielfalt und gegen die Amerikanisierung. Die Amerikaner sehen die französische Kulturförderung als Protektionismus, gar als Einschränkung der Meinungsfreiheit.

Auch wer die amerikanische Kultur liebt, wird diese Argumentation seltsam finden. Die USA können ihre englischsprachigen Originalfilme, Serien und CDs fast überallhin exportieren, sind also im globalen Vorteil. Superman fliegt über die ganze Welt, ob sie von ihm gerettet werden will oder nicht. Pax Americana: wenn Hilfe nicht ausgeschlagen werden kann, ohne zur Drohung zu werden.

Tages-Anzeiger

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt