Auf dass ein Wunder geschehe

Dieser Film ist gescheiter, als er tut: die französische Doku-Komödie «La vierge, les coptes et moi».

Filmemacher Namir Abdel Messeeh mit Grossmutter und Mikrofon.

Filmemacher Namir Abdel Messeeh mit Grossmutter und Mikrofon. Bild: zvg

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Man könnte ihn für den typischen Film einer ziellosen Generation halten: In «La vierge, les coptes et moi» macht sich ein Jungfilmer, aufgewachsen in Frankreich als Sohn ausgewanderter Ägypter, an sein erstes längeres Dokumentarfilmprojekt - und wird sich heillos verzetteln.

Die Idee dazu kommt ihm, als er an Weihnachten (er ist koptischer, also christlicher Herkunft) im Familienkreis das verwackelte Video einer Erscheinung der Heiligen Jungfrau anschaut - und seine Mutter plötzlich aufschreit, sie habe Maria gesehen. Also plant Namir, der Filmemacher, in Kairo einen Dokfilm über Marien-Erscheinungen zu drehen und dabei auch gleich etwas über Ägypten, die Kopten und seine eigene Herkunft zu erfahren.

Sein Produzent, der im Film nur als Stimme auf dem Anrufbeantworter erscheint, mahnt ihn, er solle sich auf ein einziges Thema konzentrieren - entweder die Jungfrau, die Kopten oder die Familiengeschichte. Wie sehr sich Namir das zu Herzen nimmt, zeigt der Titel seines Films: «La vierge, les coptes et moi».

Grandiose Schlaumeierei

Namir Abdel Messeehs Erstling gehört zu jenen Dokumentarfilmen, welche die Filmarbeit selber zum Thema werden lassen - das Scheitern inklusive. Denn Namirs Recherche in Kairo kommt bald ins Stocken, und als er nach etlichen verplemperten Drehtagen ins Hinterland aufbricht, wo ein Fest zu Ehren der Jungfrau gefeiert wird, schmeisst der Produzent den Bettel hin.

Daraufhin fliegt Namirs resolute Mutter nach Ägypten, verwaltet den kleinen Rest des für den Dreh vorgesehenen Geldes und begleitet ihren Sohn in das Dorf, wo ihre Verwandtschaft wohnt. Hier schlägt der Film weitere Haken und wird gegen Schluss zu einer grandiosen Schlaumeierei: als Namir nämlich der Idee verfällt, mit den mausarmen Dorfbewohnern eine Marien-Erscheinung nachzustellen.

Entspannt im Minenfeld

Warum der Zuschauer diese dramaturgische Irrfahrt mitmacht? Weil «La vierge, les coptes et moi» das Thema Religion mit grosser Entspanntheit angeht, notabene in einem Land, wo jeder sich in ein Minenfeld begibt, der etwas über das Zusammenleben von Christen und Muslimen erfahren will.

Und weil der Film gescheiter ist, als er tut: Denn was sind Filmbilder anderes als immaterielle, wundersame Erscheinungen aus Licht, die Massen in Ekstase versetzen können? Wenn am Ende ein ganzes Dorf mit offenem Mund über sein eigenes Marien-Theater staunt, dann ist die Magie auf der Leinwand zwar handgestrickt, aber nicht weniger wirkungsvoll. (Der Bund)

Erstellt: 04.05.2013, 12:15 Uhr

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Der Film läuft ab 5.5. im Kino Kunstmuseum.

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