Keine Gutenachtgeschichte

Der Berner Mirko Beetschen legt mit seinem Zweitling «Bel Veder» ein spannendes und finsteres Stück Schauerliteratur vor. Wer Ferien in einem abgelegenen Hotel plant, lässt das besser.

So könnte der Schauplatz aussehen: Das ist jedoch nicht das fiktive Hotel Bel Veder auf der Finsternalp, sondern das Hotel Rosenlaui.

So könnte der Schauplatz aussehen: Das ist jedoch nicht das fiktive Hotel Bel Veder auf der Finsternalp, sondern das Hotel Rosenlaui. Bild: zvg

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«Dies ist keine Gutenachtgeschichte», warnt ein namenloser Herausgeber im Vorwort des Romans «Bel Veder». Dabei seien die in der Folge geschilderten Ereignisse nicht etwa seiner Fantasie entsprungen, sondern stammten aus einem Manuskript, in dessen Besitz er zufälligerweise gelangt sei. Auch wenn die Begebenheiten abstrus klingen würden, so hätten sie sich wohl tatsächlich so zugetragen. Zumindest legten dies die intensiven Recherchen nahe, welche er angestellt habe.

Die Geschehnisse rund um das verlassene Grand Hotel Bel Veder sind tatsächlich nicht als Einschlaflektüre für Kinder geeignet. Vielmehr legt der in Interlaken beheimatete Schriftsteller Mirko Beetschen mit «Bel Veder» ein spannendes und finsteres Stück Schauerliteratur vor. Dass behauptet wird, die geschilderten Ereignisse seien nicht fiktiver Natur, ist ein in der Literaturgeschichte bekannter Kniff, wie auch der Herausgeber selber im Vorwort eingesteht. Funktionieren tut dieser Kniff für Schauergeschichten aber immer noch ganz formidabel. Übersinnliches wird gleich noch ein bisschen unheimlicher, weil es sich ja vielleicht trotz allem so zugetragen haben könnte.

Gothic Novel als Inspiration

Nachdem der 44-jährige Beetschen mit seinem Debütroman «Schattenbruder» 2014 ein Vexierspiel um Identität und Schein präsentierte, hat sich der studierte Anglist für sein zweites Werk «Bel Veder» offenbar von den englischen Gothic Novels inspirieren lassen. Mit diesen Schauerromanen, welche ihre Blüte zu Beginn des 19. Jahrhunderts erlebten, reagierten die damaligen Literaten auf die als fantasie- und seelenlos empfundene Rationalität der Aufklärung, indem sie in ihren Geschichten Übernatürliches und Mystisches verhandelten. Das tut auch Beetschen, spielt er in «Bel Veder» doch gekonnt mit Unerklärlichem.

Die Geschehnisse, welche sich im Jahr 1946 im leer stehenden Grand Hotel Bel Veder auf der Finsternalp im Berner Oberland ereignen, werden der Leserschaft in erster Linie durch die Perspektive der 34-jährigen Eleanor übermittelt. Diese hat eine lange und beschwerliche Seereise aus den USA ins Berner Oberland auf sich genommen, weil sie zu den wenigen noch lebenden Nachkommen des ehemaligen Besitzers des Grand Hotels Bel Veder gehört. Weil dieser spurlos verschwunden ist und für tot erklärt wurde, soll nun vor Ort geklärt werden, wer sein Erbe antreten darf. Ausser Eleanor haben sich auch Architekt Victor und dessen Freundin Claire aus Genf im Grand Hotel eingefunden, aus Berlin angereist ist eine weitere potenzielle Erbin: Margit.

Alle haben ein Geheimnis

Nebst dem, dass sich unter den Erb-Anwärterinnen ungute und gehässige Konkurrenz-Stimmung breitmacht, weil doch eigentlich alle das alte Hotel übernehmen möchten, beginnt sich im weitläufigen und seit 20 Jahren verlassenen Gebäudekomplex Unheimliches zu ereignen.

Seltsame Geräusche sind zu hören, jemand rüttelt an Türklinken, einmal stehen Zimmertüren offen, dann wieder lassen sich diese Türen unter keinen Umständen öffnen, offenbar gibt es versteckte Geheimräume, und die Gestalt eines alten Mannes geistert durchs Hotel. Auch ausserhalb der Hotelmauern lässt sich wenig Behagliches ­finden. Die Berglandschaft ist düster, schroff und menschenfeindlich, bei der Kapelle wird ein unidentifizierbarer Kadaver gefunden, und ein im Wald versteckter Brunnen ist von bizarren, furchteinflössenden Steinfiguren umgeben.

Hinzu kommt, dass jedes Mitglied der anwesenden Erbgemeinschaft ein Geheimnis mit sich herumträgt. Kaum jemand ist das, was er oder sie vorzugeben scheint. Naivität trifft auf Skrupellosigkeit – und bald einmal wird der erste Tote im Keller aufgebahrt. Als dann auch noch Schneefall einsetzt und das Grand Hotel von der Umwelt abgeschnitten wird – Genreliebhaber werden sich hier mit wohligem Grausen an das Overlook-Hotel in Stephen Kings Horror-Klassiker «The Shining» erinnert fühlen –, kommt es zum packenden Showdown.

Genealogie des Bösen

Mirko Beetschen erweist sich in «Bel Veder» als begnadeter Erzähler, der es versteht, Stimmungen adäquat einzufangen und Atmosphären dank sprachlicher Verdichtung schon fast physisch erlebbar zu machen.

Seine thematischen Exkurse in die Welt der Fremdenlegion und der Plantagen-Grossgrundbesitzer in Afrika erweitern den geografischen Handlungsraum und dienen gleichzeitig dazu, eine Genealogie des Bösen herzuleiten. Dank detaillierten Beschreibungen von Interieur und Räumlichkeiten – Beetschen hat sechs Jahre lang als Redaktor bei einer Architektur- und Wohnzeitschrift gearbeitet – wird das Hotel selber zu einem weiteren bedrohlichen Protagonisten.

Wer düstere und spannende Schauergeschichten mag, für den wird «Bel Veder» ein veritabler Pageturner sein. Wer allerdings demnächst Ferien in einem abgelegenen Hotel plant, lässt vielleicht besser die Finger davon.

Mirko Beetschen: «Bel Veder», Zytglogge-Verlag, Basel 2018. 443 Seiten, ca. 32 Fr. (Der Bund)

Erstellt: 15.10.2018, 06:40 Uhr

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