«Jetzt bin ich hier angekommen»

In der Diskussionsreihe «‹Bund› im Gespräch» zeigte die Weltklasse-Geigerin und neue Camerata-Leiterin Patricia Kopatchinskaja, dass sie auch eine geistreiche Causeurin ist.

Ein Konzert sei halt nicht Wellness: Patricia Kopatchinskaja (rechts) stellte sich gestern den Fragen von Kulturredaktorin Marianne Mühlemann.

Ein Konzert sei halt nicht Wellness: Patricia Kopatchinskaja (rechts) stellte sich gestern den Fragen von Kulturredaktorin Marianne Mühlemann.

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«Was schiefgehen kann, ist doch eigentlich das Spannendste an einem Konzert», sagte Patricia Kopatchinskaja gegen Schluss des Gesprächs, als sie von ihrer völlig missratenen Fischsuppe erzählte und das Kochen mit der Musik verglich: «Es ist immer das gleiche Rezept, aber es schmeckt jedes Mal anders.» Und das Risiko, dass es einmal misslingt, nimmt die Geigerin, die auch eine passionierte Köchin ist, gern in Kauf. Nur so bleibt die Musik lebendig. Und darum geht es Patricia Kopatchinskaja, dieser wohl unkonventionellsten aller Berner Musikerinnen. Und nicht ums Unkonventionellsein an sich. Das wurde an der gestrigen Ausgabe von «‹Bund› im Gespräch» im Hotel Bellevue deutlich.

Obwohl: Kopatchinskaja ist auch schon mal im Skelettkostüm aufgetreten, wie sie in einer launigen Anekdote verriet. Sie habe damals den amerikanischen Veranstaltern untergejubelt, dass sie auch sonst in diesem Aufzug herumlaufe, um nicht noch viel Geld für eine Ankleiderin ausgeben zu müssen, wie es die Gewerkschaft vorschrieb.

Kopatchinskaja, das stellte sich in der kurzweiligen Stunde auch heraus, ist eine hervorragende Vermittlerin dessen, was sie umtreibt – ganz stark wurde ihr Feuer fürs Zeitgenössische spürbar, für die Komponisten von heute, für das Performative im Konzert und die Freiheiten der Interpretation, kurz: für eine Frischzellenkur im Klassikbetrieb, die natürlich nicht überall Anklang findet. Ein Konzert sei halt nicht Wellness, sagte Kopatchinskaja, es dürfe dem Publikum durchaus etwas abverlangen.

Auch an ihre Mitmusikerinnen und Mitmusiker stellt die Geigerin, die seit kurzem die Camerata Bern leitet, hohe Anforderungen: «Wir haben einzelne unbegrenzte Probetage. An denen geht niemand nach Hause, bevor nicht jeder Ton sitzt.» Und doch scheint die harte Arbeit Kopatchinskaja und ihre Mitstreiter zu beflügeln, der Posten bei der Camerata sei ein Traum, auch darum, weil sie zu Fuss nur 17 Minuten brauche von der Haustür bis zur Probe. «Jetzt bin ich hier angekommen.»

Im Gespräch mit Kulturredaktorin Marianne Mühlemann erzählte die 41-Jährige auch von ihrer Kindheit in Moldawien, auf dem Land, bei den Grosseltern. Die seelische Ruhe, die sie dort empfunden habe, empfinde sie auch hier in Bern, sagte sie, die mehr als hundert Auftritte pro Jahr absolviert und deren Kräfte, das räumte sie ein, dann doch nicht unerschöpflich sind. «Aber es geht nicht um mich.» Sondern um die Musik.

Kopatchinskajas Eltern waren in Moldawien Volksmusikstars, ihr Vater war ein offener Geist, der sich für verschiedene Stile und Künste interessierte, so wie seine Tochter jetzt auch. 1989 emigrierte die Familie in den Westen, erst nach Wien, und es war eine harte Landung. Zunächst musste sich der Vater als Bauarbeiter verdingen, zu Hause war man in Wien-Simmering, dem Arbeiterquartier, hauste auf wenigen Quadratmetern – wo alle Familienmitglieder gleichzeitig geübt hätten, so Kopatchinskaja. «Es war eine Lektion in Polyfonie – und in Demokratie. Jede Stimme zählte.»

Kopatchinskaja gab auch Privates preis – etwa, dass ihr Mann sie immer darin bestärkt habe, unkonventionell zu sein, oder dass sie ihren Grammy nicht bei sich zu Hause stehen haben wolle –, aber ebenso, was sie mit der Camerata vorhat: Epochengrenzen überschreiten, Stilschubladen und Hörgewohnheiten sprengen, die «Wahrnehmung erfrischen», wie sie es formulierte. Gestern Abend schaffte sie das auch ohne Instrument. Spielend.

Die Videoaufzeichnung des Gesprächs finden Sie unter gespraech.derbund.ch (Der Bund)

Erstellt: 17.09.2018, 21:44 Uhr

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