Adieu, mein Bruder!

Für immer Winnetou: Pierre Brice, Darsteller des edlen Apachenhäuptlings aus Karl May, ist am Samstag in Paris gestorben.

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Man sieht es noch vor sich, und man fühlt es sogar: dieses schweisselnde Gedränge, dieses Eingeklemmtsein vor dem Eingangsgitter des Kinos Uhu in Lies­tal, Baselland, über welches der Herr Affolter herrschte mit eiserner Hand. Er schätzte es nicht, wenn Buben taten wie die Wilden, und liess das Gitter jus­tament etwas länger zu als nötig. Denn der Affolter konnte es nicht so mit Kindern und hatte vielleicht keine Ahnung von ihrer inneren Aufregung, damals 1964, als Winnetou nach Liestal kam, Eintritt ab zehn Jahren.

Aber er hat dann doch endlich aufgemacht, und da erlebte man ihn zum ersten Mal: Pierre Brice, wie er ritt durch kroatischen Karst, den man für amerikanisch hielt, und danach sah Winnetou, der Mescalero-Apache, für immer so aus. Sein Ruhm war beschränkt auf den deutschsprachigen Raum, wo der alte Karl May – gelesen oder nicht – etwas galt, aber da war er gewaltig und wurde für Brice so etwas wie Schicksal.

Rolle akzeptiert in Demut

Durch elf May-Filme hat er sich nobel geschlagen, eine Ikone des Edelmuts im deutschen Genre des «Sauerkrautwesterns» vom «Schatz im Silbersee» (1962) bis zu «Winnetou und Shatterhand im Tal der Toten» (1968), durch ein paar Fernsehfilme auch («Mein Freund Winnetou», 1980, oder «Winnetous Rückkehr», 1998) als apachischer Wiedergänger und Wiedergänger des Wiedergängers. Derart klebte dieser Winnetou an seinem Darsteller, dass man ihn zwang, sich selbst zu überleben. Und dabei war der dritte Teil von «Winnetou» (1965) Pierre Brice doch der liebste, und die Sterbeszene darin zählte er zu seinen künstlerischen Höhepunkten. Aber man gönnte der Figur ihr Sterben nicht und dem Schauspieler nicht die Erlösung.

Er war halt einfach perfekt in seinem geradezu überindianischen Naturadel. Es konnte ihm keiner das Wasser reichen in seiner steifledernen Eleganz, in der sanften, fast femininen Noblesse (darin war er ganz nah bei Karl Mays Winnetou-Bild) und in der berührend unironischen Ehrenhaftigkeit. Und vielleicht war ­Pierre Brice, geboren 1929 in Brest als Pierre Louis Baron de Bris, diese ernste Vornehmheit ja angeboren, und er wollte gar nicht erlöst werden.

Entzückende Männer mit Talent zur Tiefe

Seine Lebensrolle hat er akzeptiert in Demut und in Dankbarkeit, denn sie machte ihn wohlhabend und wahrscheinlich zufrieden. Aber es blieb wohl auch ein leises Bedauern. Er wäre in Europa, in Frankreich vor allem, gern bekannter geworden für seine Wandelbarkeit, das bestimmt. Er hat auch früh versucht, es zu werden, als Mörder, Agent oder Degenfechter (nach seinem sehr realen freiwilligen Militärdienst in Indochina und im Algerienkrieg: Auf diese Zeit war er irritierend stolz).

Die Rollen der entzückenden Männer mit Talent zur Tiefe waren im französischen Film jedoch schon besetzt vom jüngeren Alain Delon und dem komödiantischen Draufgänger Jean-Paul Belmondo, da tat sich für Pierre Brice keine Tür mehr auf ins Charakterfach.

Fürsorglicher, freundlicher Mensch

Und so gab er dem Winnetou, was des Winnetous war, noch mit 62 live bei den Karl-May-Spielen in Bad Segeberg, in altersloser Sportlichkeit, wie berichtet wird. Und war im Übrigen der fürsorgliche, freundliche Mensch, der sich bei der Filmarbeit um seine Partnerinnen brüderlich kümmerte (so erzählte Marie Versini, die unglückliche Winnetou-Schwester Nscho-tschi aus «Winnetou 1», vorgestern in einem Interview). Und wurde Unicef-Botschafter, weil ihm die Kinder dieser Welt nicht egal waren.

Es muss etwas vom Winnetou in ihm gewesen sein. Am letzten Samstag ist Pierre Brice 86-jährig in Paris gestorben, und wir schreiben jetzt nicht, er sei in die ewigen Jagdgründe eingegangen. Denn bei Karl May und im Film «Winnetou 3» glaubte der Häuptling am Ende an den christlichen Himmel. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 08.06.2015, 08:31 Uhr

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