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Karotten in Kerzenständern

«Wahrheit»-Kolumnistin sieht in inoffiziellen Feiertagen zum grossen Teil Marketing-Aktionen.

Wissen Sie, welcher Tag heute ist? Heute ist kein gewöhnlicher Donnerstag, heute ist der Tag der Karotte. Und was tut man an einem solchen Tag? Man trifft sich mit seinen Freunden und serviert Karottenkuchen. Ein richtiger Karotten-Lover begeht diesen Tag ausserdem in einem Karottenkostüm (für Anfänger tun es ein oranger Pulli und eine grüne Mütze). Und auch das eigene Zuhause sollte in einem «heimeligen Karotten-Feeling» gestaltet werden. So formulieren es die Urheber dieses Feiertags auf ihrer Website. Doch wie bekommt man bloss ein überzeugendes Karotten-Feeling hin? Karotten in Kerzenständern?

Schuldig bleibt die Website auch die Antwort auf die Frage, wer hinter diesem Feiertag steckt – und warum man ihn überhaupt feiern sollte. Über eine mögliche Verbindung zum ebenfalls heute begangenen Tag des Vitamin C, zum Weltschlagzeugertag und zum Lauf-um-Dinge-herum-Tag kann also nur spekuliert werden.

Heutzutage kann ja jeder Tag des Jahres ein Feiertag sein – oft müssen sich sogar mehrere Feiertage einen Tag teilen. Wem Weihnachten zu religiös ist, kann am 24. anstatt der Geburt von Jesus einfach den Tag des Eierlikörs feiern (die Durchführung der Feierlichkeiten entsprechen jener der Karotte, auch wenn die Kostümierung etwas weniger Spielraum zulässt).

Auch ganz offiziell schreitet die Säkularisierung der gesetzlichen Feiertage weiter voran. So stritt man in Berlin bis vor kurzem, ob der Internationale Frauentag am 8. März zum gesetzlichen Feiertag erklärt werden soll (er wurde). Und anderswo? In der Volks­republik China ist der Nachmittag für Frauen arbeitsfrei, und in der auto­nomen Region Kurdistan gibt es seit 2012 immerhin einen Tag des traditionellen kurdischen Kleides (warum das Kleid hier eher mit Frauen in Verbindung gebracht wird als die Frau selbst, entzieht sich meiner Erklärungsmacht). Und die Schweiz? Die hat grade erst angefangen, darüber zu diskutieren.

Laut einer «20 Minuten»-Umfrage gibt es hier die folgenden möglichen Meinungen dazu: «1. Ja. Es ist 2019 und an der Zeit, Frauen zu feiern. 2. Nein. Wo wird das hinführen? Wir haben genug Freitage! 3. Ja! Hauptsache, frei! 4. Nein. Es gibt ja auch keinen Männertag, an dem man freihat. 5. Ja – aber nicht in den katholischen Kantonen, die haben schon genug Feiertage :-)» Bis jetzt scheinen die meisten «20 Minuten»-Leser und -Leserinnen mit Option 4 zu argumentieren, mit 53 Prozent. Vielleicht könnte man diesen Menschen ja zum Ausgleich einen Tag des traditionellen Männerslips anbieten.

Und damit zurück zu den idiotischen Feiertagen. Eine Frage lässt mich nicht ruhen: Wer in aller Welt entscheidet eigentlich über die Zulassung solcher Tage? Gibt es da ein Gremium mit Vertretern aus Wirtschaft, Politik und Kultur, die einmal im Jahr am 13. Juli, dem Tag der fröhlichen Arbeitnehmer, in Washington zusammenkommen, Pommes essen (der 13. Juli ist auch der Pommes-Tag) und über jede neue Eingabe beraten?

Die Schranken für die inoffiziellen Feiertage scheinen jedenfalls sehr tief zu liegen und zum grossen Teil Marketing-Aktionen zu sein. Also könnte auch ich theoretisch meinen eigenen Feiertag etablieren. Mein Vorschlag: der Alle-kuriosen-Feiertage-an-einem-Tag-Tag. Dann hätte ich den Rest des Jahres Ruhe.

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